Tatort vs. Herzkino

Neulich auf ner Hochzeit sollte ich fotografieren, stattdessen hab ich meine Nikon vollgeheult, weil mir Liebe auf einmal wichtiger als Wasser vorkam und jeder verknallte Kuss mir die Dummheit meiner Generation bewusster machte. Irgendwie ist Liebe und alles, was die so mit sich bringt, eine Gratwanderung zwischen verschwörerischem Augenzwinkern und frustriertem Türeknallen, irgendwie ist das Palaver halt nichts für Weicheier und Karrierehengste – und das sind 90 Prozent meiner Altersgenossen, ich eingeschlossen. Mit Mitte zwanzig sind wir anscheinend zu alt, um uns voller Unschuld und ohne Schiss in das Herz und den Kopf eines anderen zu stürzen, auch wenn das doch eigentlich ganz dufte wäre. Mit Mitte zwanzig sind wir, besonders wenn das Herz ab und an mal runtergefallen ist, eher geneigt dieser Verbindlichkeitssache den Rücken zu kehren.

Und was für Gründe bleiben auch für die Liebe, wenn langjährige, einst unverwüstliche Beziehungen den Bach runter gehen und man Menschen die Enttäuschung an den Gesichtslinien ablesen kann? Was, wenn die Mutter oder der Vater sich verpissen, weil sie sich noch mal ordentlich selbst finden wollen und ihnen das Seelenleben der Kinder scheißegal ist? Wie soll man jemals wieder daran glauben, dass es auch funktionieren kann? Was, wenn sich der einstige Vertrauensbonus, getunkt in ein tiefes Meer aus rosa Luftballons, in einen schmerzhaften Erinnerungsschuhkarton verwandelt hat, den man so gerne in die Restmülltonne werfen würde?

Und recht haben sie, diese Singles und Affärenfanatiker, diese 80 Prozent meiner Freunde. Dieses ständige auf die Fresse fallen ist ja auch handfestes Argument dagegen. Das Leben ist sowieso schon Risiko genug, es ist ja jeden Monat verdammt schwierig über die Runden zu kommen, obwohl man sich den Arsch abrackert. Da investieren wir dann doch lieber 12 oder mehr Stunden pro Tag in den ach so erfüllenden Job und vergessen bloß die Work-Life-Balance nicht. Aber Obacht – wenn da zu viel Loslassen und Verbindlichkeit im Spiel sind, dann ist das zu viel mit der Balance, dann kippt man hinten runter, so wie wenn man wild schaukelt und beim Schwungnehmen auf einmal die Hände löst. Aua.

„Every woman has the exact love life she wants“, sagt die gute Debra Messing in dem kitschigen Film Wedding Date. Das ist ein bisschen böse und ein bisschen provokant, und sie meinte damit sicher auch die Herren der Schöpfung, aber ich glaube, sie hat schon recht, die Schöne. Ich glaube, dass wir uns oft bewusst gegen Herzklopfen und für unverbindlichen Sex, dass wir uns gegen das gebrochene Herz und für Sicherheit entscheiden. Ich glaube aber auch, dass niemand Zweisamkeit bewusst ausklammert. Aber unbewusst und unbedarft tun wir es dann doch. In Berlin sind mehr als die Hälfte aller Haushalte Single-Haushalte. Schläft dann auch mehr als die Hälfte an einem langweiligen Montagabend allein ein?

Bei tausend Gründen gegen die Liebe, gibt es einen dafür. Immer wieder. Der gilt auch für runtergefallene Herzen, für heimliche Schönheiten mit veränderten Gesichtslinien; dabei sind die doch eigentlich ganz heiß, die Linien. Dieser eine, simple Grund ist der hier. Was, wenn‘s doch funktioniert und der Typ morgens neben dir der Jackpot verkleidet als gelockter Grinsekopf ist? Was dann? Willst du ihn dann immer noch vor lauter Schiss nicht zurückrufen? „Das hätte eh nicht geklappt.“

Neulich, ein paar Monate vor dieser Hochzeit, saß ich mit einem alten Freund, in den ich vielleicht mal ein kleines bisschen verliebt war, auf meinem Balkon über der Stadt mit Blick auf ein Fabrikgebäude, und er sagte so beiläufig: „Die Liebe, wenn sie klappt, die kann so viel wieder gut machen und so viel heilen, das darfst du nicht unterschätzen, Carolinchen.“ Und dann erzählte er mir von seiner neuen Ische. Ne arg coole Sau, jaja.

Ich denke, wir sind dazu geboren worden, um unsere spießige Hochzeitsgarderobe mit Krokodilstränen zu verschönern. Um neu anzufangen, so als wäre der Kopf ein gut sortierter Bücherschrank und kein gestrandetes Schiffswrack. Um einer Enttäuschung auch mal in den Arsch zu treten, weil Hoffnung und Herzklopfen stärker sind. Deshalb gucke ich übrigens das Herzkino im ZDF lieber als den Tatort. Wer braucht schon Knarren, wenn er Knutschen haben kann?

Caro ist 22, frisch von London über Beirut nach Berlin gezogen und hat ein bisschen zu viel Respekt vor der winterlichen Trostlosigkeit hier im Gepäck. Sie fotografiert und schreibt und singt und heult ganz gern. Und schreit regelmäßig “Oh weh!” in die Runde. Auf der Durchreise von einer Dönerbude im feschen Wedding zur nächsten oder auch von einer Sinnkrise zur anderen wäre jetzt wohl ein guter Zeitpunkt sich mal wieder mit Händen, Füßen und Lachkrämpfen zu verknallen. Ob das klappt oder nicht, mal sehn, die Wassermelone ist jedenfalls soeben geplatzt vor Aufregung. Caro findet ihr auf ihrer tollen Webseite, Twitter und Insta. Guten Appetit.

Headerfoto: maren~ via Creative Commons Lizenz!

caroline_schmitt

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