Prostitute for Love

Hast Du Dich schon mal prostituiert? Nein? Ich schon. Mehrfach sogar. Um genau zu sein, zweiundzwanzigmal in knapp fünf Jahren.

22 Schwänze haben sich in meine Vagina und zum Teil auch in meinen Mund geschoben – manche nur einmal, andere mehrfach – damit ich ihnen Vergnügen bereite. Und genau das habe ich getan: Ich habe ihnen Vergnügen bereitet und das sogar sehr bereitwillig. Die Gegenleistung? Nun, Geld war es nicht.

Was ich bekam, war eine diffuse Mischung aus Zeit, Aufmerksamkeit und zuweilen auch Zuneigung oder Sympathie.

Was ich bekam war eine diffuse Mischung aus Zeit, Aufmerksamkeit und zuweilen auch Zuneigung oder Sympathie. Für mehr hat’s nie gereicht, obwohl ich mir immer mehr gewünscht habe. Liebe, das wär’s gewesen! Danach habe ich gesucht.

Fuck! Warum gibt es denn da draußen niemanden, der mich lieben kann und will? 22 Typen! Ernsthaft Miri, wie viele Typen willst Du noch ausprobieren? Der Ablauf ist doch letztlich eh immer derselbe.

Zuerst immer ein guter und vielversprechender Beginn: Herzchen liegen in der Luft, Schmetterlinge flattern im Bauch und der Himmel leuchtet rosarot. Love is in the air. Doch dann treten relativ schnell Probleme auf, die sich zuspitzen, bis es auf die immer selbe Art und Weise endet: Tränen, Vorwürfe, Drama – CrashBoomBang, aus die Maus.

Die Stimme in mir

„Es ist Deine Schuld!“, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. „Du bist einfach nicht gut genug. Du genügst nicht.“ Ich muss schlucken. Tränen schießen mir in die Augen. Ich kenne diese Stimme, ich höre sie nicht das erste Mal. Sie ist jedes Mal zur Stelle, wenn wieder eine Geschichte mit einem Mann vor die Wand gefahren ist. Männer verschwinden aus meinem Leben, die Stimme aber nicht.

„Ja. Ja, Du hast Recht!“, denke ich. „Ich genüge nicht. Ich bin nicht liebenswert.“ Die Tränen laufen meine Wangen herab, ich ziehe den Rotz in meiner Nase hoch. Und dann lasse ich zu, dass die Stimme mich fertig macht. Ich höre ihr zu, obwohl ich das alles nicht hören will.

Die Stimme ist mein Zuhälter. Sie ist mein Schatten, der immer im Hintergrund lauert.

Diese Stimme ist mein Zuhälter. Sie ist mein Schatten, der immer im Hintergrund lauert. Sie weiß, wonach mein Herz sich sehnt und sie kennt meine Angst, erneut nicht genügen zu können.

Ich war so leicht zu durchschauen, als ich mich vor fünf Jahren auf die Suche nach meinem Mr. Right machte. Die Stimme sah meine Hoffnung und meine Unsicherheiten. Sie sah, dass mein Selbstwert nicht der Beste war und ich mir gerade deshalb Liebe und Halt wünschte.

Der Beginn

Am Anfang war sie noch nett zu mir. Nach den ersten Erfahrungen sprach sie mir noch gut zu: „Mach Dir nichts draus, Miri. Der Typ war ein Idiot. Der hat Dich gar nicht verdient. Du findest bestimmt schnell einen Besseren.“ Am Ende fügte sie aber noch immer einen kleinen Satz hinzu:

„Aber vielleicht achtest Du beim nächsten Mal darauf, dass Du etwas kompromissbereiter bist. Dann klappt es bestimmt.“, oder: „Vielleicht sind Deine Ansprüche doch ein wenig zu hoch? Wenn Du Dich etwas zurücknimmst, machst Du es dem anderen einfacher.“

Oder auch: „Du könntest vielleicht versuchen, noch ein wenig mehr zu geben oder mehr aus Dir zu machen. Dann steigt Dein Marktwert.“

Ich beherzigte den Rat der Stimme. Ich gab mehr, ich bemühte mich mehr.

Ich beherzigte ihren Rat. Ich gab mehr, ich bemühte mich mehr. Doch erneut scheiterte ich. Und so geriet ich in einen Teufelskreis. Mit jeder neuen Bekanntschaft wurde die Stimme strenger mit mir. Die Vorwürfe und ihr Spott wurden lauter, ich selber wurde immer leiser und kleiner. Ich zweifelte immer mehr an mir und dem, was ich zu geben hatte. Nur in einem Punkt bestärkte sie mich:

„Miri, auch wenn Du sonst nichts kannst, mit dem Sex waren sie ja alle zufrieden.“

Fürs Ficken reicht’s

Der Sex wurde mein Anker. Immer, wenn ich als Mensch nicht zu genügen schien, bot ich Sex an. Ich bot Sex an, um Konflikte zu lösen, um Zeit zu vertreiben, Stress abzubauen oder einfach weil der andere es wollte. Beim Sex war ich jemand. Ich wurde gebraucht. Ich wurde gesehen. Ich wurde genommen und konnte so geben.

Der Sex wurde mein Anker. Immer, wenn ich als Mensch nicht zu genügen schien, bot ich Sex an.

Das Ficken wurde meine Bestätigung, dass ich etwas wert bin. Gefickt zu werden wurde meine Definition von mir selbst. Das war es, wofür ich gut war und genügte. Das war es, wofür die Stimme mich lobte. Bis heute tut sie das.

Ich weine noch immer, obwohl die Stimme für heute verstummt ist. Ich wünsche mir so sehr, dass sie nicht wieder auftaucht. Die Stimme ist ein Arschloch. Ich will mich nicht mehr prostituieren. Ich will keine weiteren Schwänze mehr, nur um mich kurzfristig gut zu fühlen. Nicht so, nicht auf diese Art und Weise. Meine Vagina hat Besseres verdient und ich sowieso.

Fick Dich, Stimme!

Miss Monchichi ist ein waschechtes Ruhrgebietsmädchen mit großer Klappe und großem Herz. Mal laut, mal leise, mal hell, mal dunkel, aber immer ehrlich und authentisch schreibt sie vornehmlich über (auto-)biografische Erlebnisse und Erkenntnisse aus der Welt des Dating.

Headerfoto: Easton Oliver via Unsplash.com. (Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Der Text spricht mir aus der Seele.
    Immer wieder passiert es mir, das die Gefühle nicht im gleichen Maße erwidert werden. Man versteht sich sehr gut, vertraut einander, ist befreundet und doch reicht es irgendwie nie. Und wenn man die eigenen seelischen Bedürfnisse nicht erfüllen kann, dann versucht man zumindest mit Sex die körperlichen Bedürfnisse zu erfüllen.
    Bloß bleibt der Wunsch nach Liebe und das Gefühl, dass man selbst nie genug ist …

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