Skin deep – von tiefen Narben, Traumata und Selbstheilung

Narben sind die sichtbaren Überreste von Operationen, Unfällen, Geburten, Verbrennungen, Selbstzerstörung – sie erzählen vom Schmerz, aber auch Heilungsprozessen, werden akribisch versteckt oder als Schmuck stolz getragen. Hinter jeder Narbe steckt eine Geschichte. Fotograf Chris Hieronimus treibt eine große Bewunderung für die Art und Weise an, wie Menschen ihre Traumata meistern.

Es stellt oft eine Herausforderung dar, mit den Folgen psychischer Traumata in Alltag zu leben. Das hängt auch mit der noch immer mangelnden Akzeptanz psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft zusammen.

In seiner Serie skin deep studiert er unterschiedlichste Narben – einfühlsam, bewegend und düster zugleich. Die Geschichten dahinter bleiben verborgen und werden so unserer Imagination überlassen. Wir haben viel über diese Bilder diskutiert, gleich unsere eigenen Narben rausgeholt und dabei mal wieder festgestellt, dass sich niemand seiner Geschichte wegen verstecken muss, denn sie macht uns zu der Person, die wir heute sind – und das ist schön.

Was macht das Thema Narben besonders reizvoll für dich? Welche Geschichte möchtest du mit deinen Bildern erzählen?

Ich arbeite hauptberuflich mit traumatisierten Menschen. Es beschäftigt mich, wie Menschen mit vielfältigen psychischen und physischen Traumata leben, Traumafolgen verarbeiten und traumatische Ereignisse integrieren. Narben können einfache sichtbare Anzeichen für Traumata sein. Nicht immer natürlich. Jedoch sind sie ein einfaches Sinnbild für Ereignisse aus der Vergangenheit, die einen ein Leben lang begleiten. Im Gegensatz zu psychischen Traumata, die nicht unbedingt äußerlich sichtbar, aber nicht weniger schwerwiegend sind. Der englische Titel „skin deep“ meint so viel wie oberflächlich oder äußerlich.

Wie schwer war es, Leute zu finden, die sich vor die Kamera wagen und ihre sehr persönlichen Geschichten mit dir teilen?

Angefangen habe ich das Projekt mit Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Also Menschen, mit denen ich ein gewisses Vertrauensverhältnis teile. Nach und nach habe ich dann angefangen, fremde Menschen zu suchen. Es haben sich viele gemeldet, so dass ich überhaupt nicht alle fotografieren konnte. Mir war es bei den Shootings ein Anliegen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die fotografierten Personen sich wohl fühlten. Also haben wir immer zuerst mit einem Gespräch und einer Tasse Kaffee begonnen.

In gewisser Weise hatte die Erfahrung der Fotos für manche selbst einen bewältigenden Effekt, wenn das Fotografiertwerden einen Gegensatz dazu darstellt, dass sie ihre Narben sonst eher verstecken. Diese Rückmeldung hat mich natürlich besonders gefreut.

Chris Hieronimus, 1987 als Kind deutsch-bengalischer Eltern geboren, lebt mit seiner Frau in Stuttgart und verbringt den Großteil seiner Zeit in der Rolle des Sozialarbeiters und Psychologie-Studenten. Fotografie begleitet ihn seit Jahren durch diverse fotografische Genres. Inspiration findet er größtenteils in menschlichen Erfahrungen sowie der Absurdität unserer Gesellschaft. 

Seine fotografischen Arbeiten findet ihr auf chrishieronimus.com und auf Instagram.

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