Schüchtern und introvertiert – ist doch das Gleiche! Oder?

„Sei doch nicht so schüchtern!“ (Jeder Typ, den ich jemals nicht küssen wollte.)

„Komm doch mal aus dir raus!“ (Jedes Familienmitglied, das mich auf dem Klassenfoto breit lachend in der Mitte sehen wollte.)

„Trau dir ruhig mal mehr zu!“ (Jeder Chef, der nicht verstand, dass Selbstbewusstsein nicht laut sein muss.)

„Du darfst deinen tollen Wortschatz nicht verstecken!“ (Jede Dozentin, die nicht wusste, dass ich eigentlich alles darf.)

Die meisten introvertierten Menschen können kaum zählen, wie oft man sie „schüchtern“ nennt oder leicht mitleidig nachfragt, ob sie es denn sind. Aus reinem Trotz möchte ich auch heute noch jedes Mal entgegnen: „Ich bin nicht schüchtern. Ich habe nur keinen Bock.“ Und ganz oft stimmt das auch. Introvertiert zu sein heißt nicht, schüchtern zu sein. Die meisten verwechseln schüchtern mit still. Dass ich mich oft zurückziehe, heißt aber nicht, dass ich Berührungsängste habe, es heißt im ersten Moment nur, dass ich Stille brauche und sie vielleicht auch ganz absichtlich suche.

Introvertiert und schüchtern – ist doch das Gleiche!

Definitiv: Nein. Wer introvertiert ist, muss nicht schüchtern sein, und nicht jeder Schüchterne ist auch von Natur aus introvertiert. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen beiden Eigenschaften. Susan Cain definiert ihn in ihrem Buch Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt so:

„Introvertierte sind überdies nicht unbedingt schüchtern. Hinter Schüchternheit steckt die Angst, von anderen abgelehnt oder gedemütigt zu werden, während Introversion nach innen gerichtete Aufmerksamkeit ist. (…) Viele schüchterne Menschen wenden sich nach innen, zum Teil als Flucht vor dem Kontakt mit anderen, der ihnen Angst macht. Und viele Introvertierte sind schüchtern, teilweise weil sie immer wieder zu hören bekommen, etwas stimme nicht mit ihrer Vorliebe für die Reflexion, und teilweise weil ihre Physiologie (…) sie zwingt, sich aus hochstimulierenden Umgebungen zurückzuziehen.“

Nicht immer, wenn ich still bin, bin ich auch schüchtern. Zwar sehen die beiden Eigenschaften von außen gleich aus – sie fühlen sich aber grundverschieden an. Jemand, der vor allem schüchtern ist, leidet darunter und würde sich gerne mehr trauen. Ich fühle mich meistens extrem wohl dabei, still zu sein, weil ich in dem Moment kein Bedürfnis habe zu reden. Ich bin in erster Linie introvertiert. Aber in Folge dessen manchmal auch schüchtern.

Mach dich doch mal ein bisschen locker!

Es liegt als Introvert nicht in meiner Natur, laut zu sein. Manchmal bin ich es trotzdem. Weil ich Lust dazu habe. Es liegt wirklich an der Tagesverfassung, wie schwer es mir fällt, auf andere zuzugehen, lustig oder schlagfertig zu sein. An manchen Tagen fühlt es sich natürlich an und ich habe Spaß dabei, an anderen komme ich mir lächerlich verstellt vor und stammle verlegen rum. Einfach, weil ich gerade viel lieber für mich wäre und die Kommunikation ein Hindernis für mich ist, das ich überwinden muss, um zu meinem eigentlichen Ziel zu kommen, zum Beispiel an Informationen für die weitere Arbeit. Ich bin einfach gerne still. Ich bin gerne bei mir selbst. Und deshalb vielleicht nicht so gut mit anderen.

Dadurch, dass ich viel weniger Übung darin habe, die Klappe aufzureißen, traue ich es mich auch nicht sofort bei jedem. Meine Introversion macht mich gewissermaßen schüchtern. Es ist ein bisschen wie im Job: Ich greife erst dann richtig ein, wenn ich mich kompetent genug dazu fühle, also wenn ich die Hintergründe der Situation erfasst habe. Davor stelle ich sachliche Fragen, um mir einen Zugang zu verschaffen.

Der Punkt, an dem ich mich wohlfühle – das ist der Raum, in dem ich mich frei bewegen kann.

Genau so ist es bei Menschen: Wenn ich jemanden noch nicht kenne, drücke ich ihm auch keinen Spruch. Ich versuche erst einmal, ein bisschen mehr über ihn herauszufinden, indem ich höfliche Fragen stelle und beobachte.

Wozu immer mit dem Geplänkel mithalten und sofort mega locker sein, obwohl ich mich nicht so fühle? Ich taste mich lieber langsam an andere Menschen heran und ehrlich – ich genieße diese kleinen Schritte, dieses sprichwörtliche Auftauen. Ich will gar nicht am ersten Tag dein bester Buddy sein. Es macht auch irgendwie Spaß, beim fünften Mittagessen zu merken: Jetzt fühle ich mich wohl in deiner Gegenwart.

Der Punkt, an dem ich mich wohlfühle – das ist der Raum, in dem ich mich frei bewegen kann. In dem ich ich selbst werde und mir nicht mehr aufgesetzt oder angestrengt vorkomme. Manchmal ist dieser Ort ein Zimmer mit zwei neuen Menschen, die mir so langsam vertraut sind. Öfter ist es ein Ort in mir.

Komm doch mal aus dir raus!

Manchmal bin ich so in meinen Gedanken vertieft, so sehr in meiner eigenen Welt gefangen, so tief in meiner Arbeit, dass es mich erschreckt, wenn plötzlich jemand mit mir spricht. Egal, was derjenige in dem Moment sagt – es ist, als würde er mich ertappen. Als würde er in meinen inneren Mittelpunkt latschen, wo ich gerade splitterfasernackt sitze und meditiere. Dann werde ich rot. Und jeder im Umkreis von 10 Metern denkt, ich sei übertrieben schüchtern. Dabei bin ich einfach nur kurz überfordert, aus meiner inneren Comfort Zone zu kommen und dabei auch noch sozial unauffällig zu bleiben.

Wieso muss ich auf Knopfdruck an sein, schlagfertig, charmant, forsch, bestimmend?

Wie soll ich auch mal eben „aus mir raus kommen“, wenn ich gerade ganz tief in mir drin bin? Und vor allem: Warum? Wieso muss ich auf Knopfdruck an sein, schlagfertig, charmant, forsch, bestimmend? Ich habe gegen keine dieser Eigenschaften etwas und hätte selbst oft gerne mehr davon. Und das ist doch eigentlich das Paradoxe: Ich würde mich gerne extravertierter verhalten, obwohl es überhaupt nicht in meiner Natur liegt. Einfach nur, weil es besser angesehen und damit leichter wäre.

Der extravertierte, laute, amüsante Charakter ist die Messlatte, das, was jeder am liebsten rund um die Uhr erfüllen soll. Aber muss denn jeder ein Showmaster sein? Ich glaube, man kann auch mit ruhig, klug, empathisch und zurückhaltend überzeugen. Es ist auf die Art zwar nicht immer leicht, sich Gehör zu verschaffen. Aber ein kluger Mensch hört auch jemandem zu, der nicht ganz so laut schreit.

Mäuschen, so reißt du doch nie was!

Ich bin nicht nur introvertiert, ich bin in Folge dessen auch hin und wieder schüchtern. Und damit hatte ich lange ein Problem. Neue Menschen kennenzulernen dauert für mich länger und es ist mir tierisch unangenehm, wenn ich dabei im Mittelpunkt der (fremden) Aufmerksamkeit stehe. Dann werde ich nervös und verkrampft, weil ich das Gefühl habe, ich muss jetzt irgendwie locker und selbstsicher wirken.

Schüchternheit ist aus Sicht der Gesellschaft keine Eigenschaft, die man gut finden soll, und aus meiner Sicht kein besonders deskriptives Wort für eine Person. Ich meine, was sagt es über mich aus, wenn mich jemand „schüchtern“ nennt? Gibt es nichts Interessanteres zu sagen? Es klingt immer ein bisschen, als wäre ich ungewollt in einem einzigen Charaktermerkmal gefangen.

Die Implikation ist doch irgendwie so: Schüchterne Menschen sind keine Achiever. Sie nehmen sich nicht, was sie wollen, und trauen sich nichts zu. Sie verstecken sich. Und verschenken damit automatisch ihr Potenzial. Das stimmt nicht.

Schüchternheit ist aus Sicht der Gesellschaft keine Eigenschaft, die man gut finden soll, und aus meiner Sicht kein besonders deskriptives Wort für eine Person.

Weil ich nicht laut bin, denken viele, ich sage nicht, was ich will. Oder weiß es womöglich gar nicht. Dass meine Schüchternheit von Männern schon oft als Grund für mein Nichtwollen interpretiert wurde, war leider kein schlechter Witz für einen guten Aufmacher. Dass ich grundsätzlich eher zurückhaltend bin heißt aber in keinster Weise, dass ich mich nicht traue, dir die Meinung zu sagen oder den entschlossenen Schritt zurück zu machen, wenn du mir ungefragt zu nahe kommst – übrigens auf jeder Ebene. Und das hat dann doch schon den einen oder anderen überrascht.

Genauso wie es viele überraschen mag, welchen beruflichen Weg ich als schüchterne Introvertierte eingeschlagen habe. Aus beiden Perspektiven scheint die Agenturwelt so ziemlich die letzte Wahl. Dabei bin ich ja nur im Alltag manchmal ein bisschen verlegen. Die größte Fehleinschätzung, der ich begegne, ist, dass ich dadurch automatisch mehr Skrupel hätte, mein Ding durchzuziehen.

Egal was ich mache – ich bin und bleibe nun einmal introvertiert und manchmal auch schüchtern. Und deshalb treffe ich meine Entscheidungen genauso zielstrebig und unabhängig wie ein extravertierter, nicht schüchterner Mensch. Es ändert ja nichts. Ich bin ans andere Ende des Landes gezogen, um genau hier zu sein. Dann bin ich dabei halt schüchtern! Was will man tun? Tief durchatmen, den roten Kopf aussitzen und weitermachen. Das war bisher mein Manöver.

„Dass du dich das traust!“, höre ich öfter, tatsächlich gut gemeint und leicht ehrfürchtig. „Mir wären die alle zu cool!“ Ich verrate euch was: Die sind gar nicht so cool. Nur nicht so schüchtern.

Headerfoto: Rothaariges Mädchen via Shutterstock.com. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt, Bild gespiegelt.) Danke dafür!

Dieser Text erschien zuerst hier.

 

Sabine von A HUNGRY MIND stolpert oft über ihre eigenen Füße und noch öfter über soziale Konventionen. Manchmal fragt sie sich, ob es klug war, sich in ihre Wahlheimat Hamburg zu verlieben. Das Schietwetter hält andererseits super als Grund fürs Alleinsein her - wer will schon ständig erklären, was „introvertiert“ heißt? Tief drinnen glaubt Sabine trotz allem ans Gute: Lasst uns den Planeten retten und jeden Extremismus beenden! Und wenn das nicht geht, dann wenigstens bei uns selbst anfangen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .