Schlussmachen ist auch scheiße

Ich spüle langsam den letzten Teller. Die monotonen Abläufe beruhigen mich und geben mir etwas Halt. In meinem Kopf herrscht Chaos. Oder besser: ein bitteres Gemisch aus Angst und Hilflosigkeit. Ich schaue auf die Uhr und mein Herz setzt einen Schlag aus: Du wirst gleich da sein. Und dann ist es Zeit. Es gibt keinen Ausweg mehr. Ich muss das jetzt tun.

Ich wiederhole zum x-ten Mal die Power-Sätze, die ich mir fein säuberlich bereit gelegt habe, um die Unsicherheit in mir drin zu beseitigen. Ich hasse mich jetzt schon dafür, was gleich passieren wird. Passieren muss, das weiß ich wohl. Denn eines ist leider unausweichlich und unumstößlich: Ich liebe dich nicht mehr.

Eine Mauer zwischen uns

Die Tür geht auf und du rufst fröhlich: „Schatz, ich bin zuhause.“ Wobei, bist du wirklich fröhlich? Ich höre irgendwie auch eine leichte Gegenangst. Ahnst du es womöglich? Verwunderlich wäre es nicht. Ich habe mich die letzten Wochen zurückgezogen, den Satz mit den drei Worten vermieden und eine Mauer hochgezogen. Du kamst nicht mehr an mich ran. Solltest du auch nicht. Ich war noch nicht bereit war, den Schritt zu gehen von dir weg, aber zumindest sollte es nicht aus heiterem Himmel passieren.

Auch wenn ich schon weiß, dass ich dich damit wahnsinnig gemacht habe. Ich konnte nicht anders. Das klingt schrecklich theatralisch! Aber ich konnte tatsächlich nicht das happy Muttchen spielen, das mopsfidel durchs Leben springt. Während in mir drin ein Vulkan explodiert.

Keine Reaktion ist schon Reaktion genug

„In der Küche.“ Mehr bringe ich nicht heraus. „Hey, na wie geht’s? Hattest du einen schönen Tag?“ Du bemühst dich immer noch, es so aussehen zu lassen, als wäre alles tutti. In den letzten Wochen hast du dich so sehr um mich bemüht. Mir Rosen gekauft, mir bei jeder Gelegenheit deine ewig währende Liebe gestanden. Ich wusste nie, wie ich reagieren soll. Aber keine Reaktion ist schon Reaktion genug.

Es brach mir das Herz, deine Hoffnungen aufflammen und im selben Moment erlöschen zu sehen. Die Enttäuschung in deinem Blick war für mich wie ätzende Säure, die geradewegs ins Herz lief. Ich quäle dich. Und ich weiß es. Und ich hasse mich dafür. Tief und voller Verachtung.

Ich will dir nicht wehtun

„Wir müssen reden.“ Deine Schultern sacken herunter. Dein Blick wird traurig und verzweifelt. Du räusperst dich. „Ich weiß. Aber ich will nicht. Ich liebe dich!“ Du hast es also doch geahnt. Ich glaube dir sogar, dass du noch tiefe Gefühle für mich hast. Während sich in mir nur noch ein trostloses Nichts befindet. Das macht es umso schwerer für mich. Ich will dir nicht wehtun.

Wochenlang habe ich mich darum gedrückt, mich aufgerafft und dann doch immer wieder den Mut verloren. Ich habe dich nachts beim Schlafen beobachtet, deinem ruhigen Atem zugehört. Du wirktest so friedlich und zufrieden. Ich wusste, dass du bald nicht mehr so ruhig schlafen würdest. Und ich würde daran schuld sein. Das schnürte mir die Kehle zu. Du hast das nicht verdient. Du bist so ein guter Mensch und warst immer für mich da.

Alles leer

Mein Herz schlägt immer schneller. Ich muss es jetzt sagen. Kein Zurück mehr. Wo sind meine Power-Sätze hin? Ich finde sie nicht mehr in meinem Kopf. Weg. Alles leer. „Es geht nicht mehr.“ Die Worte rammen sich in dein Herz, das kann ich sehen. „Es tut mir so unendlich leid.“ Ramm. Ich spürte, wie Tränen in meine Augen steigen, obwohl ich sicherlich die Letzte bin, die Recht auf Tränen hat. Ich bin hier schließlich das Arschloch, oder?

„Aber wir können doch daran arbeiten, oder? Wir kriegen das wieder hin, ja? Ich tue alles für dich. Sag mir, was du brauchst.“ Der fette Schuldgefühle-Kloß in meinem Hals, der sich über die letzten Wochen angesammelt hat, lässt sich nicht herunterschlucken. Was soll ich darauf nur sagen? Wer macht sowas? Wer tut das einem lieben Menschen an? Einem Menschen, der jahrelang an meiner Seite gelebt hat. Ich kann mich selbst nicht mehr leiden.

Eine klare Aussage ist das Mindeste

„Das bringt leider nichts. Es ist zu spät.“ Ramm. „Du kannst nichts dafür, es ist einfach passiert. Wir haben uns auseinander gelebt.“ Ramm. Jetzt liegt Wut in deinem Blick und immer noch Verzweiflung. „Und das war es jetzt? Einfach so? Willst du nicht einmal um uns kämpfen? Liebst du mich gar nicht mehr?“ Das ist sie. Die Frage aller Fragen. Ich habe gehofft, ihr entgehen zu können.

Ich knabbere auf meiner Lippe herum, um Zeit zu gewinnen. Die Tränen laufen nun doch über meine Wangen. Ich elender Feigling. Ich drücke die Augen zusammen, um danach klarer sehen zu können. Vergeblich. Aber jetzt nichts zu sagen, ist keine Option. Ich bin dir eine klare Aussage schuldig. Das ist das Mindeste. Ich atme tief durch. „Ich liebe dich nicht mehr. Es tut mir so leid.“ Ramm. Game over.

Vier Phasen

Die nächsten Stunden sind eine Aneinanderkettung von verschiedenen Phasen. Zuerst gewinnt deine Verzweiflung. Du klammerst dich an mich und willst mich nicht mehr loslassen. Ich warte still, bis der Sturm vorbei ist und streichele langsam über deinen Rücken.

Phase 2 ist dann die Wut. Du wirfst mir vor, nicht früher mit dir geredet zu haben. Dass mir unsere Beziehung egal ist. Dass ich dich einfach fallen lasse. Ich warte wieder ab, denn egal, was ich sage, es kann nur falsch sein. Ich beteuere unendliche Male, dass es mir leid tut und du mir immer wichtig sein wirst. Kannst du dir natürlich auch nichts von kaufen. Schon klar.

Phase 3 ist die Resignation. Wir sprechen nicht viel und starren vor uns hin. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Ich könnte einfach gehen, aber ich will für dich da sein. Auch wenn ich das wahrscheinlich nicht kann. Ich will dich so nicht zurück lassen. Ich wünschte, ich könnte wieder zu Phase 1 und dich in den Arm nehmen. Aber das erscheint mir unpassend.

Phase 4 ist die letzte Phase (zumindest unseres gemeinsamen Daseins, allein wirst du wohl noch einige weitere Phasen durchleben müssen): Erschöpfung. Dein Körper sackt zusammen (meiner will auch, aber ich zwinge mich, dem Drang nicht nachzugeben. Ich kann mich jetzt nicht fallen lassen, denn dann müsstest du dich um mich kümmern und das geht grad nicht). Du schlurzt vor dich hin und deine roten Augen fallen irgendwann zu. Ich lege eine Decke über dich. Mein armer Schatz! Ich weiß, so darf ich dich nicht mehr nennen. Aber es hört mich ja keiner.

Ich wollte das nie

Ich dachte immer, wenn man keine Gefühle mehr für den anderen hat, ist der Schmerz nicht so groß. Falsch! Ich fühle mich genauso ausgelaugt und innerlich zerrissen wie du. Behaupte ich jetzt mal. Und die nächsten Wochen werde ich viele Tränen vergießen. Weil du mir wichtig bist und ich nicht will, dass du wegen mir leidest. Ich wollte das nie. Aber ich weine nicht aus Liebeskummer, sondern aus Schuldgefühlen.

Noch Monate nach heute werde ich Schuldgefühle haben. Nicht, weil ich mich schuldig fühle, dass die Beziehung gescheitert ist. Dafür kann ich nichts. Du auch nicht. Es ist einfach passiert. Das macht das Leben mit uns. Ich fühle mich schuldig, weil ich der Grund bin, dass du diesen Schmerz durchstehen musst. Weil ich diejenige bin, die dir das antun musste. Und das, obwohl es keinen anderen Ausweg gab und du es vermutlich auch hast kommen sehen.

Schlussmachen ist scheiße!

Klar bin ich das Arschloch, weil ich dich verletzt habe. Aber es war kein leichter Schritt. Und auch kein schmerzfreier. Es tut weh, einem wichtigen Menschen weh zu tun und keinen anderen Ausweg zu sehen. Schlussmachen ist immer scheiße, egal von welcher Seite! Just for the record. Falls mal jemand fragt.

Christiane Mieth liebt es, in Düsseldorf durch die Straßen zu ziehen und Menschen zu beobachten. In ihrem Blog Mieth me! (zu finden auch auf Facebook) schreibt sie Geschichten über alles, was ihr dabei begegnet, über Menschen und Freundschaften, das Leben und natürlich auch die Liebe.

Headerfoto: Rob Potter via Unsplash. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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