Portugal | Oder: Wenn das Gehirn keinen Urlaub machen möchte

März, 2015 – Johanna und ich machten uns auf den Weg nach Portugal. 14 Tage voller Entspannung und neuer Eindrücke erwarteten uns, so dachte ich. Die Wochen zuvor waren überaus stressig gewesen – ein Praktikum fürs Studium finden, jobben, Umzug und einige andere persönliche Anliegen ließen mich schon seit Wochen nicht mehr gut schlafen. Nach diesen 14 Tagen wollte ich bestens erholt den Umzug angehen und in ein WG-loses, gut strukturiertes Leben starten.

Bei zwei Grad machten wir uns in Berlin auf den Weg zum Flughafen und landeten im 23 Grad kuschelig-warmen Lissabon. Die U-Bahn, die uns in die Stadt bringen sollte, war schnell gefunden. Angekommen in unserem etwas muffigen Hostel, stapften wir den dunklen Hausaufgang hinauf, auf der Suche nach irgendwem, der uns in Empfang nehmen könnte. Eine alte Dame erwartete uns in der obersten Etage, verstand kein Englisch – wir kein Portugiesisch. Klar. Also drückte sie uns ihr Telefon in die Hand, das bereits die Nummer ihrer Enkelin wählte. Okay, alles geklärt. Ab ins Zimmer, die schweren Rucksäcke abgeworfen, den seelischen Ballast aufbehalten. Für zwei Tage geht das schon klar. Danach sollte es weiter gehen. Geplant hatten wir noch nichts – wir wollten flexibel sein. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, wie anstrengend das für mich werden würde.

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Wir schauten uns die kommenden zwei Tage Lissabon an. Nettes Städtchen, aber sein Charme wollte sich mir nicht ganz offenbaren. Als nächstes besuchten wir Sesimbra, gelegen auf der Halbinsel Setubal. Spontan buchten wir im Internet eine Unterkunft – dieses Mal ließen wir uns nicht lumpen – 72 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Veranda, 200 Meter vom Strand entfernt zum Schnäppchenpreis von 12,50 Euro pro Nase und Nacht. Still loving Nebensaision!

In Sesimbra gestrandet war unser Apartment schnell gefunden, nicht aber der Vermieter. Mit schwerem Rucksack saßen wir da, versuchten ihn zu erreichen und landeten immer bei einer Portugiesin die uns partout nicht verstehen wollte. Nach langem Warten und vielen Anrufen kamen wir dann irgendwie an unseren Apartmentschlüssel. Puh. In Sesimbra verbrachten wir ein paar Nächte. Das kleine Städtchen war schnell erkundet und die Pizzeria in der Nähe als W-Lan-Spot auserkoren. Schnell merkte ich, wie anstrengend diese Rastlosigkeit ist, mit einem Kopf, der noch in Berlin verweilte. Innerlich ging ich immer wieder die To-do-Listen durch, die es in Berlin nach dem Urlaub zu erledigen gab.

„Hatte sich die neue Vermieterin schon gemeldet, was, wenn sie es sich anders überlegt? Das alles ging zu einfach für Berlin. Zu günstig, zu gut gelegen, zu perfekt. Wo war der Haken? Und wo der Ausschalter für meinen Kopf? Ach ja, und das Praktikum, wie wird das? Mit dem Studentenjob zusammen, weil klar, das Praktikum ist unvergütet …“ Diese und viele andere Gedanken wollten mich nicht in Ruhe lassen, nicht beim Pizzaschlemmen, nicht beim Brutzeln am Strand, nicht beim Planen der Unterkünfte und Ausflüge. Und ausschlafen! ICH MUSSTE UNBEDINGT AUSSCHLAFEN! Ich wollte eigentlich nichts anderes. Aber der Urlaub musste doch auch genutzt werden. Alles mitnehmen, alles anschauen.

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In unserer vorletzten Nacht in Sesimbra saßen wir bei Pizza und Bier wieder in unserer Pizzeria, wegen W-Lan. Meine Gedanken kreisten, Johanna scrollte die üblichen Vergleichswebseiten ab, denn Lagos war unser nächstes Ziel! Hallo, du wunderschöne Algarve!

J: „Schau mal, diese Unterkunft?“
N: „Weiß nicht, ja sieht okay aus.“
J: „Oder die hier?“
N: „ …“
J: „Die sieht auch nett aus …“

Ich starrte aus dem Fenster und auf einmal kullerten die Tränen. Ich verstand das nicht, ich wollte mich doch erholen und flexibel sein. Den Kopf frei bekommen, die Dinge in Berlin konnten doch warten. Nur mein Kopf wollte das alles sofort geklärt haben.
Johanna sah mich mit großen Augen an: „Hab ich was Falsches gesagt?“

Okay, tief durchatmen. Tiiiiiief durchatmen! Wir gingen erst mal zurück ins Apartment. Ich direkt in die Badewanne, dann ins Bett.

Danach entschleunigten wir das Ganze etwas. Lagos sollte dann der Großteil unseres Urlaubs gewidmet sein, mit diversen Tagesausflügen. Gefolgt von nochmals zwei Nächten in Lissabon mit einem Abstecher nach Sintra. Alles andere wäre dann wohl nur in einer Katastrophe geendet. Den Weg nach Lagos nahmen wir, zurück über Lissabon, mit dem Zug. Die Tage, die Ruhe an den Stränden der Algarve konnte ich auch dort nicht recht genießen. Sobald ich mir keine Gedanken über den Weg, den wir bei Ausflügen zurücklegen mussten oder wo man denn am besten isst (als Vegetarierin in einem Fleckchen Portugals, der für seinen Fisch in den größten Tönen gelobt wird), kamen wieder die Zahnräder in meinem Kopf in Gang und kreisten ganz langsam und bedächtig. Sie drangsalierten mich. Abschalten, wie ging das noch gleich?

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Ich sehnte mich des Öfteren nach einer riesigen Bettdecke, die ich einfach einige Tage über meinen Kopf hätte stülpen können, um zu schlafen, um meinen Kopf zur Ruhe zu zwingen. Um allein zu sein. Dann aufzuwachen und fit zu sein. Entspannt, ausgeschlafen und gut gelaunt.

Stattdessen war alles zu viel.
Ich kam aus diesen 14 Tagen Urlaub genauso unentspannt und unausgeschlafen zurück wie ich in den Flieger gestiegen war. Im Gepäck hatte ich dennoch eine gute Vorsommerbräune und eine Menge Eindrücke.

Portugal, es lag nicht an dir. Es lag an mir.

Es tut mir leid.

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