Trennungstext

Eine Trennung ist wie ein Todesfall: man weiß manchmal nicht, wie man weitermachen soll. Aber klar ist am Ende in jedem Fall: man muss weitermachen.

Ich sitze im Auto meines Bruders und blicke in die Abenddämmerung hinaus. Er macht irgendeine Metalplatte an, das letzte Mal, dass wir zusammen Auto fuhren, haben wir Caliban gehört. Ich bin auch jetzt kurz versucht, zu sagen, dass er Caliban anmachen kann. Doch dann muss ich an das Konzert denken, bei dem ich mit ihr war. So sehr ich diese Band liebe, gerade kann ich sie nicht hören. Sie hat sie mir gezeigt. Und vor vier Wochen hat sie mich verlassen. Ich bin wieder Single, mit Mitte 30, in der Provinz.

Und ich bin gerade in diesem Stadium von Liebeskummer, in dem die Selbstreflektion zum Selbstmitleid verelendet. In dem man Sätze ins Internet schreibt wie: „Ich bin wieder Single, mit Mitte 30, in der Provinz.“ Eine Freundin und meine Ärztin erzählten mir kürzlich, dass verlassen zu werden emotional dieselbe Wucht habe wie ein Todesfall. Sind Larmoyanz und Wehleidigkeit also legitim? Darf man also melancholisch oder gar melodramatisch sein?

Ich meinte sie, nicht das Gefühl

Zumindest in diesem Stadium von Liebeskummer, in dem einen wirklich alles an sie erinnert? Wenn jede noch so kleine alltägliche Verrichtung eine Triggerwarnung bräuchte, wenn nicht mal im Bett liegen bleiben, Hörspiele hören und den Schmerz wegschlafen funktioniert: ich lag mit ihr in diesem Bett, ich habe mit ihr Hörspiele gehört, wenn wir in der Wanne lagen.

Sofort nach der Trennung habe ich alle Gegenstände, die mit ihr assoziiert waren – Dinge, die sie mir geschenkt hatte, Notizen, Postkarten, Liebesbotschaften, Fotos von ihr und den Ring, den ich trug, als Symbol, ihr irgendwann einen Antrag zu machen – gesammelt, in einen Karton gepackt und in der hintersten Ecke meines Abstellraums versteckt. Trotzdem denke ich ständig an sie, vermisse sie, liebe sie.

Ich liebe sie. Wirklich und wahrhaftig. Auch diese Worten triggern eine Erinnerung. Es war nicht immer einfach zwischen uns, auch unsere Gefühle waren nicht immer gleichbleibend klar. Wirklich und wahrhaftig, das war ein Zusatz, den ich hinters Ich liebe dich stellte, als klar war, dass ich sie meinte. Sie, nicht das Gefühl. Sie, nicht irgendeine. Nicht Haut, Nähe, Sex.

Plot Points gibt es nur in Hollywood

Und deswegen bin ich, ob nun gerechtfertigt oder nicht, der Meinung, dass das keine Trennung ist, oder besser: sein kann. Unsere Geschichte ist noch nicht fertig, das kann sie nicht sein. Und was in neunundneunzig Prozent der Fälle Eskapismus ist, das sind hier berechtigte Zweifel: sie liebt mich. Es geht gar nicht anders – oder? Dieses „Oder?“ macht mir Angst.

Und natürlich habe ich mich gefragt, ob sie diesen Text vielleicht sogar liest und ihr bewusst wird, was für einen Riesen Fehler sie gemacht hat. Aber so läuft das nicht in der Liebe, zumindest nicht in der echten Welt. Plot Points gibt es nur in Hollywood – oder? Dieses „Oder?“ macht mir Hoffnung.

Sie hat Angst, und ich verstehe das. Ich habe die ersten zwei Jahre, die wir uns kannten, Angst gehabt. Und vielleicht ist es manchmal so, dass egal wie viel Liebe da ist, es trotzdem nichts wird. Dass zwei Menschen sich lieben, das aber nicht reicht. Weil da Ängste und Zwänge sind, denen man nicht entkommt. Weil man sich, anders als in Hollywood, nicht immer gegen Sicherheit und Geborgenheit und für das Risiko entscheidet. Weil man nicht einfach in die Fluten springt, wenn man sich nicht sicher ist, ob da unten Felsen oder Haie sind.

Die Geschichte hat kein Happy End

Cut zu heute, drei Wochen später. Wir haben noch einmal geschrieben. Und wo sie am Tag der Trennung noch sagte, sie liebe mich, hoffe aber nicht mehr, so sagt sie jetzt, dass sie mich nicht mehr liebt. Ich verspüre wieder den Impuls, das anzuzweifeln. Immer noch zu hoffen und um sie zu kämpfen. Ich will nicht glauben, dass unsere Geschichte – mit all den Hürden, die wir bisher genommen haben – einfach so vorbei sein soll. Am Ende aber muss ich genau das akzeptieren: sie ist vorüber. Und sie hat kein Happy End.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke in die Abenddämmerung hinaus. Die untergehende Sonne malt den Himmel in dieser Mischung aus hellblau und rosa an, die Goethe „pfirsichblüt“ genannt hat. In meinem Arbeitszimmer ist es kalt, obwohl heute früh der Techniker da war und die Heizung im Keller neu eingestellt hat. Ich höre This Unruly Mess I’ve Made, das aktuelle Album von Macklemore & Ryan Lewis. Mit Rap konnte sie nie was anfangen.

Martin Spieß schreibt belletristische Bücher, macht unter dem Namen VORBAND deutschsprachigen Indierock und arbeitet an seinem ersten Rap-Album. Sein Geld trägt er vorzugsweise zu seinem Stammtätowierer nach Berlin-Neukölln, obwohl er mittlerweile im Wendland lebt, der Heimat des Atommüllzwischenlagers Gorleben. Im September 2015 erschien das zweite Vorband-Album „Haschemitenfürst“, im November 2016 erscheint sein viertes Buch, der Kurzgeschichtenband „Ich dreh mich lieber noch mal um und bin weit, weit weg“. Mehr zu Martin Spieß unter martinspiess.com und vorbandmusik.de. Autorenfoto von Jörg Merlin Noack.

Headerfoto: Derrick Tyson (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

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