Ronja von Rönne | Wir kommen

Es ist früh am Morgen. Der Nebel zieht durch den Mauerpark im Prenzlauer Berg. Lässig auf einem alten Fahrrad sitzend kommt sie angedüst, bremst vor uns ab, begrüßt mit einer locker freundlichen Umarmung. Mit Letzterem habe ich nicht gerechnet und auch nicht damit, dass sie viel größer ist, als sie im Fernsehen scheint. Das sind aber nur zwei von sieben Überraschungen, die Ronja von Rönne heute bereithalten wird. Lieber Leser, eine der meistumstrittensten Frauen im deutschen Netz. Unbedingt mitzählen, es lohnt sich.

Ronja von Rönne, 24 Jahre alt, Bloggerin, Journalistin, seit neustem Buchautorin mit ihrem Debüt „Wir kommen“. Vor einem Jahr schrieb sie diesen einen ganz besonderen Artikel bei der WELT. Es ging um Feminismus, aber mit dem legt man sich besser nicht an. Der Shitstorm, er war heftig. Wirklich wahr. „So that didn’t work“, scherzt sie und kann sich ein Lächeln dabei nicht verkneifen. Es ist irgendwie eine alte Kamelle, doch man kommt nicht drum rum, davon zu erzählen und auch nicht, ihr an dieser Stelle zu widersprechen, denn der Meinungsartikel bewirkte vor allem eines: Er machte Ronja von Rönne richtig berühmt.

Das allein reicht heute auch schon aus. So manches Buch wird aus keinem anderen Grund verlegt. Dass von Rönne ihren Buchvertrag allerdings schon vor der Netz-Debatte in der Tasche hatte, ahnen die Wenigsten. Schau an, schon wieder überrascht und ich habe noch nicht mal das Diktiergerät an. Bei all dem Wirbel um ihre Person fällt es schwer, auf ihr Buch zu sprechen zu kommen. Die Frage, ob sie das denn lieber täte, scheint berechtigt. „Ach“, sagt sie, „offensichtlich lesen die Leute lieber irgendetwas über „provokative Autorinnen“, als die Bücher jener „provokativen Autorinnen“. Es geht ja in diesen Interviews auch gar nicht tatsächlich um mich, sondern um die Projektionsfläche, die ich so biete. Das als Phänomen zu betrachten, kann ganz interessant sein, mich selbst finde ich aber so mittelspannend. Ich habe allerdings auch schon seit 24 Jahren mit mir zu tun.“

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Dass auch schon die Ersten behaupten, ihre Protagonistin Nora sei der jungen Autorin zu ähnlich, kommt weniger überraschend, als die Ich-Erzählerin selbst. Nora, eine gelangweilte Mittzwanzigerin, die für ihren Therapeuten ein Tagebuch schreibt, wird gequält von Depressionen und Panikattacken. Sie schreibt über ihr Leben und ihre Freundin Maja, die gestorben ist. Zumindest behauptet das Majas Mutter, aber „die hat früher schon kaum mitbekommen, dass Maja lebt, weshalb es mich wundern würde, wenn sie etwas von Majas Tod bemerkt hätte.“ Nora zieht vom Land in die Stadt. Bis auf die Erfahrung mit den Panikattacken und der Sache mit dem Dorfkind, habe sie eigentlich nicht viel gemein mit ihr, gibt von Rönne zu verstehen.

Da ist zum Beispiel diese eine Stelle, in der Nora eine Erklärung gibt, warum sie auf gar keinen Fall Mutter werden will. Es kann so vieles schief gehen. „Vielleicht entwickelt es eine Menge Allergien oder möchte Kunstgeschichte studieren.“ Tatsächlich läuft irgendwann eine Horde Kinder an uns vorbei, die auch von Rönnes Blicken nicht entgeht. Kann es denn wirklich sein, dass sich von Rönne, anders als Nora, vorstellen kann, mal Kinder zu kriegen? „Grundsätzlich: Ja“, meint die gebürtige Berlinerin, die in einer kleinen Stadt in Bayern aufgewachsen ist. „Vor allem glaube ich nicht, im Gegensatz zu ihr, dass man nur unter perfekten Voraussetzungen glückliche Kinder großziehen kann.“ Nummer Vier also. Zählt eigentlich noch wer mit? Eine Bemerkung muss sie dann aber doch noch hinten dranhängen. Sie kann es sich einfach nicht nehmen lassen. „Was soll man denn sonst auch den ganzen Tag über machen, irgendwann?“ Da ist er also, der Rönnsche Humor. Der ist allerdings nicht neu, sondern einfach ihr Ding.

Mit ihrem Blog Sudelheft ist es genau jener raffinierte Humor, eingespachtelt in den herrlichsten Nebensätzen, für den sich tausende Leser auf ihrem Blog begeistern können. Auch für im gegenteil schrieb sie zwei nicht minder interessante Texte. Bei einem ging es um Food Porn, bei dem anderen um Depressionen. Smells like Writer Spirit.

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Aber bleiben wir bei der Ich-Erzählerin Nora und ihrer Angst vor dem Muttersein. Jetzt mal ganz ehrlich: Wären wir nicht auch besser dran, wenn alle Frauen das so sehen würden und das mit den Kindern einfach lassen? Von Rönne sagt: „Das kommt darauf an, ob man ein Leben hat, das auf Spaß ausgerichtet ist.“ Sie nimmt sich eine Zigarette aus der Schachtel. Dann erzählt sie, dass aber nur Spaß haben im Leben ja eigentlich auch nicht das Wahre sein könne. „Jeder braucht irgendetwas, das er mit Verantwortung füllt.“ Sie spielt mit dem Feuerzeug in der Hand und erzählt weiter, dass es doch auch „eine sehr komische Herangehensweise sei zu sagen, Kinder sind anstrengend, die brauchen viel Zeit und überhaupt sind die ganz schön dreckig. Das mag ja eventuell alles stimmen, ist aber trotzdem kein Grund, sich dagegen zu entscheiden.“ Genüsslich zieht sie an ihrer Zigarette und pustet den Qualm aus. Wir plaudern ein wenig über Eltern und Freund. UNERWARTET redselig, das Fräulein von Rönne, die den Stoff ihres Romans aus dem Umfeld zieht, in dem sie lebt.

Neben Nora gibt es im Roman noch die drei anderen. Da ist zum Beispiel Karl, der schreibt Ratgeber, Jonas, der ist der Neue und Leonie, die Essgestörte mit ihrem Kind, das einfach nicht spricht. Um der jugendlichen Revolution willen, wie das junge Menschen eben so machen, führen die vier zu viert eine Beziehung und verziehen sich in ein Haus, irgendwo am Meer. Heutzutage will man eben nicht mehr die Welt zum Besseren verändern, sondern ihr einfach nur entkommen. Diese Viererkonstellation funktioniert natürlich nicht. Zu viele Probleme wegen der Menschen und ihren Problemen. Was genau stimmt denn mit denen nicht? Von Rönne glaubt, das seien alles Stadtneurotiker. „Die können einfach nicht viel mit ihrer Zeit anfangen, weil sie eigentlich nur sich selbst umkreisen.“ Egomanie und Polyamorie, zwei Begriffe mit Konjunktur. Alles hübsch ausgedacht, nur das mit dem Sex, das wird nicht richtig beschrieben. Auch noch mal kurz nachgehakt: Warum eigentlich nicht? Ach so, von Rönne ist zu schüchtern. (Sechs/sieben. Check.)

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Zu wenig Sex hin oder her. Papperlapapp. Das schreit jetzt schon nach Generationsroman oder etwa nicht? „Nein, eigentlich ist es das nicht unbedingt. Zumindest war das nicht die Intention, als ich den Text schrieb.“ Dabei kommt der Titel trotzdem daher wie eine Kampfansage. „Wir kommen“, ja wer denn eigentlich, wenn so wenig Sex da drin ist und auch keine Gruppe von Hipstern selben Alters mit dem Ziel der Weltherrschaft? „Da kommt gar keiner. Ich fand diesen Titel sehr hübsch und war mir erst später der Doppeldeutigkeit bewusst. Die im Verlag dachten, das wäre beabsichtigt, weshalb mich auch keiner darauf ansprach.“ Dass sie generell die ganze Generationsdebatte für Mist halte, kann von Rönne allerdings nicht bestätigen, nur dass es für sie so von halbem Interesse sei. „Ich finde die Diskrepanz zwischen Stadt und Land viel interessanter!“ Das kommt auch durchaus gut zur Geltung und wirklich nicht zu knapp, deshalb ist der Generationsroman, der keiner sein will, eine der entzückendsten Entdeckungen in diesem Jahr. Was noch?

Es ist ein handlungslahmer Roman, darin sind sich wohl nun alle einig, aber wenn ich Sätze lese wie „Die erste Konsequenz zum Schritt in ein Leben mit afrikanischer Lebensbejahung waren Dreadlocks“, dann muss ich laut lachen, überhaupt ist die Anekdote vom dem Mädchen „Afrika“, die an einen vernünftigen Tätowierer gelangt und anstelle einer Afrika-Karte, einen Deutschland-Umriss auf ihre Haut gestochen bekommt, einfach urkomisch. Ich verzeihe damit die stumpfen Ereignisse. Nehme es an dieser Stelle mit dem Vergleich zu all den anderen Problemen in dieser Welt, „ein Tattoo der Bundesrepublik auf dem Rücken: Das ist schlimm, über den Rest braucht man nicht jammern.“

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Ich bin überzeugt, ein Autor gehört zu seinem Buch. Dafür stehe ich mit Bock auf Lesen. Aber die Frage, ob dieser sympathisch sein muss oder nicht, darf bitte uninteressant sein. Leute, die die von Rönne nicht mögen, das kann man verstehen. Nicht aber ihre Begründung, das Buch deshalb nicht lesen zu wollen. Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen. Menschen schon gar nicht. Die wirklich guten von den schlechten Texten zu unterscheiden, das ist der Job des Lesers und das kann er nur, wenn er das verdammte Buch liest. In diesem Fall ist es der erste Roman einer jungen Autorin, die, wenn man sie lässt, vermutlich noch zu Größerem fähig sein wird. Über ihr Buch selbst sagt von Rönne, es sei „echt ein okayes Buch“. Ich finde auch, das ist ein echt okayes Buch. Vielleicht ist es sogar mehr als das. Zum siebten: Einfach aufschlagen das gute Ding!

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Ronja von Rönne Wir kommen, erschienen im Aufbau Verlag für 18,95 Euro (auch als E-book erhältlich für 14,99 Euro).

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