Tagträume

Viele meiner Tage verbringe ich in der Gesellschaft attraktiver Frauen. Leider existieren diese Frauen meistens nur in meiner Phantasie. Schon als Kind, als das Bild, das ich von Liebe und Partnerschaft hatte, noch nicht sehr facettenreich war, träumte ich mir häufig eine harmonische Beziehung herbei. Angefangen hatte es damit, dass ich mir vorstellte, ich wäre das Eichhörnchen aus dem Zeichentrickfilm „Die Hexe und der Zauberer“. Diese Szene, in der sich das verschmuste Eichhörnchenweibchen in den verzauberten Jungen verliebt und sich an ihn kuschelt, hatte es mir angetan. Und wie herzzerreißend es ist, als sie erkennt, dass er in Wahrheit gar kein Eichhörnchen ist! In meiner Phantasie war ich dieser verzauberte Junge – aber ich hätte mich niemals zurückzaubern lassen. Ich hätte mich mit meiner Liebsten in einem hohlen Baumstamm eingenistet und wir hätten uns bis ans Ende unserer Eichhörnchentage aneinander gekuschelt.

Auch als ich langsam älter wurde und die Filme meiner Kindheit in Vergessenheit gerieten, hörte ich nicht auf, mir meine Traumwelten zu konstruieren. Aus den Eichhörnchen wurden Menschen. Aus dem Kuscheln wurde Kuscheln mit Küssen. Meine Vorbilder kamen zunehmend nicht mehr aus Filmen, sondern aus den Büchern, die ich las. Aber im Grunde hatte sich nicht viel verändert: Ich liebte es, meine Ruhe zu haben; einfach irgendwo zu liegen, mit geschlossenen Augen, und mein Leben in meiner Phantasie zu verbringen. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich zusammen mit meiner wunderschönen Freundin auf einer kleinen Insel im Mississippi wohnte, wo mich meine besten Freunde, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, ab und zu besuchen kamen.

Irgendwann wurde ich erwachsen und gewöhnte mich an die Welt, die andere um mich herum gestaltet hatten, während ich noch gar nicht da war. Vielleicht auch, während ich meine Zeit träumend, mit geschlossenen Augen in meinem Bett verbracht habe oder in der Hängematte im Garten. Ich gewöhnte mich daran, kein Eichhörnchen zu sein, das den ganzen Tag mit Kuscheln verbrachte und daran, nicht im neunzehnten Jahrhundert zu leben, wo ich ein Leben voller spannender Abenteuer und inniger Zweisamkeit geführt hätte. Langsam aber sicher verlagerten sich meine Phantasien in die wirkliche Welt. Nun verbrachte ich meine Zeit damit, mir vorzustellen, auf welchem Weg ich meine Traumfrau kennenlernen würde. Meistens begann es beim allerersten Aufeinandertreffen und endete kurz nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht. Ich hatte auch kein Problem damit, ein und dasselbe Szenario wieder und wieder vor meinem geistigen Auge abzuspielen, wenn es mir besonders gut gefiel.

Meistens waren es ausgedachte Frauen, die ich mir vorstellte. Nur ganz selten hatten sie eine reale Person zum Vorbild. Ein einziges Mal war es eine junge Frau, die ich zufällig im Fernsehen gesehen hatte. Irgendeine Sendung auf irgendeinem Sender begleitete junge Menschen im Ausland. Sie arbeitete dort mit Geparden, für die ich ohnehin schon eine Vorliebe hatte. Ich stellte mir vor, sie würde mir zufällig in Berlin begegnen. Vielleicht im Bridgeclub – abwegiger Gedanke zwar, aber vielleicht hatte sie ja Verwandte, die ihr das Spiel beigebracht hatten? In meinen Träumen musste immer alles Sinn ergeben. Es durfte unwahrscheinlich sein, aber ich musste es irgendwie erklären können.

Eine meiner ersten Begegnungen mit einer potenziellen Partnerin fand im Supermarkt statt. Ein Klassiker eigentlich und auch ein wenig abgedroschen, könnte man meinen. Dennoch versuchte ich mich an dieser Situation und erdachte mir einen Einkaufswagen, der mit vielen aussagekräftigen Dingen gefüllt war. Da waren erst mal eine Honigmelone und etwas Parmaschinken als Beweis für den guten Geschmack. Außerdem ein Hüftsteak und Kräuterbutter – natürlich kein Gemüse und keine Beilagen. Weiter ging es mit ein paar Flaschen Wein und zwei Päckchen Kondomen. Zwei Päckchen auf einmal zu kaufen, das signalisiert Selbstsicherheit. Nun stellte ich mir vor, dass ich meinen Wagen für einen kurzen Moment irgendwo stehen ließ, um bei meiner Rückkehr einen Notizzettel mit dem Namen einer Frau und einer Telefonnummer darin vorzufinden. Der Witz war natürlich, dass die junge Dame mich gar nicht gesehen hatte – sie hatte lediglich aus der Zusammenstellung der Einkäufe geschlossen, dass wir gut zusammen passten.

In den letzten Jahren habe ich mir immer seltener Geschichten ausgedacht, in denen ich Frauen kennenlerne. Ich bin vielmehr dazu übergegangen, diese Frauen in meinen Alltag zu integrieren. Ich kann nicht genau sagen, ob es immer verschiedene Frauen sind oder ob es immer die gleiche ist – sie hat keinen Namen. Ich rede mit ihr, wenn ich morgens allein meinen Tee trinke. Ich gehe mit ihr spazieren und zeige ihr meine Stadt. Ich gebe mir beim Kochen ganz besonders große Mühe, wenn sie dabei ist, und erkläre ihr, wie es geht. Ich spiele ihr meine Lieblingsstücke von Pink Floyd vor und freue mich, dass sie ihr gefallen.

Ich glaube, das alles ist ein ganz natürlicher Mechanismus. Einen Tee zu kochen und ihn dir ans Bett zu bringen, weil du dich darüber freust, ist der Grund, warum ich überhaupt aufstehe. Nur für mich allein würde ich nicht aufwändig kochen, es lohnt sich einfach nicht. Ich würde jeden Tag ein Steak essen, nur mit Kräuterbutter, ohne Beilagen. Ich würde nicht spazieren gehen, wenn du nicht so neugierig wärst. Das einzige, was ich wirklich genießen kann, wenn du nicht bei mir bist, ist die Musik, von der ich dir schon so oft vorgeschwärmt habe. Was bleibt mir also anderes übrig, als mich jetzt von dir zu verabschieden, Ummagumma einzulegen und ins Bett zu gehen?

… na gut, vielleicht halte ich doch beim Einschlafen deine Hand …

Raffael ist vor neun Jahren 18 geworden und widmet seine Zeit nun dem Studium der menschlichen Psyche, meistens seiner eigenen. Die Semester zählt er nicht mehr mit, er hat es halt nicht so mit Zahlen. Um das herauszufinden, hatte er allerdings erst zwei Semester lang Mathematik studieren müssen. Dass Bridge seine große Leidenschaft ist, möchte er lieber nicht verraten, man könnte ihn sonst nämlich für langweilig halten. Das wiederum erschwert die Partnersuche. Seine Kurzgeschichten sind alles andere als langweilig. Wie sollten sie auch – meistens geht es schließlich um Sex.

Headerfoto: Naomi via Creative Commons Lizenz!

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1 Comment

  • …man nennt sie die ideale Geliebte. Ich habe immer daran geglaubt, dass ein Moritz Holl auch in der realen Welt existiert.schön.

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