Rausch

Der Verkehr hinter mir wird lauter, die Menschen hektischer, die Spree schneller. Der Gin ist mittlerweile leer, die letzte gedrehte Kippe im Gras zerdrückt. Mit einem dumpfen Gefühl in den Ohren mache ich mich auf den Weg. Schließlich kann ich nicht den ganzen Morgen an der Spree sitzen, Nein. Also … nehme ich den Weg, der mich an seinem Haus vorbei führt, in der Hoffnung ihn zu sehen, wie er gerade den Müll wegbringt oder den Briefkasten leert. Sollte ich einfach klingeln und sagen, dass ich noch lange nicht zu Ende geliebt habe? Das ich noch lange nicht fertig war mit allem? Nun, ich fühle mich überfordert. Sehr überfordert.

Im Grunde fangen uns die Nächte auf, während wir den x-ten Drink bestellen, zum Techno alles rausstampfen, was in uns ist und uns nicht gut tut, um am Ende wieder genauso dazustehen wie am Anfang des Abends. Allein mit dem besten Freund, der dir immer wieder sagt: „Mach‘s nicht!“ Und was machen wir? Wir überlegen, wie wir es machen. Wann wir anfangen zu weinen und dann dieses „Ich liebe dich“ raushauen, das heutzutage doch sowieso völlig an Bedeutung verloren hat.

Und dann sagt unser Verstand: Nein. Ganz laut und ohne Vorwarnung. Nein! Nein! Nein!

Das sind nicht wir, wir sind doch stark. So unglaublich stark, haben doch Tinder und einen eigenen Hammer für unsere Bilder. Haben die Fähigkeit, bei Einsamkeit zu schreiben, um uns nicht einsam zu fühlen, mit einem Menschen, den wir womöglich noch nie gesehen haben, der uns aber für ein paar Nachrichten ein warmes wohliges Gefühl macht.

Bis der Zeitpunkt kommt, wo wir rückfällig werden. Rückfällig nach dem, was uns schwach werden lässt.

Stehe nun in Berlin-Neukölln, blicke auf die andere Straßenseite, die Fassade hoch und habe das Fenster mit dem hellen halb zugezogenen Vorhang gefunden. So viele Nächte haben wir in diesem Zimmer auf diesem Bett verbracht. Wehmütig rollt eine Träne. Ich lass sie ihren Weg gehen, so wie sie mich meinen Weg gehen lässt. Nämlich in den Späti ein paar Meter weiter. Ich esse die widerlichsten Fisherman’s Friends der Welt, weil er sie immer aß und laufe mit vor Ekel verzogenem Gesicht acht Minuten nach Hause.

Die Tür hinter mir schließe ich ab, die Gardinen ziehe ich zu, ich mich aus und lege mich schlafen. Ich schlafe meinen Rausch aus, meine Gedanken weg und träume von uns.

Laura ist am liebsten in Erfurt und Berlin. Postkarten liebt sie sehr. Fernweh hat sie oft. Nachts ist sie am liebsten in Clubs und auf Konzerten unterwegs. 

 

 

Headerfoto: Elisa Dudnikova via Creative Commons Lizenz!

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