Schottland im Winter – vom Zauber einer Jahreszeit

Mit bestem Dank an unsere Homies von THE FERNWEH COLLECTIVE, dem Ort, an dem die besten Reisegeschichten erzählt werden. The Fernweh Collective erscheint als Print- und Digital-Magazin und ist im Online-Shop erhältlich. Website | Shop | Blog

Wir stehen abseits des Wanderweges im sanften Berghang, die Kamera am Stativ, blinzeln der Sonne entgegen, die soeben über sanften gegenüberliegenden Hügeln aufgetaucht ist. Kein Lüftchen weht, sodass die noch verbleibenden Nebelbänder sanft im Tal hängen bleiben. Die langen Halme der Grasbüschel sind vereist, die Eiskristalle glitzern in der Sonne. Sechs Stunden lang wird sie die Landschaft in ein goldenes Licht tauchen, auf ihrem flachen Weg knapp über den Hügelketten hinweg.

„Schottland, im Winter…“, haben selbst die Schotten gefragt, „warum kommt ihr ausgerechnet um diese Jahreszeit?“

Nun ja, zugegeben, das Wetter zeigte sich während der elf Tage unserer Reise rund um den Jahreswechsel nicht immer so kitschig und schön. Zur abwechslungsreichen Landschaft passend, peitschte uns auch der Regen ins Gesicht, der Wind fuhr unter alle Schichten der Kleidung und die Kälte kroch uns in die Glieder. Die gewisse Portion Dramatik spürbar durch die Elemente, auf die wir uns eingestellt haben, sollten wir bekommen.

Ebenso eindrucksvoll wie dieser Sonnenaufgang, mit dem schönen Farbverlauf am Himmel und den sanften Formen des Nebels, sollte unser Roadtrip verlaufen. Er führte uns von Glasgow aus in den Norden, über enge, kurvige Single-Track-Roads mit den immer wieder auftauchenden Ausweichbuchten, vorbei an Küstenstreifen, wo sich die flache Sonne im Meer spiegelte und uns blendete.

Schlussendlich sollte unsere Reise auf die Isle of Skye führen, die Insel des Nebels. Schon einiges haben wir gehört und gesehen von dieser rauen Insel, doch genauso divers wie diese Insel im Atlantik sein soll, so hat sich das Festland der Westküste entlang präsentiert, sobald wir aus dem Großraum von Glasgow entkommen waren.

Es sind zwar nicht die extrem weiten Distanzen zurückzulegen, durch die stets abwechslungsreichen und umwerfenden Eindrücke, die kurvigen und holprigen Straßen und einem Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit, werden die kurzen schottischen Wintertage aber zu einem komprimierten Erlebnis und wir brauchen schon fast vier Tage, bis wir die Insel des Nebels erreicht hatten.

Mit viel Flexibilität, warmen Schlafsäcken, einem windresistenten Zelt und all dem anderen nötigen Kleinzeug, um auf alles vorbereitet zu sein, suchten wir uns unseren Weg auf Straßen eisig-schöne Landschaften. Die Seen lagen wie Spiegelflächen vor uns, was es nicht weniger spektakulär machte, vor den verfallenen Schlössern zu stehen, die kalte Luft einzuatmen und einfach nur zu staunen und abzuschalten.

Viel Menschenkontakt hatte man hier draußen auch an den schönen Wintertagen nicht, doch wenn man dann am kleinen Parkplatz vor dem Waldweg den freundlich dreinschauenden Schotten grüßte, so wurde man gleich in einen Smalltalk verwickelt. Genauso neugierig wie hilfsbereit, diese Schotten. Irgendwie hatten wir uns die Highlander anders, viel schroffer vorgestellt.

Aber den Klischees entsprach hier nur die Landschaft. Leicht vom Schnee angezuckerte Hügel erhoben sich über den zahlreichen Lochs, das regelmäßig wechselnde Landschaftsbild im Allgemeinen und die bekannten und stets schlecht frisierten Galloway-Hochlandrinder waren alles Punkte, auf die wir uns schon im Vorfeld gefreut hatten.

Sehr leicht kann man sich hier verlieren. Nicht bei der Navigation, das Straßennetz ist überschaubar und einfach per Karte zu managen. Wohlgemerkt am ehesten dann, wenn man sich auch auf den kleinsten der vielen abgelegenen Straßen nicht verunsichern lässt, sondern sich einfach auf sein Gefühl verlässt, doch noch zum angesteuerten Ziel zu kommen. Und wenn nicht, gibt es sicher andere spannende Dinge zu entdecken.

Natürlich ist im Nachhinein betrachtet genau dies die Erklärung, warum wir uns wunderten, wie man aus dem Befahren einer zehn Meilen langen Straße in ein von Hügeln gesäumtes Tal in der Gegend von Glencoe (Tipp: diese Gegend ist wahrlich ein Highlight und sollte auf jeder Reiseroute in Schottland eingeplant werden!) einen eindrucksvollen Tagesausflug gestalten kann. Regelmäßige Abstecher auf die nächste Park- oder Ausweichmöglichkeit passierten unweigerlich und die Umgebung wurde zu Fuß erkundet, die Kamera stets bereit. Nasse Füße, trotz guter Wanderschuhe, waren an der Tagesordnung, denn die großen Grasbüschel waren – wenn nicht vereist – umgeben von nassem, matschigem Untergrund.

Aber was wäre ein Winterurlaub in Schottland ohne jemals in den Genuss zu kommen, die Elemente zu spüren? Nasse Füße waren nur das eine, Sturmböen, die die Wolkenfetzen im Eiltempo ins Meer hinaus bliesen, das andere. Dichter Nebel, der zum wiederholten Male von der Sonne durchbrochen wurde und natürlich der Regen im Gesicht und auf der Frontlinse des Objektivs waren weitere metereologische Highlights.

Diese Elemente bekamen wir dann speziell auf der Insel Skye zu spüren. An den ersten drei Tagen dort wurde es gefühlt noch früher dunkel, denn die Wolkendecke war immer sehr dick und dunkelgrau. Auf dieser Insel, wo sich schroffe Berge dicht am Meer auf fast 1000 Meter aufgeschoben haben, einige davon vulkanischen Ursprungs, finden sich für Interessierte, die genug Geduld mitbringen, auch Zeitzeugen in Form von Fossilien und man kann sogar Fußabdrücke von Dinosauriern finden. Möglicherweise genau dort, wo auch ein vom Regen gespeistes Rinnsal in Form eines tosenden Baches von den Klippen ins Meer stürzt. So vielfältig, so bezaubernd. Isle of Skye.

Unsere Highlights dort waren sicher das Gebiet von Quiraing bzw. die nördliche Ostküste im Allgemeinen, der windige Besuch am Neist Point und ganz besonders der Jahreswechsel im familiären Umfeld,der wohl sympathischsten Bed-&-Breakfast-Unterkunft Schottlands. So wurde Silvester mit Whisky, schottischem Folk und auch gälischem Gesang gefeiert und es wurde kein Gedanke dran verschwendet, dass der abwechslungsreiche Roadtrip in Schottland auch bald sein Ende finden würde. Verabschiedet wurden wir von Schottland schlussendlich mit einem kitschig-schönem Sonnenuntergang in den südlichen Highlands.

Schottland, du wirst wieder bereist!

DER FOTOGRAF: Christian Biemann, 29, kommt aus der Nähe von Linz im schönen Österreich. Als er das Reisen für sich entdeckte, ahnte er noch nicht, wie sehr sich dadurch auch seine Leidenschaft zur Fotografie entwickeln sollte. Damit ging auch einher, die Umwelt mit Mensch und Natur um sich herum viel bewusster und irgendwie „anders“ wahrzunehmen. Das sind gute Voraussetzungen für einen Quereinsteiger, der noch viel vorhat. Lieblingsdestinationen: Seine Reisen nach Asien erdeten ihn immer wieder aufs Neue und nach seinem Island-Besuch packte ihn das Nord-Fieber, was auch der Grund war, warum er irgendwann Schottland auf seiner Liste hatte. Blog | Facebook | Instagram

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