Selbstliebe abseits der Masturbation

Warten zu müssen, wenn ich es eilig habe, finde ich noch unerträglicher als Umzüge – und meine Güte, die hasse ich wirklich. Selbst in der Mitte einer Sekunde lauert ein Stresspotenzial mit atomarer Kraft. Eine ähnliche Druckwelle treibt vermutlich auch jene an, deren Mission es zu sein scheint, den Leerraum nach einer Trennung augenblicklich mit einem neuen Menschen füllen zu wollen – ähnlich einer Gefühlsspachtelmasse. Obgleich der Zufall manchmal ähnliche Pläne hat, gibt es auch solche Kandidaten in meinem Bekanntenkreis, die aus diesem Verhalten eine immer wiederkehrende Methodik entwickelten. Da baumeln Beziehungsleichen wie Zweige an der Trauerweide. Partnerdomino sozusagen oder ein Staffellauf des schönen Scheiterns. Unsicher darüber, ob ich nun sie oder mich verurteile, schwanke ich zwischen beneiden und bedauern. Ich kann kaum anders, als ich bin, denn ich ahne, hyperventilierende Gefühle atmen oft aus, doch selten durch.

Ich bin mindestens so gerne allein wie unter Menschen. Das Eine braucht das Andere und lebt davon. Warum erleben aber einige von uns das gemietete Glück arbeitsintensiver Zweisamkeit erstrebenswerter als einen verlängerten bewussten Moment in Abgeschiedenheit mit sich selbst? Braucht es eine „bessere Hälfte“ zur Ganzheit des Glücks? Meine These: Einsamkeit ist die unausgeglichene Schwester des Alleinseins, aber aufgrund ihrer engen Verwandtschaft fürchten sich manche vor beiden.

Wampenkuschelakku vs. Fickpflaster

Glücklichsein ist gerade sehr im Trend. Das Marketing und der Etikettenschwindel macht auch vor Menschen nicht Halt. Nicht jedes Rennrad bedeutet vitale Sportlichkeit. Nicht jeder Veganer ist ein Samariter und längst nicht jede Beziehung ist wirklich glücklich.
In meinem Fundus abgehalfterter Liebesträume hängt eine Kollektion sehr individueller Modelle, deren Berechtigung ich gar nicht in Frage stellen möchte. Alle waren es wert, geliebt zu werden, doch nicht jede tat mir gut. Ich bin einer, der mühsam unter den Trümmern einer gescheiterten Beziehung hervorkriecht und Heilung erst im Verzeihen findet. Ich verzeihe, dass du mehr du als meine Erwartung von dir warst. Verzeihen ist das Auflösen von Widerständen im Lebensstrom. Das klingt als Konzept „wahn-zen-ig“ weise, scheitert aber immer wieder an der Durchführung, doch das weiß nur ich …

Während dieses Kraftakts der Vernunft, unser Scheitern zu entschuldigen, verliere ich anfangs zumeist das Fett, das ich mir in Zeiten der schmerzhaften Angriffe, Ausrutscher und Stürze als schützende Knautschzone und Wärmespeicher ehemaliger Kuscheleinheiten angefressen hatte. Wenn sich das Leben plötzlich durch zwei teilt, ist alles nur noch halb so schön. Bedenkt man das Minus vor der Rechnung, stimmt auch die Lösung „doppelt so scheiße“. Muttis „Keinehalbesachenmachen“ ist ausnahmsweise der falsche Ratschlag. Das Pflaster mit einem Ruck zu entfernen, ist mutig, aber gelingt nur Wenigen. Die Trennung ist ein Prozess, der bereits im Glück beginnt. Kein Lebenshilferatgeber, kein guter Freund, kein Familienmitglied vermag, diesen Verlauf in irgendeine Richtung zu beeinflussen. Wer sich trennt, weiß um das Trauma, das folgt. Das lähmt. Es gibt kein Pflaster für ein blutendes Herz.

„An der Luft heilt es besser!“, schrie Mutti auch und behielt wenigstens an dieser Stelle Recht. Ein sexueller Ersatzverband, nennen wir ihn „Fickpflaster“, weil das schmissig klingt (Definition: Trostaffäre nach einer gescheiterten Beziehung), ist eine temporäre Hilfe, die sich, besudelt von der alten Wunde, eher früher als später lösen wird.

Krisen im Urlaub und Urlaub von Krisen

Ich weiß um jenes unbesiegbare „Wir-Gefühl“, dem grenzenlosen Rückhalt, die trostvollen Umarmungen und dem Meer aus Geborgenheit ebenso wie um den Reichtum geteilter außergewöhnlicher Erfahrungen wie Urlaube oder überstandene Krisen. Oder einer Krise im Urlaub, die eigentlich das Einzige vom Urlaub ist, das bleibt. Zumeist stolpern frische Paare spätestens nach wenigen Wochen über sich und einander und fliegen sauber auf die Fresse. Sie erleben erst gar nicht den Alltag, aus dem sie „all inclusive“ ausbrechen wollten.

Nein, ich bin kein Gegner der Liebe und ich meide sie nicht. Für mich ist die Liebe die erstrebenswerteste, weil bezauberndste temporäre Geisteskrankheit unseres Seins. Wir wollen uns doch alle den Glauben an das Märchenhafte bewahren. Doch verspüre ich immer weniger einen Bedarf an den lebensfüllenden Aufwand „Beziehung“, um so älter ich werde. Wenn sie passiert, merke ich, wie sie mich vereinnahmt, bis sie mich stellenweise behindert, sogar bremst. Die Kraft, die ich erst selbstlos verschenke, wird die Kraft sein, die ich mir künftig, im dritten Semester eines Beziehungsverlaufs, entziehe. Und mehr. Das soziale Umfeld schrumpft, manchmal auch unumgänglich. Ich vernachlässige alles, was mir lieb ist – aus Liebe. Das ist meine Schuld. Die Liebe will das nicht. Ich will das auch nicht. Ich warte noch auf den passenden Kurs an der Volkshochschule mit Abschlusszertifikat auf Butterbrotpapier gedruckt.

Pauschalisieren wir noch etwas mehr und behaupten eine von zehn potenziellen Bekanntschaften wird tatsächlich zur (aus-)gestandenen Urlaubskrise. Die neun anderen entwickeln sich wahrscheinlich in Richtung eines dieser undifferenziert betrachteten Klischees:

The f*cking Ungleichgewicht of Habenwollen: Wer liebt mehr?

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei mopsfidele mitteldicke Kinder auf einer Wippe exakt gleich viel wiegen und nicht anders können, als waagerecht zu schweben? In jeder anderen Variante ist dieses Spiel immer darauf angewiesen, dass beide Schwung haben und sich fallen lassen bzw. den Mangel des Gegenübers ausgleichen und abfangen können. Und wollen. Nein, mopsfidele mitteldicke Kinder schweben nur in extrem raren Ausnahmesituationen.

Der Übergewichtige = Ich liebe mehr

Mit der Dauer der Beziehung wächst meine persönliche Unsicherheit proportional zu deinem Desinteresse an mir. Mich plagen Verlustängste, Eifersucht, ich klammere und vertraue mir zusehends so wenig wie dir. Je mehr ich kämpfe, desto schneller werde ich verlassen. Will keiner, aber kennen wir alle … Man lehnt sich mit vollem Gewicht zurück und bumst dann so stark auf die Erde, dass das andere Ende der Wippe, seinen Passagier verliert. Und die Schwerkraft ist fair: Sie holt uns alle runter.

Der Untergewichtige = Ich liebe weniger

Mit der Dauer der Beziehung wächst mein Missmut über die mit Freiheit bezahlten Kompromisse proportional zur langen Leine, an der ich dich halte, bis sich Interesse, Lust und zuletzt Mitleid erschöpfen. Oder etwas Besseres kommt. Kann ich nicht! Halbwegs empathisch heule ich selbst angesichts der mir entgegengebrachten Gefühle, die dann verletzt werden würden. Es hat doch jeder mal gelitten und wenn der Spiegel der Reflexion nicht komplett beschlagen war, erlöst man alle, die sich offensichtlich in falsche Erwartungen verstricken. Im Allgemeinen versuche ich in annehmbarer Weise, kein Arschloch zu sein, denke ich.

„Die Wippe danach“ = Sexfreundschaften

Ist eine überaus komfortable Art der Beziehung, die keine sein will, verpufft sie zeitgleich nach einer Weile bei beiden Beteiligten, ohne Schrammen ins Ego zu kratzen. Ist dieser elegante Absprung nicht mehr möglich, ist es sehr wahrscheinlich, dass man mit verkrampftem Lächeln in das eben aufgezeigte „Dickes-Kind-dünnes-Kind-Szenario“ rutscht – Resultat siehe oben.

„Der Fummelrummel : Autoscooterbumsen“ = Die offene Beziehung

Zu zweit an Bord fährt man über das Parkett und bumst, was einem in den Weg kommt. All zu leicht lasse ich mich dazu herab, offene Beziehung zu einseitig und dann negativ zu verurteilen. Ich bin nicht der erste Teilzeitspießer, der dieses Modell für den letzten traurigen Versuch trennungsfauler, sexuell gelangweilter beste Freunde voreilig stigmatisiert.
An ausgeglicheneren Tagen lenke ich wohlwollender ein und lasse mehr Platz für die Möglichkeit, die Evolution einer modernen, gleichberechtigten Beziehung noch nicht erfahren zu haben. Es mag sein, dass nichts so sehr von aufrichtiger Liebe zeugt, wie seinem Gegenüber alle Freiheiten einzuräumen, die man für sich selbst gerne hätte. Die schnöde Fleischeslust wäre nur ein Akt der Unterhaltung ohne Bedeutung im Sinne der Abwechslung, denn entscheidend wäre die seelische Verbundenheit zweier immerwährend ineinander verliebten Freigeister – wie Buddha und Buddheuse … oder so.

Schulfrei am Nil

Die Arbeit an einer spröde gewordenen Beziehung ist doch lobenswert und ehrenhaft, gerade heute angesichts des Überflusses an Gelegenheiten in Großstädten und provinziellen WLAN-Routern. Am Ende bleibt es wohl doch immer ein Wettlauf mit der Zeit. Tötete uns das Scheiden wirklich, wäre die Erde weniger überbevölkert. Der Mangel an Gelegenheit macht achtsamer. Wir konsumieren Bekanntschaften und die meisten werden, kaum begonnen, gleichgültig weggeworfen, sobald etwas passiert, dass uns nicht freut. Dieser Verschleiß von guten Absichten ist deprimierend wie ein totes Tier auf der Autobahn. Zweifel knabbern an Hoffnung, bis keine mehr da ist. Dann läuft das Glas voller Tränen endlich über und nichts Gutes schafft es mehr ins Trockene. Ein Tsunami aus Konsequenzen und Veränderungen begräbt jede erarbeitete Gewohnheit.

Die Liebe ist eine Naturkatastrophe. Kommt man zu sich, schaut man am besten, wo man steht. Laufe ich den zerstörerischen Fluten nach oder über den Damm? Schon die Ägypter schätzten den fruchtbaren Boden nach Überschwemmungen, doch geerntet wurde immer erst später. Die Liebe ist indiskutabel und lässt sich niemals überreden. Was bleibt, sind reuevolle Einsichten, teure Lehren, nachträgliche Zugeständnisse und allerbeste Vorsätze. Jede Liebe ist ein Lehrer mit einer anderen Lektion. Alleinsein ist die große Hofpause, die man entweder lesend unter einem Baum oder spielend mit seinen Freunden verbringt. Kein Stillsitzen, Mundhalten, Melden. Keine Tests. Keine Leistungskontrollen. Frei von Pflichten und Erwartungen.

Wer den humoristischen Zugang zu diesen Zeilen nicht findet, der ist sicher erschrocken über diese zermürbte Sachlichkeit. Dabei geht es mir nicht um eine Entromantisierung oder Dämonisierung irgendeines zwischenmenschlichem amourös-sexuellen Miteinanders. Hast du die Chance zu lieben, liebe! Immer und immer wieder! Darum geht’s doch, wenn man sich nicht über irgendeinen materialistischen Status definiert, oder? Doch davor arbeite an dir und baue dir das Leben, das es wert ist zu teilen, anstelle von deinem Partner zu hoffen, er mache Kaputtes heil. Das klappt mitunter auch, aber das sind dann zumeist Filme mit Meg Ryan oder Reese Witherspoon.

Die Zeit allein ist Zeit für mich.

Finde heraus, wer du bist, was du liebst, dich glücklich macht, zum Lachen bringt. Kenne deine Werte, die du von anderen erwartest und befolge sie eisern. Charakter zeigt sich, wenn keiner guckt, und bei Menschen, die dir nicht von Nutzen sind. Sei dir ein Freund, über den du lachst, wenn er sich zu wichtig nimmt, den man aufbaut, wenn er unschuldig leidet. Sei deinen Freunden ein Freund, bei dem man nie betteln muss, der nicht urteilt, nichts verändern will, was niemandem schadet. Fülle deine Zeit mit Kinderträumen oder dazugewonnenen, die das Herz erfreuen und deinen Körper vor der Zeit wappnen. Umgib dich mit großmütigen, loyalen Menschen, die mit dir so kritisch wie herzlich sind und immer nur dein Bestes wollen. Erkenne deine Talente und die nur dir gegebenen Fähigkeiten als schicksalhafte Aufgabe, die mit Leidenschaft verfolgt, immer zum Erfolg führen.

Die Verwirklichung deiner Träume wird dir niemand abnehmen. Gesundheit und Zufriedenheit entsteht im Einklang von Machen und Lassen. Du bist, wer du glaubst, dass du bist. Biege, aber brich nicht. Stehe zu deinen Fehlern, in denen immer ein Impuls zu einem besseren Du darauf wartet, gezündet zu werden. „Du kommst allein. Du gehst allein.“, ist im ersten Moment ein trauriger Gedanke. Kaum richtig verstanden, erkennt man die zu wertschätzende Stärke darin. Bist du gut zu dir, ist auf dich immer Verlass. Menschen verletzen Menschen – ob sie wollen oder nicht. Finde jene, die es wert sind, das auszuhalten. Dann geh in die Natur und schätze dich und was du hast. Du bist dein Urlaub. Du allein mit dir – genüsslich, ausgeglichen, produktiv. Zum Verlieben.

And round and round and round and round it goes again …!

Maks F-Punkt hatte ein bisschen Deutschunterricht in der Schule und seitdem fortlaufend immer mal wieder Weiterbildungsmaßnahmen vom Arbeitsamt aufgezwungen bekommen – mit journalistischen Qualitätsthemen wie “Die Kunst zu koddern – Subtiles Beleidigen für Anfänger” oder auch “Drei Punkte und ein Fragezeichen / Das Minus im Gedankenstrich”. Außerdem illustriert er Dinge und ist selbstverständlich Mitglied eines im gegenteil-Berlin-Teams.

Headerfoto: Simon Lefebvre (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

imgegenteil_Maks

5 Comments

  • Sara sagt:

    Ehrlich: Messerscharf beobachtet und in zauberhafte Metapher verpackt. Wer das schreibt hat es gefühlt. All das. Wunderbar. Und danke dafür.

  • Laura sagt:

    Holla die Waldfee – was für ein genialer Text ! Zum Glück hab ich den Tab mit deinem Text offen gelassen … mir gefiel schon der Titel so gut. Lag gestern nämlich mit dem Laptop auf der Brust im Bettchen und wollte noch was Schönes zum einschlafen lesen – allerdings hab ich mir 40 Minuten davor noch ne Schlaftablette geklingt ….und die fing dann auch an zu wirken. Und so hat nichts mehr Sinn gemacht für mein .. Kein Wort mehr. Also dachte ich: Liegt das jetzt an mir? an der Pille? an dem Text? Na zum Glück hab ich es heute nochmal versucht. = Lag an der Pille 🙂 Wirklich großartig.

  • Lisa sagt:

    große klasse! ein wirklich toller text. ein bisschen ungemütlich und sehr wahr. danke!

  • Allison sagt:

    Kunst!!! Das sind die wundervollsten und wahrhaftigsten Zeilen, die ich seit langem gelesen habe.

  • peggy sagt:

    Ja diese verwandtschaftsgrade…
    Wunderbar geschrieben – mercischön!

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