Tintenkuss

Es ist 07:48. Draußen spricht leise der Regen. Er erzählt mir, wie überbewertet Montage sind und dass es höchstwahrscheinlich intelligenter ist, in den traumwarmen Laken zu bleiben. Ich mache ein Geräusch wie ein verlassener Welpe, versuche meinen schlaftrunkenen Körper unkoordiniert in die Sphären der anderen Seite des Bettes zu befördern – und komme nicht weit. Da ist jemand. An einem Montagmorgen.

Was zwischen Tatort Bodensee und Tatort Montagmorgen-Depression passiert ist? Gute Frage. Mein Kollege und ich sind passiert. Und das war kein „Ach, Scheiß drauf, wir sind voll wie ein russischer Elternabend und Papa Gin erlaubt es uns“-Unfall. Das war monatelanges Hin und Her. Betrunkene Halbgeständnisse, schüchternes Händchenhalten und unschuldige Übernachtungsbesuche mit inbegriffen.

Die erste Zeit habe ich mich ganz einfach selbst belogen und nächtelang versucht, mir einzureden, dass das Einbildung sei und wir einfach extrem gute Freunde sind. Ich habe einige extrem gute Freunde. Bei keinem würde ich auf die Idee kommen, Hand in Hand träumerisch und verkatert durch Friedrichshain zu laufen. Haben wir aber getan.

Wie die größten frisch verliebten Schwachköpfe. Dem Klischee, über das wir sonst böse reden und lachen, sind wir selber mehr als gerecht geworden.

Kleiner Applaus an dieser Stelle für mich.

Ich hatte bei der ganzen Mein-Kollege-und-Ich-Sache nicht nur Angst, etwas richtig Gutes kaputt zu machen, ich hatte auch Angst, mir in sehr kurzer Zeit so richtig viele Probleme einzuhandeln. Grade eben habe ich bei Google „Don’t fuck the company“ eingegeben. Da stand dann noch was: „Don’t dip your pen into company ink“. Ich musste sehr laut lachen. Das ist so merkwürdig, dass es schon wieder witzig ist.

Ich habe es also geschafft, diese Tinte drei Monate lang nicht zu berühren und mir die Finger nicht schmutzig zu machen. Um gestern alle Bedenken über Bord zu werfen.

Pünktlich zum Tatort explodiert das Tintenfass der vernachlässigten Gefühle und wir trauen uns. Ich male ihm mit Kugelschreiber aus einem Muttermal im Gesicht einen Smiley und es passiert. Wir küssen uns. Lange.

Und mein ach so erwachsenes Ich fühlt sich wieder wie 14. Meine Lippen zittern, meine Hände zittern und mein Herz feiert einen eskalativen, von Erdbeersekt getränkten Abschlussball. Großartig!

Über die Folgen denke ich erst nach, als ich mit den Klamotten von gestern und nach Mann riechend mit ihm in der Straßenbahn stehe. Nicht, dass es jemanden im Büro stören würde, dass wir heute irgendwie mehr sind als gestern noch, aber unter die Nase reiben möchte ich das trotzdem niemandem. Das ist mein Privatleben. Mein Chef erzählt mir auch nicht, dass er sich mehr Abwechslung im Bett wünscht, während wir uns gegenseitig die Nägel lackieren. Etwas mit jemandem bei der Arbeit zu haben ist aber trotzdem ein heikles Thema.

Entweder es wird total obermegagut. Oder eben nicht. Und dann stehst du da und musst deine Probleme jeden Tag vor der Kaffeemaschine treffen und dir von deinen Kollegen anhören, was für eine unfassbare Dummheit das doch war.

Eine Freundin schreibt mir, dass viele Paare sich am Arbeitsplatz kennenlernen. Ach, echt? Ich dachte, so was passierte nur unseren Eltern. Und uns heutzutage über Tinder. Kann mir vielleicht auch jemand eine SMS schicken, in der steht, wie ich damit umgehen soll? Nicht? Dann muss ich da jetzt wohl oder übel alleine durch.

Wir sind da. Laufen dicht nebeneinander die Straße runter. Ich bilde mir ein, das Auto meines Chefs links von uns fahren zu sehen. Wir haben uns halt auf dem Weg getroffen. Und aus Versehen sind wir gestolpert und auf den Lippen des jeweils anderen gelandet. So was passiert!

Wir stehen im Aufzug. Wir küssen uns. Wir müssen beide lachen. Unsere Hände lösen sich voneinander. Die Aufzugtür geht auf. Ruhig stehen wir nebeneinander.

„Guten Morgen!“

Geht doch.

AnnaBird ist auf der Nordseeinsel Juist aufgewachsen, hat aber letztes Jahr Sanddornschnaps gegen Pfeffi getauscht und ihre Zelte in der großen Stadt aufgeschlagen. Wenn sie nicht grade auf ihren Brief aus Hogwarts wartet oder die besten Pommes der Stadt sucht, beglückt sie die Stadt mit den vielen Jutebeuteln als Texterin. Neben Meeresrauschen und Ironie sind Pommes nämlich eine der schönsten Dinge des Lebens! Wenn sie groß ist, möchte sie ihre eigene Minischweinfarm betreiben. Sie wütet in Bild und Wort hier und ist sich nicht sicher, ob sie ein Blogbaby zur Welt bringen soll. Was nicht ist, kann ja noch werden!

Headerfoto: lauren rushing via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_AnnaBird

1 Comment

  • Nini sagt:

    Sehr schöner Text – spricht mir (fast) aus der Seele: man ersetzte Kollege durch Chef & schon ist das Chaos ein klein bisschen perfekter – vor allem wenn es schief geht. Wie sich das anfühlt weiß ich auch – vielleicht schreibe ich dazu mal eine Fortsetzung für diesen Text. Getreu dem Motto: wenn du schon kein gutes Vorbild sein kannst, dann sei wenigstens ein abschreckendes Beispiel

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