Schubladendenken – zwischen Selbstoptimierung und Selbstakzeptanz

Ich stehe in der Umkleidekabine der Kletterhalle, es ist spät, die meisten anderen sind schon weg. Ich schaue in den bodentiefen Spiegel, sehe mich mit meinen leicht geröteten Wangen, dem unordentlichen Knoten auf meinem Kopf, der nicht mehr wirklich als Frisur durchgeht, und meinem zufriedenen Gesichtsausdruck.

Meine Beine stecken nicht in einer super tighten Leggings in Größe XS, mein ungeschminktes Gesicht sieht nicht aus wie aus einem Beauty-Magazin und dennoch finde ich mich schön.

Szenenwechsel. Zwei Wochen später. Ich stehe in Unterwäsche in unserem Schlafzimmer, höre dich leise in der Küche werkeln und zur Musik summen. Ich schaue in den bodentiefen Spiegel, sehe meine leicht geröteten Wangen, gegen die das Puder einfach nicht ankommt, sehe meine Haare, die mal wieder nicht machen, was sie sollen, und ich finde mich scheiße.

Ich sehe meine Oberschenkel, die niemals in eine super tighte Leggings in Größe XS passen werden, und ich finde mich scheiße.

Ich sehe meine Oberschenkel, die niemals in eine super tighte Leggings in Größe XS passen werden, genauso wenig wie meine Hüfte, ich sehe meine gerötete Haut, die mit der kalten Herbstluft einfach nicht klarkommt, und ich finde mich scheiße.

Du kommst ins Schlafzimmer, für den Bruchteil einer Sekunde wandern deine Augenbrauen erstaunt nach oben, bis du die Situation verstehst und leise seufzt. Du stellst dich hinter mich, deine warmen Arme halten mich fest und du wirfst nicht mit irgendwelchen Floskeln um dich. Weil du genau weißt, dass man diese Gedanken nicht einfach wegdiskutieren kann.

„Du weißt, dass du die Einzige bist, die diese ganzen Fehler sieht.“ Dann lächelst du, küsst meine Wange und gehst zurück in die Küche.

Stattdessen flüsterst du mir ins Ohr: „Du weißt, dass du die Einzige bist, die diese ganzen Fehler sieht.“ Dann lächelst du, küsst meine Wange und gehst zurück in die Küche.

Etwas später sitze ich mit einem Cappuccino im nachhaltigen To-Go-Becher in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, scrolle mich durch Blogartikel über Selbstliebe und Akzeptanz und frage mich, woher diese ganze beschissene Unsicherheit eigentlich kommt.

Seit ich denken kann, oder spätestens seit meine Mutter nicht mehr dafür verantwortlich ist, mit welchen Klamotten ich morgens das Haus verlasse, dreht sich in meinem Universum und meinem sozialen Umfeld viel zu viel um diese ganzen Äußerlichkeiten. Und ich frage mich, ob ich in den vergangenen zehn Jahren auch nur einmal ein Bild von mir und meinem Körper hatte, das nicht irgendwie zumindest ein kleines bisschen angeknackst war.

Ich erinnere mich an mein sechzehnjähriges Ich, das sich tagelang nur von Gemüsesticks ernährt hat, erinnere mich an meine selbstauferlegten Zwänge, am besten jeden Tag Sport zu machen, nur um annähernd perfekt zu werden. Ich erinnere mich an Bilder von Mädchen, die auf die Lücke zwischen ihren Oberschenkeln so stolz sind wie andere Kids auf gute Noten. An Bilder von Mädchen, die ihre Taillen dem nächsten idiotischen Trend folgend hinter einem DIN-A4-Blatt verstecken. Hochkant, nicht quer.

Es ist dieser stetige Kampf zwischen Selbstoptimierung und Selbstakzeptanz. Und ich? Ich will ihn endlich nicht mehr führen müssen.

Es ist dieser stetige Kampf zwischen Selbstoptimierung und Selbstakzeptanz. Und ich? Ich will ihn endlich nicht mehr führen müssen. Ich will ganz normal einkaufen gehen, ohne dabei Angst zu haben, in der viel zu grell ausgeleuchteten Umkleidekabine eine Panikattacke ob der überdimensional erscheinenden Makel meines Körpers zu bekommen. Ich will mich nicht schlecht fühlen und in Gedanken den Schokopudding zum Nachtisch streichen, weil auf dem Etikett meiner neuen Jeans eine Zahl jenseits der 34 steht.

Ich will mich nackt ausziehen und mit gestrafften Schultern vor dir stehen, und dabei dann einzig und allein auf den Glanz in deinen Augen und nicht auf die nörgelnde Stimme in meinem Kopf achten.

Ich will mich nicht länger in irgendwelche Schubladen zwängen lassen, auf denen dann die Kategorien „zu dick“ oder „zu dünn“ aufgedruckt sind.

Und ich will mich vor allem nicht länger in irgendwelche Schubladen zwängen lassen, auf denen dann die Kategorien „zu dick“ oder „zu dünn“ aufgedruckt sind und anhand derer Menschen einfach nur ein schmerzlicher Stempel aufgedrückt wird. Denn – was auch immer in Schubladen gepackt werden sollte – Menschen gehören sicher nicht dazu.

Ich stehe in unserem Schlafzimmer und schaue in den bodentiefen Spiegel. Trage meine Lieblingsjeans und meinen Kuschelpullover, mein Gesicht ist nicht geschminkt und meine Haare sind weit weg von perfekt, aber das ist okay. Ich bin weit weg von perfekt, und auch das ist vollkommen okay. Ich lächle mich an, und mein Spiegelbild lächelt zurück.

Und ich wünsche mir, dass dieses Gut-genug-Gefühl irgendwann einfach dazugehört, wenn irgendein Mensch irgendwo auf der Welt in den Spiegel sieht. Jeden Tag. Und nicht nur jeden zweiten oder dritten.

Headerfoto: Rothaariges Mädchen via Shutterstock.com. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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