Schlaflos in Berlin

Es ist 3:21 Uhr. Ich kann nicht schlafen. Wir kennen uns jetzt seit 7,5 Jahren. Genauso lange wie ich nun in Berlin lebe. Dein Jüngster, ein süßer kleiner Fratz, öffnete mir damals die Tür. Ganz verschlafen, schüchtern und mit Teddy im Arm. Er war mit meiner Frage nach einer Leiter etwas überfordert, weshalb du im Türrahmen erschienen bist und mich angestrahlt hast wie ein Honigkuchenpferd. Du hast mich ab diesem Zeitpunkt gehabt.

7,5 Jahre später. Ich denke an dich. Irgendetwas an dir gibt mir das Gefühl, dass es dieses Mal anders ist, obwohl es kompliziert ist und du nicht allein bist.

Szenen aus der ersten Nacht mit dir laufen in Dauerschleife vor meinen Augen ab. Ich sehe dich und mich … und erröte. Ich sehe dich und mich in 50 Jahren, alt und grau und Händchen haltend auf einer Treppe sitzend – zumindest solange es die Gelenke zulassen. Aber Händchen haltend. Und glücklich.

Ich denke an dich. Dich und mich, wie wir durch Berlin laufen, rauchend, lachend. Klaviergeräusche. Deine Augen. Ich fühle mich magisch angezogen und küsse dich, blende alles aus. Nur du und ich. Es ist als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Ich bin Wachs in deinen Händen.

Ich denke an dich. Dich, wie du sagst, dass du anstatt zu ihr ja vielleicht einfach alleine in eine Wohnung ziehen würdest. Dabei sahst du mich so bedeutungsschwer an und ich sagte nichts. Ich hatte dir so viel zu sagen. Du hast in der Sekunde realisiert, dass es irgendwie unangebracht war und wurdest still … und traurig. Ich fragte dich, ob du es bereust. Dein Blick. Wie du mich angesehen hast. Als hätte es nie eine andere Wahrheit als dich und mich gegeben. Du kamst auf mich zu und sagtest, dass du am liebsten nur noch mich küssen wollen würdest … immer … für immer, nur noch meine Lippen und hast mich hochgehoben und mich so voller Liebe geküsst, dass mir schwindlig wurde. Irgendwann werde ich dich heiraten. Das wusste ich in dem Moment.

Ich denke an mich. Mich wie ich zwei Tage lang weder esse noch schlafe. Es fühlt sich nicht richtig an, nicht für dich zu kämpfen. Ich muss dich wiedersehen, höre ich mich sagen. Ich kann das alles so nicht stehen lassen. Was ich will, weiß ich nicht. Nur, dass ich dich sehen will.

Ich denke an dich. Dich und deine SMS, eine Liebeserklärung. Du sagst, du hast dich verliebt und dass du nicht aufhören kannst, an mich zu denken. Dass du bereits unsere Kinder barfuß am Strand spielen siehst. Ich erröte. Irgendwann mache ich dir wunderschöne Kinder.

Du sagst, dass wir beide mal einen ganzen Tag zusammen brauchen. Nur du und ich. Ich finde auch. Und trotzdem ist da dieser bittere Beigeschmack. Ich merke, wie schlecht es dir mit der Situation geht. Du bist wie ich. Lügen und Betrügen ist scheiße.

Ich wache auf und denke an dich. Ich strecke glückselig meine Hand nach dir aus. Du bist nicht da. Ich habe nur von dir geträumt.

Ich denke an dich. Dich und mich, wie wir im Auto sitzen. Wir wollen beide mehr. Ich werde schwach, schlage vor, ins Hotel zu gehen, aber du bleibst stark, für uns beide. Ich bin so froh, dass du es geblieben bist. Und doch kannst du mich nicht gehen lassen, ziehst mich immer wieder zu dir und küsst mich, berührst mich. Ich will nicht gehen und muss es doch tun. Ich habe Angst, dich wiederzusehen. Ich habe noch mehr Angst, dich nicht wiederzusehen.

Ich denke an dich. Dich und deine SMS. Aktueller Status: Du brauchst eine Wohnung.

Ich starre minutenlang benebelt auf deine Nachricht und bin wie gelähmt. Es ist gerade einmal eine Woche her seit unserem ersten Kuss. Und jetzt, eine Woche später, trennst du dich von ihr. Kein Bock mehr auf Doppelleben, sagst du. Ich kann es nicht fassen. Bin Glücklich. Und verwirrt. Mein Herz schlägt unkontrolliert Purzelbäume, wild und heftig. Meine Gedanken rasen, fahren Achterbahn. Ich will dir so viel sagen, aber nichts davon ist angebracht. Ich will bei dir sein, jetzt. Will dich sehen, aber ich weiß, dass du Zeit brauchst … Das ist ok. Ich bin hier … und mir wird klar, ich liebe dich.

Ich denke an Dich. Ich kann nicht aufhören zu lächeln, laufe debil durch unsere Straße in der Hoffnung, dich zu treffen. Dann eine Nachricht von dir. Ob ich dich besuchen kommen mag, wenn du morgen in ein Hotel ziehst. Nichts mehr als das, antworte ich dir.

Der nächste Tag. Alles läuft in Zeitlupe. Minuten fühlen sich wie Stunden an. Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Ich starre auf die Uhr. Nur noch 6 Stunden bis ich dich sehe. Eine SMS von dir. Ich zähle die Stunden rückwärts, sagst du, und ich möchte weinen vor Glück, kann es nicht fassen, dass du und ich uns gefunden haben.

Ich denke an mich. Mich wie ich Feierabend mache, nach Hause fahre, meine Tasche packe. Alles ganz automatisch, kopflos. Mein Verstand hat schon vor Stunden ausgesetzt. Ich fühle mich taub, während ich voller Aufregung den Fahrstuhl hochfahre. Ich kriege keine Luft. Gleich sehe ich dich wieder. Gleich sind wir eins.

Ich denke an dich. Dich, wie du die Tür öffnest. Deine Augen, deine Lippen. Du schließt mich in deine Arme und ich habe das Gefühl, es gab nie etwas anderes. Immer nur dich und mich. Wir fallen ungeschickt übereinander her wie Teenager, wollen alles auf einmal. Millionen Mal habe ich mir diese Szene vorgestellt und doch ist sie ganz anders. Dein Geschmack, dein Geruch. Deine Lippen. Mein Herz droht mir aus der Brust zu springen, ich bin absolut willenlos.

Ich denke an dich. Dich und mich, wie wir immer wieder miteinander schlafen, weil wir nicht genug voneinander bekommen. Nach 7,5 Jahren liegen wir erschöpft und nackt nebeneinander und reden, stundenlang. Surreal fühlt es sich an, sage ich, und du stimmst mir zu. Ich sehe dich an und muss lächeln. Ich will mich in deinen Augen verlieren. Diese Nacht soll nie enden, wünsche ich mir.

Ich denke an dich. Dich wie du mir von deiner Trennung erzählst. Du hast sie geliebt, liebst sie auf eine gewisse Weise immer noch. Das verstehe ich und ich frage mich, ob du mich je lieben wirst. Du erzählst mir von deiner Vergangenheit, deinem Kleinen und dass du nie reisen oder dein Leben leben konntest, wie du es wolltest. Du siehst so traurig aus und ich frage mich, ob du je Kinder von mir wollen wirst. Ich habe Angst, dass ich dich loslassen muss, obwohl ich dich erst jetzt gefunden habe. Und du merkst es mir an. Ich sage dir, dass ich Angst habe, aber sage dir nicht warum. Ich drehe mich von dir weg, kann dir nicht in die Augen sehen.

Ich sage dir, ich hätte mich schrecklich in dich verliebt. Das sei nicht schrecklich, antwortest du. Du hättest dich auch in mich verliebt. Und mir wird ganz warm ums Herz.

Ich denke an dich. Dich, wie du mich fragst, ob ich mit dir für ein paar Tage nach England will. Ich will. Mit dir will ich ans Ende der Welt.

Ich denke an dich. Ich wache auf und drehe mich um zu dir. Deine Augen. Deine Lippen. Ich habe nicht geträumt. Du liegst neben mir.

Und ich bin glücklich. Endlich.

Die Wahlberlinerin Hasret „Hasi“ Doe ist Deutschtürkin und ihr Name ist Programm, denn Hasret bedeutet übersetzt Sehnsucht. Wenn man ihre Texte liest, macht alles Sinn. Sie und Ihre Texte sind geprägt von einer Sehnsucht nach Liebe, Leidenschaft und Zugehörigkeit und so treffen ihre Worte meist mitten ins Herz.

Headerfoto: Toa Heftiba (Gedankenspiel imprint added) via Unsplash!

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