So gewinnen Sie beim Online Dating!

Narzissten, Egozentriker und digitale Selbstdarsteller: Facebook, Twitter und Instagram könnten so schön sein, wären da nicht die selbstverliebten Nervensägen unterwegs, die sich mit Selfie-Stangen vor jedem Sonnenuntergang fotografieren, das Ultraschallbild des ungeborenen Babys posten und das Netz mit Herzchen und Emojis verstopfen.
Obacht! Wir haben für euch einen Vorab-Auszug aus Peter Wittkamps neuem, nicht ganz so ernst gemeinten Ratgeber Poste deine Darmspiegelung: In 42 Lektionen zum perfekten Internetnutzer, Kapitel Online Dating. <3

Ganz im Gegenteil zu der vermeintlich so wichtigen „Ehrlichkeit“, die windige „Internet-Experten“ in den Medien immer wieder als Maxime des Online-Dating nennen, gibt es beim digitalen Flirt eigentlich nur einen wichtigen Grundsatz:

Lügen Sie, dass sich die Balken biegen!

Ziehen Sie dabei alle Register! Fügen Sie 20 Zentimeter Körpergröße hinzu, ziehen Sie 15 Kilo Gewicht ab und geben Sie „finanziell unabhängig“ an, auch wenn Sie damit eigentlich nur Ihren Dispokredit meinen. Vor allem: Nutzen Sie Photoshop. Oder noch besser: Suchen Sie sich im Internet ein Bild von jemand anderem. Hierbei hat es sich als ratsam erwiesen, nach Menschen zu googeln, die in der Liste der „Sexiest People Alive“ so ungefähr zwischen Platz 50 und 100 rangieren. Denn diese sind für Ihre Zwecke unbekannt genug, aber immer noch ziemlich heiß!

Wenn Sie eine Frau sind, ist damit eigentlich schon alles getan. Wenn Sie hingegen ein Mann sind, fügen Sie noch ein paar interessante Hobbies ein. Hier kommt es auf den richtigen Mix zwischen Außergewöhnlichem und Bodenständigem an. Zum Beispiel: Segeln, Tischlerarbeiten, Falknerei, Kickboxen, Amateurfunk, Paartanz, diverse Ehrenämter und niederländische Vorkriegsliteratur. Runden Sie das ganze dann noch mit einem schönen Motto ab. Zum Beispiel: Carpe diem.

Nun raten diverse „Flirt-Experten“, ein anderes Motto zu verwenden, dieses sei ziemlich ausgelutscht und zu weit verbreitet. Umso besser! Stellen Sie sich nur vor, wie schön es ist, wenn in einer Singlebörse zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide „Carpe diem“ gewählt haben. Da ist es doch nur noch ein kleiner Schritt, bis der Tag gemeinsam gepflückt werden kann.

Aber wie, werden Sie fragen, soll ich denn bloß meinen zukünftigen Partner von mir überzeugen, wenn er direkt beim ersten Treffen merkt, dass ich kräftig gemogelt habe?!

Nun, sicher kennen Sie das Stockholm Syndrom! Also jenes Phänomen, bei dem die Opfer einer Geiselnahme nach einer gewissen Zeit Sympathien für die Täter aufbauen – auch wenn diese am Anfang erschreckend und grausam wirken. Genau darauf vertrauen Sie ebenfalls! Bis es soweit ist und das Stockholm Syndrom ausbricht, hilft ein weiteres psychologisches Phänomen: Das der versunkenen Kosten. Denn wir sträuben uns dagegen, etwas nicht zu vollenden, wenn wir schon darin investiert haben. Der schrecklich langweilige Tatort, den wir zu Ende schauen, weil wir ihn ohnehin schon 65 Minuten verfolgt haben. Der grausam missratene Gartenteich, denn wir trotzdem fertig bauen möchten, weil wir schon 2‘500 Euro im Baumarkt gelassen haben. Die fürchterliche Ehe, aus wir uns nicht trauen, nach 34 Jahren zu flüchten. Lieber steckten wir die Zigaretten wieder ein und gehen wie selbstverständlich heim, durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit.
Wir möchten eben, dass sich etwas, in das wir Zeit, Geld oder Mühe investiert haben, für uns irgendwie lohnt. Auch wenn es noch so hoffnungslos ist.

Das ist Ihre Chance! Zögern Sie daher das erste Treffen so weit hinaus, bis Ihr Online-Flirt bereits so viele Abende mit Ihnen am Computer verbracht hat, dass einfach etwas dabei herumkommen muss!

Während der ersten drei, vier Dates, in denen Sie Ihrem Gegenüber erklären, dass Sie in Ihrem Profil aus Versehen „Waschbrettbauch“ statt „Waschbärbauch“ geschrieben haben und dass sich auch bei Ihrer Größenangabe ein kleiner Zahlendreher eingeschlichen haben muss, greift das Phänomen der versunkenen Kosten. 1765 liebevolle Nachrichten und die Reise von München nach Lübeck dürfen einfach nicht umsonst gewesen sein, wird ihr Gegenüber denken und diese Ungereimtheiten schnell verzeihen: 1,59 Meter statt 1,95 Meter – klar, eine kleine Enttäuschung, aber darüber lässt sich doch hinweg sehen.

Ab Treffen vier bis fünf greift dann langsam das Stockholm Syndrom, ihr Garant für eine lange, glückliche Liebe. Und das alles nur, weil Sie am Anfang ein wenig geflunkert haben.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel – aber Sie gewinnen!

Peter Wittkamp ist 34 Jahre alt, geboren in Asbach bei Bonn und lebt als freier Kreativer in Berlin. Er studierte Soziologie und arbeitete als Marktforscher bei Universal Music, später bei einer Social Media-Agentur. Seit 2013 ist er selbstständiger Berater für Online-Kommunikation und Autor. Sein erstes Buch Die fünf schlechtesten Antworten auf „Ich liebe dich!“ fand die Bravo „Hot“. Sein aktuelles Buch gibt es hier.

Headerfoto: Leo Hidalgo via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Peter
Written By
More from Gast

Bindungsproblem

Unsere Generation hat ein Bindungsproblem. Das lese ich, das höre ich und...
Read More

1 Comment

  • Ich habe doch teilweise herzhaft gelacht, während ich diesen Text las! Gottseidank ist mir so etwas lange nicht passiert. Vermutlich haben Menschen, die außerhalb der Satire wirklich so handeln, ein Problem mit dem Selbstbewusstsein. Eine einigermaßen schlaue Frau, sollte darauf allerdings nicht hereinfallen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.