Schlapper Schwanzvergleich: Willkommen beim Klassentreffen

„Und Laura? Schreibst du über heute Abend dann ’nen Artikel?“, fragt mich Jonas plötzlich. Weder kann er sich dabei ein höhnisches Lachen von oben herab verkneifen, noch scheint er zu ahnen, dass er mit seiner unbedarften Provokation voll ins Schwarze treffen würde. „Genug Material hätte ich dafür auf jeden Fall schon“, antworte ich, bevor das Bullshit-Bingo in die nächste Runde gehen kann.

Zur Erklärung: Ich befinde mich auf dem Klassentreffen meines Abiturjahrgangs, fünf Jahre nachdem man uns zertifizierte, wir wären geistig reif genug, um ins Berufsleben einzusteigen oder ein Studium aufzunehmen. Ich stehe in einem Kreis aus ehemaligen Mitschülern und mit Jonas habe ich in der Schulzeit, wenn es hoch kommt, um die zehn Sätze gewechselt. Jetzt will er also mal nachbohren.

Sich mit ein paar Witzchen auf meine Kosten die Lacher der anderen sichern? Oder doch nur sein Selbstwertgefühl aufpolieren?

Neid, und Unwissenheit tarnen sich eben gut unter einem Deckmantel aus gehäucheltem Interesse und einer Prise Sarkasmus. Seine Mission? Sich mit ein paar Witzchen auf meine Kosten die Lacher der anderen sichern? Oder doch nur sein Selbstwertgefühl aufpolieren? Ich für meinen Teil erlaube mir darüber kein Urteil.

Also bohre ich jetzt mal nach. Kann ja sein, dass er wirklich gut findet, was ich so zu sagen habe: „Das ist ja interessant, dass du meine Artikel liest. Freut mich echt zu hören, dass du da so großes Interesse hast!“ Doch sogleich rudert Jonas zurück: „Nee, na ja, wenn mir da ’n Name angezeigt wird, den ich kenne, klick‘ ich da natürlich drauf, aber ich verfolge jetzt nicht, was du machst!“ Ja nee, ist klar, Jonas. Abgesehen davon, dass man erst auf den Link klicken muss und dann meinen Namen lesen kann, fühle ich mich echt geschmeichelt. Nicht.

Komplimente verteilen kann auch Steven. Beim Schwelgen in Erinnerungen, die bis in die Kleinkindzeit zurückreichen, erklärt er mir und allen Umstehenden, dass es doch klar sei, dass man sich an mein Kindergarten-Ich nicht mehr erinnern kann, weil ich mit fünf eben „noch nicht so goddamn hot“ war wie heute. Feminismus? Fuck no!

Aber genug die persönlichen Wunden geleckt. Kommen wir zum Kern der Sache, der nicht nur mich betroffen haben dürfte: Alles fing an bei der Einladung, in der geschrieben stand, dass man sich ja nach fünf Jahren sicher genug zu erzählen hätte, da ja mittlerweile jeder mit dem Studium fertig sein sollte.

Srsly? Klar, wenn man direkt nach dem Abi loslegt, die Regelstudienzeit nicht, wie etwa in Medizin, zwölf Semester beträgt und man sich nicht noch mittels Nebenjob Geld verdienen muss, dann ist nach fünf Jahren jeder fertig, ja. Der Grundstein für einen Abend voller Facepalms war also gelegt worden.

Schaue ich mir den Abend an, wie er tatsächlich stattfand, bietet er eher eine Steilvorlage für ein „Expectation vs. Reality“-Bild.

Jetzt konnte es im Gruppenchat auf Facebook weitergehen, wo man vor/nach dem Treffen seine Vor- bzw. immer noch anhaltende Freude bekundete. Schaue ich mir den Abend an, wie er tatsächlich stattfand, bietet er eher eine Steilvorlage für ein „Expectation vs. Reality“-Bild.

Bei „Expectation“ würde ich eine fünfköpfige, blonde Familie einfügen, die eine Gruppenumarmung auf einer grünen Wiese genießt und bei „Reality“ eins von diesen antiken, in braun gehaltenen Gemälden, die den Judaskuss abbilden. Tatsächlich ähnelte alles, was abseits von unaufgeforderten Bewertungen meiner Person geschah, eher einem lustlosen Schwanzvergleich als einem freudigen Wiedersehen.

Ich befand mich nicht auf einem Jahrmarkt der Eitelkeit, sondern in einem ganzen Freizeitpark der Oberflächlichkeiten.

Die einstellungsgespräch-artigen Fragerunden verliefen meist wie folgt:

„Und was studierst du?“ – Antwort x. „Und bist du schon fertig?“ – Antwort y. „Und was willst du damit machen?“- Antwort z. „Ok, ich geh‘ mir mal was zu trinken holen!“

Die Gespräche ließen wohl einige unweigerlich mit einem Gefühl von „Hab ich’s denn jetzt in den Recall geschafft?“ zurück. Nach wenigen Minuten befand ich, dass ich mich nicht auf einem Jahrmarkt der Eitelkeit, sondern in einem ganzen Freizeitpark der Oberflächlichkeiten befand.

Neugierde bei dem ersten Wiedersehen geliebter sowie verhasster Mitschüler ist selbstverständlich. Selbstverständlich interessiert es mich, wer was lernt, studiert oder arbeitet und selbstverständlich erzähle ich das auch anderen über mich. Allerdings mit der Absicht, Gemeinsamkeiten zu entdecken, sich inspirieren zu lassen oder einfach als Einstieg in ein Gespräch.

Nicht aber, um mich vor anderen zu produzieren, weil ich in irgendetwas besser, schneller oder erfolgreicher bin. Ein Tipp fürs nächste Mal: Auch persönliche Fragen, die sich auf das Leben abseits von Beruf und Karriere beziehen, kommen gut an. Denn sie zeugen von wahrem Interesse an der Person, statt nur von dem Wunsch, sich selbst zu promoten.

Anderer Leute Lebensqualität und Erfolg an der Anzahl ihrer Nachkommen oder der der grauen Haare messen? Bring it on!

Aber wen interessiert so was schon? Vielleicht Leute wie Jonas in fünf Jahren dann, wenn sie anderer Leute Lebensqualität und Erfolg an der Anzahl ihrer Nachkommen oder der der grauen Haare messen? Bring it on!

Natürlich kann und will ich nicht alle Anwesenden des Abends hiermit ansprechen. Doch allein der Aberwitz der oben zitierten Aussagen ist, angesichts der Tatsache, dass die besagten Personen im Besitz eines sogenannten Reife-Zeugnisses sind, leider so offensichtlich, dass es wehtut. Aber alles Jammern hilft am Ende nicht und ich komme nicht umhin, mich zu fragen, was ich aus den geschilderten Erlebnissen mitnehmen kann.

Nun, wenn ich wahnsinnig erfolgreich wäre, würde ich jetzt einfach ‚Haters Gonna Hate‘ schreiben, aber das wäre in meinem Fall etwas übertrieben. Trotzdem fühle ich mich danach: Eure verzweifelte Borniertheit gegenüber dem, was andere tun und sind, ist der Motor, der mich antreibt, genau das weiterzumachen.

Und danke für die Idee zum Text, Jonas!

Headerfoto: Lucas Pimenta on Unsplash.

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