Supervision | Wenn man müde ist vom Helfen

„Ich spreche mit mir selbst. Ständig. Ich führe innere Monologe darüber, was ich in den letzten Monaten erlebt habe. Das passiert ganz automatisch. Beim Bahnfahren, beim Zähneputzen, beim Schlafengehen – immer dann, wenn es still ist. Manchmal bemerke ich es und schalte das Radio ein, um etwas Ruhe im Kopf zu haben. Meistens lasse ich mich aber mit mir selbst sprechen, in der Hoffnung, ein wenig zu verarbeiten. Hätte ich alles mitgeschrieben – ich könnte ein Buch damit füllen. Ein wirres Buch.“

Notiz vom 21.09.2015

Supervision. Dieses Wort sagte mir wirklich gar nichts. Ich assoziierte es spontan mit sinneserweiternden Substanzen, dem ist aber nicht so, sagte Google. Die Supervision ist eine gesprächstherapeutische Beratung für Menschen in sozialen Berufen, also Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Erzieher, Ärzte, Lehrer und eben auch Ehrenamtliche. Weil die müssen ja auch irgendwie das verarbeiten, was sie täglich so erleben. Gut, wieder was gelernt.

Die zweieinhalb Monate am LAGeSo und mit den Geflüchteten hatten ihre Spuren bei mir hinterlassen. Ich schlief schlecht, mein Herz schlug eindeutig zu heftig, ich rauchte viel, hatte abgenommen, konnte mich nicht konzentrieren, sah mich mit Emotionen konfrontiert, die sonst eher nicht so aufkamen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, ich war wütend, ich fühlte mich hilflos und überfordert, ich konnte mich nicht mehr auf mein normales Leben einlassen, geschweige denn Spaß haben. Kurzzeitig hatten diese Gefühle auch meinen Humor verschluckt und das passierte wirklich nur in absoluten Ausnahmesituationen. Ich hätte zuvor niemals erwartet, dass diese Arbeit mich so wegreißen würde – ich zog ja schließlich keine Toten aus Trümmern – und trotzdem hatte sie mir das Fundament geraubt. All die Gesichter, all die schlimmen Geschichten, all die Kranken und Schwangeren und Alten und Kinder, all die Seelsorge, die wir leisteten, und all die fassungslosen Helfer – es war einfach zu viel.

Und nur für diejenigen, die sich jetzt fragen, warum man sich das antut: Es gab eine ebenso lange Reihe an positiven Erlebnissen und Emotionen, die ich aus meiner Arbeit zog. Zuckerbrot und Peitsche quasi. Beides führte ich mir selbst zu. Und je mehr ich mich zurück in mein normales Leben wagte, je mehr Ruhe ich mir gönnte, umso stärker erkannte ich, dass mich das Erlebte nachhaltig beschäftigen würde, und es fühlte sich auch nicht so an, als würde sich das bald ändern. Zudem fühlte ich mich in meiner Überforderung ziemlich alleine.

Als ich von der Supervision hörte, dachte ich mir: Ja geil, wenn’s hilft, her damit! Also schrieb ich Supervisoren, ob sie mir als ehrenamtlicher Helferin eine ehrenamtliche Stunde schenken würden. Die erste Frau, die sich meldete, hieß mit Nachnamen so, wie das erste arabische Wort, das ich am LAGeSo gelernt hatte. Ich glaubte vielleicht nicht an Zeichen, aber es ergab total viel Sinn.

Ich habe keine großen Probleme damit, über Emotionen zu sprechen, sie hervorzuholen, zu benennen und auseinanderzunehmen – auch nicht vor Fremden. Der Besuch fiel mir also nicht sonderlich schwer. Es war ein schöner Morgen, die Sonne schien, obwohl es schon fast November war. Im Hinterhof der Praxis plätscherte ein kleiner Brunnen. Die Supervisorin öffnete die Tür. „Sind sie Frau Müller? Ah, sehr gut, kommen Sie rein, der Tee zieht noch, ich bin gleich bei Ihnen.“ Ich setzte mich und hatte keine Ahnung, was jetzt passieren würde. Mit meinem Tee in der Hand fasste ich kurz zusammen, wie ich an diesem 7. August zum LAGeSo gekommen war, warum ich dort blieb und was mich belastete. Die Supervisorin hörte und nickte. Für eine frisch gebackene, unausgebildete Ehrenamtliche war mein Fall sicher ziemlich durchschnittlich, ich selbst hatte dieselben Geschichten auch oft von anderen Helfern gehört. „Ich würde gerne eine Aufstellung mit Ihnen machen, Frau Müller“, sagte sie. Das Wort verband ich irgendwie mit Familientherapie und Geisterbeschwörung – Personen in den Raum holen, die gar nicht da waren. Sie zog ein Spielbrett – oder Systembrett, wie sie es nannte – aus der Tasche und übergab mir eine Kiste mit unterschiedlich farbigen und großen Holzfiguren- und klötzen. Das sah alles ein wenig aus wie Mensch ärger Dich nicht, also nicht wirklich angsteinflößend. Sie bat mich, ein Form auszusuchen, die mich selbst symbolisierte, und auf dem Brett zu platzieren. Ich nahm eine große blaue Gestalt und setzte sie genau in die Mitte. Ich, ich ich, das Zentrum bin ich. (Wenn nicht bei der Supervision, wo dann?) Danach durfte ich spontan und frei nach Laune Klötze und Figuren hinzufügen, die Orte, Menschen, Emotionen oder Aufgaben darstellten. Während ich meine Welt abstrakt nachbaute, erklärte ich ihr, was die einzelnen Posten bedeuteten. Das LAGeSo baute ich ziemlich naturgetreu aus hässlichen grauen Blöcken. Als ich fertig war, sah ich die Supervisorin an. Hatte ich das richtig gemacht? Las sie schon in meiner Seele? Führte das zu irgendwas?

Sie stellte mir Fragen zu meiner Aufstellung. „Warum ist dieser Block nach außen gerichtet?“ – „Wieso steht dieser Turm so nah an ihnen dran?“ – „Welche Bedeutung hat diese Achse?“ Ich war meistens versucht zu antworten „Keine Ahnung, hab ich halt spontan so hingestellt“, aber ich gab mir Mühe, diese Figuren im Kontext meines Lebens zu sehen und fand sogar für mich selbst adäquate Antworten. Wir ermittelten anhand des Brettes ein Problem, das mich belastete. Dass die Arbeit mit den Geflüchteten, die Arbeit bei im gegenteil und mein soziales Leben sich gegenseitig um Aufmerksamkeit battleten, war mir nicht neu, aber es mit diesen Figuren visualisiert zu sehen und auch in Beziehung zu Einzelpersonen zu stellen, war eine neue Perspektive.

Nachdem wir den Ist-Zustand erörtert hatten, ging es darum, die Figuren so umzupositionieren, dass sie ausgeglichener waren und mir mehr Raum zum Leben gaben. Ich hatte bunt auf grau gerade selbst dargestellt, was (s)ich wie ändern musste, um einen idealeren Zustand zu erreichen. Eigentlich easy.

„Und was mache ich mit diesen ganzen Bildern im Kopf?“, fragte ich die Supervisorin noch. „Achtsamkeit. Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst und hören Sie auf Ihren Körper und Ihre Seele.“ Okay, verstanden. Ich bin gar nicht traumatisiert, ich nehme mir nur nicht die Zeit, die letzten Monate ordentlich zu verdauen. Wenn mich etwas belastet – sei es nun eine schwierige Trennung oder notleidende Menschen, deren Bilder mich nicht loslassen – sollte ich mich darum kümmern, dass es mir selbst gut geht, dass ich die Zeit habe, alles zu verarbeiten. Dazu muss ich gar nicht viel tun, außer zu verstehen und zu akzeptieren, wo meine Grenzen sind und mich daran zu halten. Dann steht auch längerfristig der Dreifach-Grätsche zwischen Beruf, Ehrenamt und sozialem Umfeld nichts im Wege. Alles muss nur ausbalanciert genug sein, um funktionieren zu können. Selbstaufgabe sollte nicht mit Hilfe verwechselt werden, denn nur wer selbst im Lot ist, kann überhaupt geben, ohne langfristig unterzugehen.

Ja, gut, eigentlich logisch. Eigentlich wusste ich das auch schon vorher. Eigentlich. Aber manchmal hilft es, wenn eine liebe Frau einem das noch mal mit Nachdruck, aber ohne Zwang sagt. Praktisch, dass seit Wochen ein Buch zum Thema Achtsamkeit auf meinem Nachttisch liegt, auch wenn Psychoratgeber echt nicht so meins sind. Aber ich bin offen für Neues. Also lerne ich jetzt besser mal, auf mich selbst zu hören. Angefangen habe ich mit der Wiederaufnahme meiner spärlichen Yoga-Tätigkeiten und der Planung eines baldigen Urlaubs im internetlosen Niemandsland der Kanaren. Außerdem aß ich ein besonders großes Stück Sachertorte.

Achtsamkeit, Balance, Aufladen – damit ihr müden Helferlein auch morgen noch kraftvoll Anpacken könnt.

Hier könnt ihr noch mal nachlesen, was so eine Supervision überhaupt ist.
Dieses Buch kann dabei helfen, eigene Grenzen zu ziehen.
Dieses Buch lehrt Achtsamkeit für Anfänger. Es ist gut, ich hab’s fast durch.

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