Tinder funktioniert nicht

Tinder funktioniert nicht. Heftige These, sicher umstößlich, sicher voller Ausnahmen und viel zu undifferenziert betrachtet. Läuft ja, wenn man nichts Besonderes sucht oder schlicht nur irgendjemanden, muss ich zugeben. Es ist nicht der erste Beitrag, nicht das erste Essay, das sich mit dem Thema Tinder beschäftigt. Ich glaube ja nach „Ich mache so etwas eigentlich nicht“ oder „Ich wollte eigentlich nur mal schauen, wie die App so funktioniert, ich hatte nie vor wirklich mal jemanden zu daten“, ist „Ich teste Tinder eher zu Recherchezwecken“, die meistbenutzte Rechtfertigungsstrategie für die eigene Präsenz auf der Plattform.

Und ja, ich sehe euch mit den Augen rollen, weil ihr eigentlich nicht vorhabt, die kommenden 1000 Worte zu lesen, euch vielleicht ärgert, dass ich eine Kolumne auf ein Thema verschwende, zu dem es nicht viel Neues zu sagen gibt, dessen Kritik man runterbeten kann, zu oberflächlich, zu unpersönlich, zu trivial, zu viel Auswahl, nur stumpfes Resteficken, persönlichkeitslose Selbstdarstellung – ihr kennt das, ich kenne das.

Und trotzdem habe ich noch 2 Cents zum Thema Tinder oder warum das Prinzip dahinter, überhaupt das Verlieben via Profilbild oder Social Media Auftritt einfach nicht funktioniert. Ohne nur das System oder die Strategie hinter einer App zu meinen. Den Fehler machen nämlich wir – oder anders gesagt: Wenn wir nicht wissentlich selbst entscheiden, entscheiden wir besser.

Michael Nast schreibt in einer seiner Kolumnen, Tinder sei wie Online-Shoppen: Scrollen, hängen bleiben, unverbindlich in den Warenkorb werfen, noch einmal aussortieren, bestellen, später zahlen, anprobieren, wegschicken oder behalten. Effektiv, bequem aber eigentlich vollkommen absurd. Immerhin ist das eine Mischgewebe und das andere eine Persönlichkeit. Und doch ist es nicht der Mechanismus oder das Überangebot, sondern unser Umgang damit, wie es unser Verhalten und unsere Wahrnehmung beeinflusst und wir uns fast unbewusst in einen Tunnel schicken.

Viele Singles stehen vor einer Dating App wie ein unaufgeklärter Teenager mit seinem freigegebenen Jugendweihe-Geld vor einem Primark-Store. Stichwort: Discountshopping.
Man kann alles in jeder Variation haben, die Quantität ist unendlich und für den Fall, dass es zu Hause, wenn man es noch einmal in Ruhe betrachtet, nicht gefällt, hat man nicht viel investiert und wenig zu bereuen. Auf so einer Ebene muss sich niemand festlegen, muss sich nicht entscheiden, nichts zurücklassen, um sich das andere leisten zu können. Es fühlt sich kurz nach Freiheit an, wenn man mit drei Plastiktüten voller neuer Möglichkeiten den Laden verlässt.

Ein paar von uns (für die besteht noch Hoffnung) stellen spätestens nach dem zweiten Besuch fest, dass keines der trivial eingepackten Stücke, keines der schnellen Matches, wirklich etwas Besonderes wäre, irgendwas, das uns am Herzen läge, tatsächlich probieren wir das meiste davon genau einmal an, fragen uns danach, was wir uns dabei gedacht haben und vergessen es im Schrank oder im Konversationsverlauf, bevor wir es irgendwann kollektiv aussortieren, löschen, entsorgen.

In einem Gespräch spinnt meine Freundin die Metapher weiter: „Du musst dich ja nicht wie ein blinder Discount-Geier verhalten. Du kannst ja auch selektieren, dich einfach umsehen, es auf dich zukommen lassen und falls du über irgendetwas stolperst, das dir wirklich gefällt, dann greifst du zu. Es gibt ja nicht nur Online-Discounter. Es gibt auch Mytheresa.“

Aber genau hier endet der Vergleich und muss sich auflösen, denn während mir bei einer Tasche Silhouette, Größe, Typ, vielleicht noch Farbe und Material, also all die optischen oder praktischen Faktoren ausreichen, um mich zu verlieben, braucht es bei einem Mann mehr als eine Profilabfrage, um mich zu begeistern. Und damit will ich nicht einmal vorrangig eine Lanze für mehr generelle Tiefgründigkeit im Onlinedating brechen. Es geht um etwas anderes, etwas, das mir selbst tief durchtextete Nächte oder charmante Sprachnachrichten nicht geben können. Ich rede von diesem Ding, dieser wenig steuerbaren Geschichte, die manchmal passiert, wenn wir auf jemanden treffen, den wir so gar nicht erwartet haben. 

Wir, die reflektierten, aufgeklärten, smarten Twentysomethings glauben gern – und ich nehme mich da nicht aus –, dass wir selbst am allerbesten wüssten, was wir wollten. Jeder von uns hat eine ganz genaue Vorstellung davon, was er braucht, was er sich wünscht, womit er funktioniert, was vielleicht diesen gewissen Funken ausmacht. Die Sache ist nur die: Eigentlich haben wir keine Ahnung, zumindest nicht, wenn es die Chemie zwischen zwei Menschen betrifft, all das, was über Look, Job, Musikgeschmack, Stil, Wohnsituation, Familienvorstellung, erklärte Lebensziele oder noch zu verwirklichende Träume hinausgeht.

Die Männer, die mir mal das Herz verdreht hätten, eint nicht viel, es gibt bei mir kein genaues Beuteschema, keine Must-Haves, die ich aufzählen könnte, aber etwas haben sie dann doch gemeinsam: Keinen von ihnen hätte ich in einer Dating-App gematched. Sie waren nicht das, was ich mir ganz offensichtlich oder bewusst vorgestellt hatte und trotzdem das, was mich unheimlich anzog. Denn während wir unseren Kontostand, unseren Montag und womit wir ihn verbringen, sprich: unsere Berufung, unseren Wohnsitz, unsere Bildung, überhaupt unser Leben selbst bestimmen und steuern können, ist die eine Sache, auf die wir keinen Einfluss haben, die unser limbisches System unergründlich und sehr nachhaltig übernimmt: unsere Gefühle, was bei uns klickt und was uns dann doch kalt lässt.

Romantisch formuliert vielleicht, weil unsere Emotionen ehrlicher und aufrichtiger aussuchen, als unser Oberbewusstsein, das erstmal seine offensichtlichen, eigenen Wünsche befriedigen möchte. Zum anderen aber möglicherweise auch, weil unser Innerstes viel weniger anfällig für eine Blendung ist, viel sicherer in sich selbst ruht als wir, die hadern, zweifeln, analysieren, abwägen, noch einmal in Frage stellen und lieber effektiv als ins Nichts daten wollen, am besten einen Typen, der unser Ich perfekt unterstreicht.

Andere Dating Apps als Tinder werben heute damit, dass man sich auf ihnen „richtig“ oder mindestens in den verlieben könnte, der „wirklich passt“. Es ist nur so: Was wirklich passt, entscheidet nicht zu 100% ein Fragebogen und der perfekte Mix aus Gegensätzen und Gemeinsamkeiten auf dem Papier. Du entscheidest nicht, in wen du dich verliebst. Du verliebst dich. Und dass du dich irgendwann nicht mehr in den Gelegenheitsgitarristen mit Bindungsphobie oder das gespielte Coolgirl von der versteckten Bevormundungsfront abfährst, heißt nicht, dass dein Kopf jetzt weiß, was besser für ihn ist und präsent darüber entschieden hätte, sondern dass deine Emotionen sich entwickelt haben. Mehr unterbewusst und durch deine Erfahrungen als vollkommen selbstbestimmt.

Ich habe schon vor den schönsten, spannendsten, schlagfertigsten und erfolgreichen Männern gestanden und verzweifelt darauf gewartet, dass ich sie hätte küssen wollen oder dabei zumindest irgendetwas zu fühlen. Vergebens.

Und dann stand ich vor jenen, die ich niemals auf dem Zettel gehabt, die ich nicht erwartet oder tatsächlich vermutet hätte. Und vielleicht ist das auch schon der schönste Moment oder Anfang in diesem ganzen Dating und einer, den ich mir nicht nehmen lassen möchte. Die Blicke, die Unsicherheiten, das Vortasten, die Endorphine, wenn ein kleiner Schritt sich gelohnt hat, das Abwarten, das Wiedertreffen. 

Es sind die 3%, die wir nicht in der Hand haben, die sich einstellen oder eben ausbleiben, aber es sind die, die den Unterschied machen.

Lina schreibt seit 2011 von Mode, Männern und Leidenschaften, von spontanen Reisen, Roadtripmomenten, fabelhaften Aussichten, gelebten Träumen oder einem guten Drink. Ihr Blog LINA MALLON ist über die Jahre zu einem persönlichen Life and Style Diary einer jungen Frau geworden, die ihre eigene Geschichte erzählt – und teilt.

Headerfoto: Alena Getman (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

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7 Comments

  • Rebecca sagt:

    Gerade solche Artikel machen es uns Tinder-Paaren schwer zu ihrer Kennenlern-Geschichte zu stehen.

    Tindernutzer werden untergründig als völlig oberflächlich dargestellt, was bei der großen Anzahl der Teilnehmer wohl kaum auf jeden einzelnen zutreffen kann.

    Im real life wie einer Bar oder einem Klub spricht man meiner Ansicht nach auch die Leute an, die man optisch anziehend findet – ich kann in dieser Hinsicht keinen Unterschied zu Tinder erkennen.

    Ich bin sehr dankbar dass es die App gibt, sonst hätte ich meinen Freund, mit dem ich seit zwei Jahren glücklich bin niemals kennen gelernt.
    Uns für mich ist er ganz und gar keine Notlösung, sondern das größte Geschenk meines Lebens.

    Ich empfinde solche Artikel als sehr verletzend.

  • Nicole sagt:

    mitten in mein Herz getroffen

  • Nadia sagt:

    Tinder funktioniert. Manchmal zumindest. Weil es einen entscheidenden Vorteil bietet: man kann dem ersten optischen Eindruck mit guten (eventuell retuschierten) Fotos ein bisschen auf die Sprünge helfen. So kann man mit Frauen/ Männern ins „Gespräch“ kommen, die im Club vielleicht einfach weitergegangen wären. Dann merkt man schnell ob man auf einer Wellenlänge liegt. Und wenn dann beim ersten Treffen noch die Chemie stimmt, dann hat tinder einen guten Job gemacht.

    P.S. Seit 6 Monaten vergeben. Dank tinder 😉

  • Buster sagt:

    Ich muß ANDI total zustimmen, an der Tür läuten wird der gesuchte Partner nicht, denke daß Tinder und Online Dating nicht mehr sein kann als ein Werkzeug um einen Kontakt herzustellen, weil das im echten Leben ja offensichtlich für viele schwierig ist. Wieso das was danach passiert gerade dann eher schiefgehen soll wenn der Kontakt online zustandekommt – wie in so vielen kritischen Artikeln erwähnt – ist mir nicht klar.
    Wo es diese „endlose Quantität“ gibt ist mir auch noch nicht passiert, ich habe manche Börsen in kurzer Zeit „durch“ – vielleicht liegt das an meinem Alter (Ende 40) oder Wohnort, immerhin Großstadt.

  • Rainer sagt:

    Sehr gut geschrieben. Ich kann dir zu 100% recht geben. Ich selbst habe 2013 einen Selbstversuch gestartet der zum einen privat aber auch unter Jobtechnischen Aspekten betrachtet wurde. Ein Jahr später und fast 5000 Euro Budget weniger, habe ich alle bekannten Portale durch und kann mit Sicherheit behaupten das es zwar funktionieren kann, es dafür aber keine Garantie gibt. Das Hauptproblem hierbei sind nicht die Portale sondern wir Menschen (egal ob Frau oder Mann) selbst.

    Wenn ich Zeit habe sollte ich echt mal ein Buch schreiben 🙂

  • Andi sagt:

    Ein weiser Mann sagte einst: „Wenn Du möchtest dass das Universum Dir etwas schenkt, musst Du ihm nur einen Schritt entgegen gehen“. Für uns Singles bedeutet das wohl, dass wir die nächste Affäre oder die Liebe des Lebens nicht zu Hause unter der Bettdecke finden werden, sondern etwas dafür tun müssen. Ob das nun der Weg in eine Bar ist oder sich bei Tinder anzumelden dürfte ziemlich Wurst sein wenn zwei Seelen sich auf den Weg zueinander machen.
    Was mir allerdings in letzter Zeit verstärkt auffällt ist, wie mühselig das Kennenlernen offline geworden ist. Als hätten die Menschen (oder eher ich) verlernt, wie man flirtet. Gefühlt geht es (zumindest hier im bayrischen Voralpenland rund um München) nur darum, sich eine möglichst große Menge Mut anzutrinken und dann nach dem Trial&Error-Prinzip das andere Geschlecht anzulabern.
    Und da muss ich jetzt einfach mal eine Lanze für Tinder brechen, denn dort weiß ich immerhin: bei einem Match besteht zumindest ein gewisses gemeinsames Interesse, eine Startabsicht, auf der ich aufbauen kann. Das ist, als ob ich in einem Club das schöne Mädchen gegenüber ansprechen darf, weil ich weiß dass sie angesprochen werden will. Ob es danach in die Hose oder ins Bett oder vor den Altar geht steht natürlich auf einem anderen Stern.
    Ich könnte mich natürlich auch auf den „Zufall“ verlassen, aber bis der alle Weichen richtig gestellt hat und mir Mrs. Right über den Weg schickt, kann ich ja noch ein wenig mit dem Schicksal experimentieren. ;- )

    Anyway, der Text ist wunderbar geschrieben und findet schöne Worte für das Gefühl, dass ich auch schon so lange schmerzlich vermisse.

  • Vanessa sagt:

    Selten sowas gutes gelesen, bei dem ich nicht nach vier Absätzen keine Lust mehr hatte 🙂 *TOP* Danke dafür :-*

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