Reisen ohne dich

Mein Problem ist die Freiheit. Aus der Not heraus, sprich mangelnden Alternativen, wurde ich zum digitalen Nomaden. Dem hochgelobten Messias der modernen Arbeitswelt: frei, ungebunden, weltgewandt. Ich will nicht jeden einzelnen Tag von 10 bis 19 Uhr im Büro sitzen, völlig unflexibel und an den Schreibtisch gefesselt, ob es was zu tun gibt oder nicht. Vielleicht war mein Köder für die Freiheit die Seite Urlaubspiraten, die mir jeden Tag aufs Neue zeigte, dass ich nicht mal eben übermorgen für unschlagbare 400 Euro eine zehntägige Reise nach Madeira oder Sansibar antreten kann. Wie auch immer ich hier gelandet bin, jetzt bin ich frei, arbeite vom Bett, vom Café oder Co-Working Space, fahre zu meinen Eltern wann ich will oder bleibe auch mal den ganzen Tag im Zimmer. Arzttermine sind kein Problem mehr, zum Kaffee treffen? Klar. Doch die große Freiheit, die fühlt sich anders an.

Ich lebe meine Ortsunabhängigkeit mit angezogener Handbremse. Ich weiß, dass ich morgen ganz weit weg könnte und das scheint mir im Moment genug. Ich mache Pläne, recherchiere die schönsten Strände in Südafrika, die nettesten Hütten mit Meerblick in Mexiko und doch bleibt mein Radius, in dem ich mich bewege klein. Statt One-Way-Tickets nach Australien buche ich eine Woche Griechenland, drei Tage Nizza. Wie sehr habe ich mich früher geärgert, dass ich höchstens drei Wochen am Stück reisen kann, zwei Monate Indien waren mir viel zu wenig, weiter wollte ich, immer weiter und jetzt reise ich in kleinen Häppchen.

Und warum? Der Grund bist du. Du hältst mich fest, ohne es zu wollen. Du bist der Grund, warum ich hier sitze, wie an einer Bushaltestelle und jeden Bus an mir vorbeifahren lasse.

Mein erster kleiner Schritt in Richtung Freiheit hieß Griechenland. Wie lange habe ich nach einem geeigneten Ziel gesucht. Es sollte A) nicht zu teuer sein, B) gutes Wetter auch im Oktober haben und ganz wichtig C) kein Ort sein, an den ich eigentlich mit dir wollte. Spanien, Marokko, Frankreich, am Ende wurde es mehr oder weniger zufällig Rhodos. Eine Woche Auszeit. Eine Woche neue Freiheit. Eine Woche ohne dich, denn du lebst weiterhin dein 9-to-5-Leben. Es ist ein Vorgeschmack auf ein Leben, das ich nicht mit dir teile.

Du bist immer mein Lieblingsreisepartner gewesen, neugierig auf alles, bei allem dabei, dir für nichts zu schade. Weißt du noch, wie wir in Goa auf unserem Balkon saßen? Mit dem Bier in der Hand und so vielen Plänen im Kopf? Wie wir Kilometer für Kilometer den malaysischen Dschungel durchforstet haben, die Unterwasserwelt nachts mit Taucherbrille und Taschenlampe entdeckt haben? Auf Reisen sind wir stets das beste Team. In Berlin lässt uns der Alltag das manchmal vergessen. Ich gestalte meinen Tag alleine, auch ein Aspekt der Selbständigkeit. Unsere gemeinsamen Unternehmungen bestehen aus Kochen und Serien schauen.

Ich muss da raus – auch ohne dich. Um mir das Reisen ohne dich zu erleichtern, nehme ich eine Freundin mit nach Griechenland. Wir verstehen uns super, quatschen über Mädchenkram, während wir vor dem Spiegel unsere Haare machen. Wir liegen am Strand und sorgen uns um Sonnenbrand und streifenfreie Bräune. Wir gehen shoppen, was man in Rhodos Stadt sehr gut kann, und teilen uns abends einen halben Liter Wein. Wir haben eine gute Zeit. Und dich habe ich zwischenzeitlich ganz vergessen. In Athen fotografieren wir uns vor der Akropolis, schlendern über den Markt und gehen im linken Viertel Exarchia vegan essen.

Doch dann kommen die Momente, ganz überraschend, in denen ich Notizen auf meinem inneren Block mache. Ich notiere, was ich mit dir hier machen würde, was ich dir zeigen will und was dir sicherlich gefallen würde. Die Metalbar an der Ecke, einen Abend den Luxus eines Fernsehers auskosten und sich total blöd dabei fühlen, der gemeinsame Flow, den wir auf Reisen haben.

Ich bin gerne hier und doch reicht es nicht, denn ohne dich habe ich den Ort noch immer auf der To-See-Liste. Ohne dich, hab ich ihn nur halb gesehen. Es ist ein Vorgeschmack, wie das Reisen ohne dich sein wird. Ich weiß, dass ich mich daran gewöhnen werde. Und ich habe Angst davor, dass ich mich zu sehr daran gewöhne. Dass ich irgendwann nicht mehr, weiß, was ich gerne mit dir machen würde.

Julia ist freie Journalistin und arbeitet ortsunabhängig. Mit der Freiheit ist sie nach eigenen Angaben noch etwas überfordert aber sie arbeitet daran. Bei Bezirzt bloggt sie über das Reisen, Kunst und anderen Krimskrams. Statt Daten und Informationen schreibt sie dir lieber (und meistens etwas zu persönliche) Geschichten. Sie postet zu viele Bilder bei Instagram, vertrödelt die Zeit bei Facebook und versteht Twitter nicht so ganz.

Headerfoto: Joe St.Pierre via Creative Commons Lizenz!

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