Samos | Griechenland zwischen Kakteen und Halloumi

Nachdem ein Griechenland Trip schon lange für uns im Gespräch war, wir immer wieder Inseln verglichen und Berichte gelesen hatten, wurde es sehr spontan Samos. Die Insel liegt östlich der Ägäis, ziemlich nah an der türkischen Küste. Gesagt, getan. Ohne Schlaf und bei Nieselregen ging es an einem Donnerstag um vier Uhr morgens an den Wiener Flughafen. Ich hatte eigentlich keine großen Ansprüche an diese Reise, nur Meer, Halloumi und Griechischen Wein. 

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Auf einem alten kleinen Flughafen kamen wir morgens an und holten unser Mietauto ab. Die Herausforderung: ans andere Ende der Insel in unser Hotel finden. Ohne Navi, ohne Handy und vor allem ohne die Straßenschilder lesen zu können. Ich hatte ein Hotel in Marathokampos gebucht, einem kleinen Fischerort mit viel Charme und einem kleinen Hafen, fernab von Samos Stadt. Auf der Fahrt waren wir überwältigt von der Landschaft und dem Ausblick der Insel. Jegliche Abstufungen von Blau-­, Grün-­ und Brauntönen begleiteten uns wohin der Blick fiel. Gänsehaut-­Moment. Nach unserer Ankunft entschlossen wir, zum nächstgelegenen Strand zu fahren: Kampos. Zu meinem Leidwesen allerdings ein Steinstrand, woraufhin meine Dekadenz startete: Ich bezahlte für Liegestühle mit Schirm. Das Mittelmeer ist herrlich, das steht außer Frage. Das klare, angenehm laue Wasser mit Sandboden und geringem Wellengang. Vom Wasser aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf den Kerkis, den sogenannten Berg der Insel.

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Am darauffolgenden Tag waren wir frohen Mutes und mit gefühlt 10kg Kameras inklusive Equipment ausgestattet, die Insel zu erkunden. Ziel Nummer eins war das Höhlenkloster Moni spilianis. Abgesehen von dem unglaublichen Ausblick auf die Insel, war auch die Höhle und die Stimmung oben beeindruckend. Wild wuchsen Kakteen den Hang entlang, der Horizont war wie gemalt, ohne Filter. Am Nachmittag machten wir uns auf den Weg weiter nördlich zum Strand von Psili Ammos. Spoiler Alert: Das sollte der schönste Strand sein, den wir auf der gesamten Insel finden würden. Heller Sand, Pinienbäume, in einer von Felsen und Tavernen geschützten Bucht, mit Blick auf die türkische Küste. Glasklares türkises Wasser, ich komme auch jetzt aus dem Schwärmen nicht heraus. In einem herrlichen Lichtspiel verabschiedete sich der Tag auf Psili Ammos und die Sonne ging hinter einem ausgetrockneten Storchenteich für uns unter. Dieser Ort war ein einziger Ben Howard Song für mich. I Forget Where We Were.

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Tag zwei brach an und wir hatten die Nordküste angepeilt. Karlovassi kann man als eine Art Industriestandpunkt verstehen, ein großer Hafen, wenig Leben in der Stadt, viele leerstehende Häuser, was einerseits sehr aufregend und andererseits auch deprimierend und ausladend wirkte. Wir hielten dennoch an einem fast ausgestorbenen Hafenbereich und T. erklomm ein leerstehendes, heruntergekommenes Schiff. Am Potami Beach war uns dann klar, wieso wir nirgendwo anders junge Menschen sahen: Sie sammelten sich konzentriert in einem Strandlokal, das Hippy’s hieß und mit Möbeln und Betten, bunten Girlanden und Getränken aus dem Marmeladenglas alle Klischees bediente, die ich brauche, um mich pudelwohl zu fühlen. Hier gab es zudem  auch eine nette Auswahl an vegetarischen Speisen und leckeren Cocktails. Der Strand selbst war leider weniger hip. Kies bis ins Meer, mit hohen Wellen und einer sehr unruhigen Nordküste.

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Sonntag erfüllte sich ein feuchter Männertraum für T. – wir liehen uns ein Quad für die Offroadstrecken. Anfangs noch zögerlich, rasten wir später im Gebirge über die steinigen Wege den Kerkis entlang. Auf der Insel selbst herrscht eine hohe Militärpräsenz, was uns schon am ersten Tag stutzig machte und auf unserer Entdeckungstour durch das Gebirge nochmals bewusster wurde. Danger-Schilder mit Einschusslöchern und abgezäunte Gebiete und Panzergaragen. Manche Orte musste man mit Vorsicht genießen. Mit dem Quad schafften wir es, den Aufstieg zur Höhle des Pythagoras (ja, das ist der Typ mit den Dreiecken) zu finden und eines soll gesagt sein: Wer diese Höhe hochklettert und allein in einem Steinloch lebt, dem kann nur mathematischer Unsinn einfallen. Nichtsdestotrotz war es die Mühen wert, denn beim Ausblick über die Insel und das Meer konnte einem schon der Atem stocken. Um das Quad völlig auszukosten, ging es nach kurzer Verschnaufpause weiter westlich, nach Limmonias. Der Sonnenuntergang erstreckte sich im rauen Meerwind an der Taverna at the End of the World. Das große kulinarische Erlebnis ergab sich kurz danach. Ein unscheinbarer Imbiss, mit ein paar Stühlen und Tischen auf der  Terrasse, nicht sonderlich aufgehübscht oder einladend, doch das war mit Abstand die beste (!!) Pita Halloumi, die jemals meinen Gaumen tanzen ließ. Wir schwärmen heute noch davon.

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Montag verging mit der Besichtigung der Ausgrabung des Tempels der Hera und einem Abstecher nach Samos Stadt im Nordosten der Insel. Samos Stadt ist eine überteuerte Hafen-­Industrie-Stadt, mit fahlem Beigeschmack. Viele leerstehende Fabrik- und Wohnhäuser. Leere Straßen, viel Polizei – mitunter auch wegen des Flüchtlingsstroms, wenig Erblühendes insgesamt. Beide Ausflüge waren demnach nicht ganz so aufregend, aber durchaus machbar, wenn man die Insel von vielen Perspektiven betrachten möchte. In einer Bucht von Klima klang der Tag in Schnorchelutensilien aus.

Der Dienstag war unser letzter voller Tag, also erlaubten wir uns einen Ausflug zu unserem Lieblingsstrand Psili Ammos. Dieser Ort hat es erlaubt, nach all den neuen Eindrücken und Erlebnissen ein bisschen Ruhe zu sammeln und die Wärme für den langen Winter in den Poren abzuspeichern. Ich. War. Erholt.

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Samos biete einem die Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen, die in erster Linie nicht in der Bespaßung und Schnelllebigkeit unserer Realität liegt. Alles wirkt ein wenig entschleunigter, manchmal fast melancholisch und dann fährt man die Serpentinen im Gebirge entlang und kann nicht fassen, wie wild und pur allein die Natur da ist. Mit einigen Abstrichen hat man nach einer Woche Aufenthalt ein gutes Bild von der Insel, das bietet allein die Größe – von einem Ende zum anderen braucht man etwa 90 Minuten, vorausgesetzt man kennt den Weg und hat die Straßenschilder entziffert. Auch hier gilt: die Reise wird das, was man aus ihr macht.
Jaqueline schreibt und fotografiert unter dem Pseudonym Minusgold seit bald sechs Jahren in die Netzwelt. Auf unkonventionelle Irgendwie-Taktik stolpert sie nicht nur durch Kunst sondern auch das Leben. Fest verbunden mit ihrer Wahlheimat Wien wird von Zeit zu Zeit eine Liebeshymne an die Stadt gestellt – doch wenn alles zu laut und schnell wird, flüchtet sie schneller als man Fernweh aussprechen kann. Irgendwie überall zu Hause, ständig zu nah an den Dingen, mit einer Schwäche für Licht im richtigen Moment. Wenn man sie kennenlernt, denkt man, es wäre schon immer so gewesen.
Auf allen Klischees erreichbar über: Instagram, Blog und Facebook.

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  • Anfang September waren mein Ex und ich auf Samos, in Kampos, in einer kleinen familiären Pension fast direkt am Strand und es war herrlich zum entschleunigen ! Der nächste Aufenthalt auf Samos ist bereits in Planung …

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