Traumlandschattenseiten – warum vieler Anfang schwer ist

Ich sitze an meinem Schreibtisch in diesem kleinen Arbeitszimmer, umgeben von Bambus, hübschen Stiftehaltern, einem überladenen Fensterbrett zu meiner linken und noch immer unausgepackten Umzugskisten in meinem Rücken. In der Küche, über den Flur, dröhnt die Waschmaschine, die ihre besten Zeiten inzwischen vielleicht auch längst erlebt hat. In der Küche sitzt auch du. Ich bewundere dich ein bisschen dafür, dass dich dieser Lärm überhaupt nicht zu stören scheint. Aber vielleicht tut er es, und du wagst nur nicht, dich zu beschweren. Weil es doch das ist, was wir uns ausgesucht haben.

‚Wir haben uns für dieses Risiko entschieden‘, hast du einmal gesagt. Und ja, wie sehr du damit doch Recht hast. Wir haben uns dafür entschieden, wir wollten es genau so haben. Da war dieses Traumbild von dieser Stadt, dieser Wohnung gemeinsam mit dir, diesem wunderbaren Großstadt-Startup-Job und überhaupt all diesem Glitzer und dieser Vorfreude im Bauch. Nur, was ich vielleicht nicht ganz so sehr einkalkuliert habe, wie ich es besser hätte einkalkulieren sollen, ist die Tatsache, dass manchmal alle noch so guten Pläne nichts nützen, weil es am Ende doch anders kommt.

‚Wir haben uns für dieses Risiko entschieden‘, hast du einmal gesagt. Und ja, wie sehr du damit doch Recht hast.

Ich sitze also hier an diesem Schreibtisch, warte mal wieder auf irgendwelche E-Mails, von denen gerade sämtliche Dinge abzuhängen scheinen, und frage mich, was ich vielleicht hätte anders machen sollen. Mein Kopf tanzt zwischen einer erst zur Hälfte geschriebenen Masterarbeit, einem Job, der mir viel zu wenig Geld bringt, als dass es sich davon auch nur halbwegs entspannt leben ließe.

Er tanzt zwischen noch nicht gebauten Möbeln aus alten Obstkisten, noch immer vereinzelten Umzugskartons, dem unablässigen Schreiben von Bewerbungen und der Erkenntnis, dass diese zweiundzwanzigjährigen Master-Absolventen mit bereits sieben Jahren Berufserfahrung und am liebsten drei abgeschlossenen Studienrichtungen nach wie vor wohl sehr viel heißer begehrt sind bei den Personalmenschen in ihren schicken Büros mit Blick auf die Alster.

Ich zweifle.

Keineswegs an dieser, meiner, unserer Entscheidung, aber längst an mir. Ob das, was ich mache, genug ist, ob es gut genug ist, ob ich mich nicht noch mehr und noch besser in all das hineinhängen könnte, sollte, müsste. Ob ich nicht bereits versagt habe in dem Versuch, all diesen zweifelnden Menschen zu beweisen, dass ich, dass wir das wunderbar schaffen können.

Da ist Angst. Angst, am Ende des Monats mal wieder kein Geld mehr auf dem Konto zu haben und nun doch irgendjemanden um Hilfe bitten zu müssen, Angst, dass ich alles viel zu leicht gedacht und gesehen habe. Ich gehe in die Küche und motze dich an, wegen irgendwelcher vollkommen irrelevanter Kleinigkeiten, will überhaupt keinen Streit, aber diese ganze Angst und Wut in meinem Bauch denken immer wieder, sie könnten sich am besten dann Luft machen, wenn sie sich wild auf dich stürzen.

Und du hast deine Geduld auch irgendwo stehen lassen, vielleicht am Rasthof während unseres Umzugs, vielleicht hast du sie aber auch nur in den Keller verräumt. Aber du motzt zurück, all diese Sorgen schaukeln sich so wahnsinnig schwungvoll hoch und wir streiten mal wieder ohne so richtig zu wissen, warum überhaupt.

Ich verziehe mich zurück an diesen Schreibtisch, meine Festung, die ich mir aufgebaut habe, drücke dreitausend Mal auf den Aktualisieren-Button meines Mail-Postfaches in der Hoffnung, endlich diese Mail von dieser Personalfrau aus dieser einen Agentur zu erhalten, nur, um bei jedem Mal stöhnend ob des noch immer leeren Posteingangs die Augen zu verdrehen.

Bereits mit Verlassen der Küche quält mich dieses schlechte Gewissen im Bauch, weil du doch der Mensch bist, mit dem ich am allerwenigsten Streiten will. Aber jetzt gerade bin ich mal wieder viel zu stolz oder zu unsicher, um dir genau das zu sagen.

Ein bisschen fühlt es sich gerade an wie auf dieser Slackline, die wir uns gekauft haben. Ein paar wacklige Schritte laufen, umfallen.

Ein bisschen fühlt es sich gerade an wie auf dieser Slackline, die wir uns gekauft haben. Ein paar wacklige Schritte laufen, umfallen. Dann wieder fünf Ansätze brauchen, bis es für die nächsten wackligen Schritte reicht. Sicherer werden, nur um dann kurz vorm Ende des Seils doch wieder das Gleichgewicht zu verlieren.

Doch dann höre ich plötzlich deine Schritte auf dem Flur, sehe, wie du leise meine Tür aufschiebst und deine Hände nur Sekundenbruchteile später meine Schultern finden. Du ziehst mich hoch von meinem Stuhl in deine Arme und hältst mich fest. Vergräbst dein Gesicht in meinen Haaren und flüsterst, dass du für mich da bist. Dass du bleibst und vor allem, dass alles irgendwie gut wird. Ich halte mich fest an deinem Rücken, an dir, halte dich fest und das, was wir uns in den vergangenen drei Monaten aufgebaut haben.

Du ziehst mich hoch in deine Arme und hältst mich fest. Vergräbst dein Gesicht in meinen Haaren und flüsterst, dass du für mich da bist.

Als ich Stunden später mit meiner Mutter telefoniere, erzählt sie mir von damals, als sie hunderte Kilometer weit weg gegangen ist von ihrem Zuhause. Genauso alt wie ich, mit kaum Geld und ohne Arbeit, dafür aber mit meiner Schwester, die damals noch keine acht Jahre alt gewesen ist. Wie sie und mein Dad irgendwelche Jobs angenommen haben, um über die Runden zu kommen. Dass ihre Eltern kein Telefon gehabt haben und sie manchmal wochenlang nichts von ihnen gehört hat. Dass es Monate gedauert hat, bis sie endlich angekommen waren. Sie sagt, dass aller Anfang schwer ist. Und ihre Worte scheinen so meilenweit entfernt von leeren Floskeln.

Abends liegen wir gemeinsam im Bett, ich erzähle dir vom Gespräch mit meiner Mutter. Von ihrer Geschichte und davon, dass sie wohl für immer mein größtes Vorbild sein wird. Es klingt kitschig, aber du lächelst. Aller Anfang ist schwer. Aber wie wir da so beieinander liegen, mit deinem Arm unter meinem Nacken und meiner Hand auf deiner Brust, da fühlt es sich an wie Zuhause. Ein vages, vorsichtiges Gefühl von Zuhause.

Und ich lächle auch.

Headerfoto: Krummes Mädchen via Shutterstock.com. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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2 Comments

  • hat mich an meine Studienzeit erinnert, und muss zugeben die Probleme die man damals hatte waren irgendwie greifbarer, manchmal war diese eine Tiefkühlpizza die man nicht mehr auf dem Schirm hatte und man deswegen doch nicht mehr durch den Schnee stapfen musste Gold wert und irgendwie wertvoller als die heutige Gehaltserhöhung. Beziehungen waren dementsprechend von gesunder Erwartungshaltung man hatte eben zusammen „nichts“ 🙂

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