Sich beinahe nahe sein

Vorwort: Manchmal, ja manchmal gibt es Menschen im Leben, zu denen man eine Anziehung empfindet, die man nicht rational erklären kann. Vor drei Jahren noch habe ich täglich versucht, meiner besten Freundin einzureden, sich nach sieben Jahren verdammt nochmal entlieben zu müssen. „Kann doch nicht so schwer sein!“, dachte ich. Die Zeit belehrte mich eines Besseren. Es scheint tatsächlich diese Menschen zu geben, die in dein Leben treten, um nie wieder zu gehen. Menschen, die sich durch eine Hintertür in dein Herz schleichen und dort wohlbehütet und unkontrolliert umherwüten – eben weil man sie lässt. Der nachfolgende Text ist frei von menschlichen Zwischenhandlungen und in keinster Weise hilfreich für Dritte. Es ist kein Ratgeber, beinhaltet keine Lösungsansätze und ist eigentlich völlig unverständlich. Geht los:

Beinahe haben wir uns getroffen.
Aber nur fast.

Keinerlei Regung im limbischen System. Ich sitze im Auto. Nichts denkend irgendwo auf einem Feld zwischen Berlin und Delft. Was ist das nur zwischen uns? Und wie viel mehr könnte es sein, wenn nur einer von uns beiden in diesem ganzen virtuellen Wirrwarr einen klaren Kopf behalten würde. Ich frage mich das beinahe jeden Tag – seit fast zwei Jahren.

5 1/2  Jahre trennen uns, aber age is just a number sagtest du.
Ich will dich treffen – unbedingt. Du sagtest, du seist noch nicht bereit dafür – vor zwei Jahren.

Aber ich bin ja geduldig, bereit, sofort loszufahren, sobald du mir nur ein Zeichen gibst. Fünf Stunden und 52 Minuten Autofahrt, was ist das schon? Kaum ein Unterschied zur Dauer unserer nächtlichen Chats, in denen wir uns etliche Male „Goedenacht“ wünschten und dann doch weiterschrieben.

Why would a beautiful girl like you, choose me, out of all the Dutch guys out there?, fragtest du.
Dennoch. Weiterhoffen, denn du schriebst: I dont want to stop chatting. Vor zwei Jahren.

Doch ich kenne dein virtuelles Ich. Ich habe gelernt, es zu deuten. Du bist überfordert mit der Situation, kannst nicht verstehen, wie sehr sich zwei Menschen, die sich nur beinahe kennen, so mögen können. Aber wie soll ich es dir erklären, wenn ich es selbst noch nie erlebt habe? Du, der Realist von uns beiden, hast den Kontakt abgebrochen, es war vermutlich besser so. Immerhin trennen uns 636 Kilometer.

I was and still am scared of meeting, just because I cannot understand why a total stranger would add me on Facebook, turns out to be a beautiful and amazing woman and would want to meet me“, hast du dich gewundert. Du schriebst: I did not react well to this and thats why it ended up like it is now. I truly wish you all the best with everything you do in life cause you deserve it. Vor 1 1/2 Jahren.

Jedes Wort deiner Nachricht war wie ein Stich. Vor meinem inneren Auge zogen gemeinsame virtuelle Momente an mir vorbei. Die Tage, die durch seine Nachrichten mit einem Lächeln begannen, die vielen Momente, in denen wir exakt dasselbe zur gleichen Zeit schrieben. All das. Von Zeile zu Zeile fühlte ich mich wie ein Flughörnchen, das breitarmig in Slow Motion in eine Dornenhecke segelt. Meine Gedanken wüten gegen mich! Wie kann jemand, der mir noch nie in Real gegenüberstand so den Kopf verdrehen? Wie kann ich selbst so etwas zulassen? Wenigstens ein bisschen Rationalität muss doch irgendwo geblieben sein zwischen meinen beiden Hemisphären. Aber nein! Ich bin nur eine Sklavin meiner eigenen Idiotie. Was weiß ich denn schon von dir? Du bist doch nur eine Konstruktion meiner unbefriedigten Wünsche. Aber wer bist du wirklich? Wie bist du zu deinen Freunden? Wie würdest du mich ansehen? Wie fühlt es sich an, von dir in den Arm genommen zu werden? Wären sie auch da, wenn wir uns gegenüberstehen würden, diese magischen Gefühle? Alles ist ungewiss. Was ich jedoch zweifellos wusste, ist, dass ich dich vermisse. Ich vermisste deine Stimme, der ich stundenlang hätte zuhören können. Ich vermisste jedes einzelne Wort von dir. Insgeheim weiß ich nämlich, dass du mich nie anlügen würdest.

Ein halbes Jahr Funkstille. Ich hielt es nicht mehr aus, also schrieb ich dir. Du sagtest, dass du mit der ganzen Situation nicht umgehen konntest. „If you still want to, I’m up for staying in touch“. Ok! Also alles auf Anfang – die Höhen, die Tiefen und schön in alten Wunden bohren. Es gibt nichts Besseres. Wir wussten beide zu diesem Zeitpunkt, dass all das Geschreibe zu nichts führen würde. Du warst eben immer noch nicht bereit für die reale Welt und für ein reales Treffen. Vielleicht wussten wir insgeheim, dass wir es nach all der Zeit nicht ertragen würden, wenn die Erwartungen nicht erfüllt würden.

„Ich würde gerne wissen, was du über mich denkst“, wunderte ich.
Du antwortest: I wanted to say: I have no clue, but that’s not true anymore, I think I know you fairly well by now.Vor zwei Monaten.

Und dann kam das Gefühl über dich. Das Gefühl, was du die ganze Zeit unterdrückt hast. „Lass uns treffen! Ich bin bereit!“ Du hattest immer noch Angst, sagtest du, aber wovor sollte man denn schon Angst haben? Es war alles geplant. Das Wann, das Wo und das Wie. Nur das „Wirklich?“ hattest du noch nicht ganz für dich durchdacht.

Ich habe nochmal intensiv darüber nachgedacht …“ schriebst du zwei Tage später.
Und ich denke, dass es doch nicht gut ist, wenn wir uns treffen“. Ein letzter Satz. Dein letzter Satz. Geschmückt mit einem traurigen Smiley.

Fazit: Die reale Welt hat kaum etwas mit „Email für dich“ zu tun. Ich bin zwar die Kathleen Kelly, die dich mit allem, was du getan hast, vor mir selbst in Schutz genommen hat, aber du? Du bist leider nicht mein Joe Fox. Denn Joe Fox hätte nach all der Zeit und nach allem, was gewesen ist, nicht diesen Rückzieher gemacht. Er hätte sich an sein Wort gehalten und hätte den Schritt in die reale Welt gewagt. Was hat man denn schon zu verlieren?

Beinahe haben wir uns getroffen.
Aber nur fast.

Eline Siebert löst sich nach langer Zeit von überromantischen Hollywood-Klischees und versucht, ihre Erlebnisse in dem ein oder anderen Gedankenspiel zu verarbeiten. Wie sie sich weiterhin macht und ob sie demjenigen irgendwann durch Zufall über den Weg läuft, werdet ihr sicherlich in einem anderen Post erfahren, denn häufig befindet sie sich in derselben Stadt wie er. Sie sind nur noch einen Zufall davon entfernt, sich wirklich zu begegnen. Wortlos dann. In einem Moment, in dem die Zeit still stehen würde.

Headerfoto: Amy Clarke (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

13690638_981216851997116_3752400148235198508_n
Written By
More from Gast

Lieber hoffen auf dich als hoffen auf nichts

Man sagt immer „Liebe macht blind“, aber niemand sagt dir, dass Liebe...
Read More

1 Comment

  • Ich finde es wunderschön. Traurig, aber so wahr. Weil ich in der gleichen Welt lebe, weil es jeden Tag passiert. Menschen treffen sich virtuell, sie werden Teil des anderen Lebens, ohne sich jemals getroffen zu haben. Es bleibt bloß die Frage, ob sie diese Intimität, die im Grunde auch wieder keine ist, auch in die wirkliche Welt übertragen können. Um ehrlich zu sein: Ich habe bisher kein Happy End erlebt. Auch wenn ich mich mit jedem Rückschlag umso mehr in das E-Mail für dich-Szenario verliebe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.