Sei einfach du selbst

Ob Vorstellungsgespräch oder erstes Date – „Sei einfach du selbst!“ ist wohl der häufigste aller gut gemeinten Ratschläge, den man von Freunden mit auf den Weg bekommt. Und gleichzeitig der schlechteste. In der Theorie mag das ja ganz gut funktionieren: Wer von Anfang an ehrlich ist und seinem Gegenüber nichts vorspielt, was er in Wirklichkeit gar nicht ist, wird sich auch im weiteren Verlauf einer Beziehung nicht verstellen und sein wahres Ich verstecken müssen. Doch die Realität sieht ein bisschen anders aus: Wer freiwillig auf den Vorteil verzichtet, sich den Wünschen und Erwartungen des potenziellen Partners anzupassen, sollte besser von Natur aus ziemlich perfekt sein – oder er bleibt alleine. Eine repräsentative Studie (die ich an mir selbst durchgeführt habe) beweist das.

Das erste Problem, dem ich bei dem Versuch begegnet bin, authentisch zu sein, hatte überraschenderweise nichts damit zu tun, dass sich viel zu viele unattraktive Eigenschaften in mir vereinen. Zu oft konnte ich die Frage „Was würde Raffael in dieser Situation tun?“ überhaupt nicht beantworten. Ich stellte fest, dass ich mich so sehr daran gewöhnt hatte, derjenige zu sein, der ich gern wäre, dass es mir schwerfiel, diese Rolle abzulegen. Alles, was ich sagte, unterlag einer überbewussten Zensur; mein ganzes Verhalten zielte darauf ab, zu gefallen – nicht nur meiner Begleitung für diesen Abend, sondern vor allem mir selbst.

Aber ich gab mir große Mühe. Ich folgte meinen Eingebungen und sprach alles aus, was mir spontan in den Sinn kam. Der Erfolg blieb aus – soviel sei vorweg genommen. Doch bevor ich zu meinen Fauxpas („No-Goes“) komme, muss ich kurz die Bedingungen beschreiben, die mein kleine Experiment möglich gemacht haben: Im Gegensatz zu vielen meiner Mitmenschen habe ich nicht das Bedürfnis, mich dafür zu rechtfertigen, dass ich mich auf einer Dating-Plattform angemeldet hatte. Getrieben von Einsamkeit und Verzweiflung (ich bemühe ungern Euphemismen, aber an dieser Stelle sind sie durchaus angebracht) hatte ich ein durchaus vorzeigbares Profil erstellt und wahllos eine dreistellige Anzahl an Frauen angeschrieben, die vom Alter her zu mir passten (+/- 10 Jahre) oder in meiner Nähe wohnten (< 500 km).

Ich war gerade dabei, mir einen persönlich klingenden Text für Alisa auszudenken (private Nachrichten sollten immer persönlich klingen | Online-Dating für Dummys, Kapitel IV, S. 134 ff.), als ich ihre Nachricht empfing mit der Frage, ob wir uns mal auf einen Kaffee treffen wollten. Da Raffael ein solches Angebot nie ablehnen würde – so gut kannte ich ihn immerhin – schlug ich Tag und Uhrzeit vor und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Wir trafen uns an einer S-Bahn-Station nicht weit von meinem Arbeitsplatz. „Kennst du hier in der Nähe etwas, wo wir hingehen könnten?“

Diese Frage ist an sich harmlos und meine spontane Antwort („Nein!“) war auch nur ein kleines bisschen ungeschickt, da sie mich nur auf einer sehr unbewussten Ebene unattraktiv machte. Als Mann sollte man (in der Theorie) immer wissen, wo es lang geht. Unwissenheit, noch schlimmer: Unentschlossenheit! Steht bei Frauen nicht gerade hoch im Kurs.

Wir stellten uns in die überfüllte Ringbahn und fuhren ein paar Stationen Richtung Osten. Irgendwann stiegen wir auch wieder aus und liefen durch mir bis dato unbekannte Straßen Berlins. Auf die Frage, ob wir nach einem Café Ausschau halten sollten, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Kaffee hatte ich bei der Arbeit schon mehr als genug. Es ist nach 18 Uhr. Ich hätte jetzt lieber was Richtiges!“.

An dieser Stelle mag dem Leser zum ersten Mal bewusst werden, dass Authentizität nicht immer nur Vorteile mit sich bringt. Glücklicherweise war meine Begleitung an diesem Abend dem gemeinsamen Alkoholkonsum nicht abgeneigt und wir platzierten uns mit einer Flasche Wein und zwei Flaschen Bier vom Späti auf dem Tempelhofer Feld.

Unglücklicherweise trank Alisa nur eine der beiden Flaschen Bier, während ich mich darum bemühte, das Ende meines Weines so lange wie möglich hinauszuzögern. Im Laufe des Gespräches wurden folgende Themen kurz angeschnitten:

Vegetarier sein – dass Rumpsteaks mit Kräuterbutter meine Lieblingsspeise sind und dass Bacon & Eggs Bestandteil eines guten Frühstücks seien, wurde ich nicht müde zu erwähnen.

Rauchen – dass mir von Zigarettenrauch schlecht wird und dass es für mich überhaupt nicht in Frage kommt, eine Raucherin zu küssen (außer vielleicht direkt nach dem Zähneputzen) ließ ich nicht unerwähnt.

Familie – meine eigene ist unerträglich. Nein, ich mag diese Leute nicht, nur weil sie mit mir verwandt sind. Ich kann sie auf den Tod nicht ausstehen. So ist das – schade, klar, aber da kann man nichts machen.

Arbeit – von irgendwas muss man seine Miete ja nun mal bezahlen. Aber Spaß macht mir das nicht. Nee! Arbeit ist einfach Mittel zum Zweck; unter der Brücke schlafen ist verdammt ungemütlich (ich hab’s ausprobiert). Wenn ich mit dem Studium fertig bin, werde ich vielleicht einfach noch was anderes studieren. Vielleicht Philosophie. Sinnloses Wissen anhäufen macht einfach so viel mehr Freude als Erwerbstätigkeit.

Mir war durchaus bewusst, dass ich mit all diesen Bekenntnissen kaum eine Frau rumkriegen würde (dass sie Raucherin und Vegetarierin war, machte die Sache nicht einfacher). Jetzt frage ich mich natürlich: Wie wäre es gelaufen, wenn ich einfach immer das gesagt hätte, was sie hätte hören wollen?

Ich glaube, wir hätten uns ein zweites (und vielleicht ein drittes) Mal getroffen, unsere (ihre) Ansichten darüber ausgetauscht, wie die Welt funktioniert, und ein paar Flaschen Wein zusammen getrunken (vielleicht auch ein paar Flaschen Bier, wen interessiert’s). Irgendwann wären wir zu ihr gegangen (oder zu mir, ich hätte vorher aufräumen müssen; leere Weinflaschen, Kondome, Unterwäsche irgendwo verstecken), hätten einen DVD-Abend zusammen erlebt (Sex) und würden uns jetzt ganz langsam, Schritt für Schritt darüber bewusst werden, dass wir eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen.

Stattdessen sitze ich alleine zu Hause und schreibe diesen Text aus Langeweile. Dieser Fehler passiert mir kein zweites Mal!

Raffael ist vor neun Jahren 18 geworden und widmet seine Zeit nun dem Studium der menschlichen Psyche, meistens seiner eigenen. Die Semester zählt er nicht mehr mit, er hat es halt nicht so mit Zahlen. Um das herauszufinden, hatte er allerdings erst zwei Semester lang Mathematik studieren müssen. Dass Bridge seine große Leidenschaft ist, möchte er lieber nicht verraten, man könnte ihn sonst nämlich für langweilig halten. Das wiederum erschwert die Partnersuche. Seine Kurzgeschichten sind alles andere als langweilig. Wie sollten sie auch – meistens geht es schließlich um Sex.

Headerfoto: Helena Price via Creative Commons Lizenz 2.0! Danke dafür. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

imgegenteil_Raffael
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9 Comments

  • Warum nicht ehrlich sein und es einfach geschickter verpacken? Und Themen wie Familie kann man auch nach hinten schieben. Glaube nicht, dass sowas ein Trennungsgrund währe. Wenn Dich eine Frau besser kennenlernt, kann sie sich auch eher in Dich hinein versetzen und es besser akzeptieren.

    Eine Raucherin hat’s bei mir auch schwer. Da muss der Rest schon sowas von überzeugen, dass ich sie auch tatsächlich ein 2. Mal sehen möchte. Kaugummi hilft auch gegen den Geschmack. Wichtiger finde ich die Häufigkeit. Kettenraucherinnen sind raus. Aber sowas kann man vielleicht auch vorab schon herausfinden.

    Fazit:

    1. Ehrlich währt am längsten, muss aber nicht scheiße verpackt sein.
    2. Gerade beim Online-Dating mehr als 2 Nachrichten austauschen. Macht beide Seite weniger austauschbar.

    • Der Text hätte auch von mir sein können!!! Genau das tue ich auch, sagen was mir in den Kopf kommt. Mit genau dem gleichen Ergebnis, wie du es beschrieben hast. Aber mit der noch minimalen Hoffnung, dass es irgendwann mal funktioniert. Mich in dieser Hinsicht zu verändern, kommt nicht in Frage 🙂

  • es gibt nicht nur schwarz oder weiß! so aber schaut dieser Text aus!
    manchmal frag ich mich, warum mittlerweile jeder Autor sein will, persönliche oder ausgedachte Geschichten als wertvolle Ratschläge vermarktet werden, warum immer mehr jeder Pubs analysiert werden muss und das dann meistens in dieser Schwarz/weis Sicht.

  • … Dann hättet ihr also später festgestellt es passr nicht? Wozu dann der ganze Liebesschmerz & Schmerz ein Fake zu sein?

    Wer dich nicht nehmen kann, wie du bist, mit dem willst du doch auch gar nicht zusammensein. Insofern lassen sie die Frauen doch recht leicht erkennen, die potentiell passen: wenn sie angetan sind von dir, wie du eben bist.

    Und was du ihr da erzählt hast, fand ich jetz alles nich abschreckend, sondern ziemlich normal.

    Gabi

  • Hey, falls du mal Lust hast auf ein super mieses Date? Döner in der S-Bahn essen oder so (Ich find den Text super und veränder dich nicht!)

  • Lieber Raffael, du bist aber auch eine komplette Vollnase! Sich mit einer Frau an einer S-Bahn-Station treffen, das ist ja schon allein in der Theorie extrem unromantisch, und mit einem potentiellen Date in eine überfüllte S-Bahn steigen, ey ganz ehrlich, das hat ja Potential für’s „Worst Date 2015“, egal wie der Rest aussieht.

    Ich werd nie verstehen warum Menschen sich für andere Menschen mit denen sie evtl. die nächsten Jahre oder gar das ganze Leben verbringen nichtmal ein kleines bischen Mühe geben, gerade beim Ersteindruck. Man Man man, wir sterben irgendwann nochmal aus deswegen.

    • Das ist einfach der falsche Ansatz. Genau wie beim Autor.
      Nicht dein „super Plan“ macht ein gutes date aus sondern du selbst. Wenn du dir für jede Frau die du datest was besonderes ausdenken muss zeigt das schonmal ein falsches mind-set weil du zeigst dass deine eigene Person scheinbar nicht genug ist und gleichzeitig setzt du die Fau auf ein Podest. Du kennst die Frau nicht und planst schon ein super date, das kannst du machen wenn ihr euch paar Mal getroffen habt

    • ich finde das jetzt gar nicht schlimm, gerade die nicht konstruierten und überraschenden Dates, sind die Besten! Aber ja, die Menschheit stirbt aus, wenn wir beim Thema Liebe so weitermachen.

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