Sie ist die Leichtigkeit unter meinen Füßen

Der Bass dringt durch den Raum, Menschengeplapper, Stimmengewirr und überall Musik. Da unterbricht ein schallendes Frauenlachen den Raum, die Zeit, diesen Ort. Sie lacht so laut, dass selbst in der hintersten Ecke die Menschen aufschauen. Sie kümmert es nicht, mittlerweile grunzt sie, die Augen schon voller Tränen. Dieses Lachen ist mir sofort in Erinnerung geblieben. Unbekümmert, laut, voller Lebenslust. Ansteckend.

An manchen Tagen habe ich sie nicht erwartet, doch dann hat sie den Raum betreten und alles stand still. Ihre Präsenz, atemberaubend, raumfüllend, erleuchtend. Bäm! Da stand sie, mit all ihrer Schönheit. Seit ich sie kenne, weiß ich, dass es Menschen gibt, die einen Zauber innehaben. Die aus ihrem Innersten strahlen, einen Raum erhellen, wenn sie ihn betreten, die ein Glanz umweht, dem man sich nicht entziehen kann. Ein Mensch, den man unter hunderten nicht übersehen kann.

Sie war es, die mich hat reden lassen, die Augen weit geöffnet, gespannt, was ich zu sagen habe. Wenn sie sprach, hat sich immer alles gut angefühlt. In jedem Wort, jeder Silbe, sah ich mich, konnte ich es nicht fassen, dass auch sie so denkt. Ihre Art, erheiternd, beflügelnd, berührend, mitreißend. Da war sie. Und ist nie wirklich gegangen. Das Verlangen, sie wiederzusehen, nie anstrengend, hinderlich, sondern Verlangen nach Ruhe, nach mir selbst. Nach mir in ihren Augen, meinen Worten in ihrem Mund. Unseren Freigeistern, die miteinander tanzend Pläne schmieden.

Wenn sie so neben mir sitz, lacht, redet, schweigt, komme ich zur Ruhe. Egal, von was sie spricht, ihre Worte sind heilsam, denke ich doch ebenso. Heutzutage ist es nicht einfach, so einen Menschen zu treffen. Oftmals versteht man sich mit anderen, teilt ähnliche Ansichten, lacht über dieselben Dinge, trotzdem verstehen sie mich nicht richtig, schmunzeln über meine Torheiten, belächeln die Wege, die ich gehe, negieren meine Träume, stempeln mich und die Art, wie ich leben will, als falsch, egoistisch oder zu frei ab. Umgeben sich gerne mit meinem Freigeist und dem Schalk in meinem Nacken, runzeln aber die Stirn, wenn ich sie tiefer in mich blicken lasse.

Sie hat all das mit offenen Armen empfangen. Die Lanze ergriffen, wenn ich zum Sturm auf die Windmühlen angesetzt habe, den Harnisch übergestülpt, wenn ich gestolpert bin und Schutz brauchte, sie hält den Strick in der Hand, den Körper so in den Wind gedreht, dass mich auch die kleinste Böe in die Höhe treibt. Wenn ich es brauche, gibt sie noch Seil dazu, komme ich ins Driften, dann dreht sie es sanft wieder ein, immer darauf bedacht, dass ich weiter in der Luft bleibe. Genauso lange, wie ich es für nötig halte.

Sie ist es, die mir die Seile in die Hand gibt, damit auch ich sie sicher in den Himmel leite, frei sein will, wie ich. Wenn der Wind gut steht, tummeln wir uns beide am Horizont, drehen Pirouetten, fallen, steigen, gleiten. Neben ihr kann ich groß und klein sein, stark und schwach, Kind und Mann, mutig, töricht. Ich.

Sie ist sie. Ich bin ich und sie, zusammen. Nebeneinander, übereinander, untereinander, ineinander, aber immer ich und sie. Kein Wir. Kein Eins. Kein fehlendes Puzzleteil, kein Ersatz, kein du-bist-das-was-mich-vervollständigt. Wir haben uns füreinander entscheiden. Nicht für Haus, Hof, Baum pflanzen, Kinder kriegen, Rententopf. Für Gefährten sein. Für durch das Leben gehen, so, wie es uns passt. Wenn nötig zusammen, wenn nicht, den anderen viel Spaß wünschend und selbst einen anderen Weg einschlagend.

Sie gibt mir Rückendeckung und macht gleichzeitig hinter meinem Rücken Faxen. Sie macht alles unkompliziert. Einfach. Weil sie weiß, wer sie ist, wer sie sein will, wo sie hinwill. Weil ich kein Katalysator bin, nicht gewollt, gesucht, erkämpft, trotzdem da. Weil ich nicht da bin, weil sie es braucht, sondern weil wir passen. Mit ihr gibt es kein: „Bleib, weil ich es so will!“, sondern: „Geh, weil es so richtig ist!“

Und das hat nichts Aufopferndes, sondern geschieht aus reiner Liebe zu mir, der Aufrichtigkeit, den anderen so zu lieben, wie man sich selbst liebt, ohne Opfergaben. Loslassen, wenn der andere nicht zu halten ist, weil man sich selbst auch nicht festhalten, sondern gehen würde. Schubsen, wenn der andere keinen Fuß vor den anderen bekommt. Nicht aus falschem Eifer, sondern weil sie die Hürden kennt, die sich einem manchmal in den Weg stellen.

Ihre Stimme, Medizin, die meinen Atem beruhigt, ihre Hände auf meiner Brust, Heilmittel, das mein Herz langsamer schlagen lässt, der Geruch ihrer Haare, Droge, die mich einschlafen lässt. Ihre Anwesenheit, das Präparat um größer, schneller, weiter, freier, verrückter zu denken. Ihre Abwesenheit, Pharmazeutikum, das mich beflügelt, inspiriert, weiterbringt.

Kein Schmerz, keine Sehnsucht, kein Hadern, keine Eifersucht, kein Drama. Sie ist es, die ich jede Sekunde mit mir trage, ohne dass sie Spuren auf meinen Schultern hinterlässt. Keine schmerzenden Abdrücke, die sich noch nach Stunden rot in der Haut abzeichnen. Sie ist die Leichtigkeit unter meinen Füßen. Sie ist mein Stillstand, ohne dass ich still stehe. Sie ist mein Antrieb, obwohl ich schon längst in voller Fahrt bin.

Headerfoto: Mike Monaghan via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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