Phasen, Phrasen und Fragen

Das Prinzip mit dem halb leeren oder dem halb vollen Glas, funktioniert das eigentlich auch bei Menschen? Sind wir manchmal halb leer, halb voll oder übertüncht die halbe Leere immer den Rest? Und sollte man das Glas dann am besten auskippen, mit Schwung wegwerfen und sich schnell die Ohren zuhalten, damit man die Scherben nicht hört?

Können Orte weh tun? Und was, wenn die Landkarte voller roter Punkte ist, deren Namen man noch nicht mal denken will?

Na? Du auch hier?

Kennst du das, wenn man zwischen dieser schrecklich erwachsenen Gefasstheit, dem Abwägen, dem nur sporadisch, aber immerhin manchmal funktionierendem Urteilsvermögen, diesem blöden Kontrollzwang, wenn man da mal kurz die Stopptaste drückt, sich selbst einmal auf den Kopf stellt und die Schwermut zulässt, die einen doch geradezu überkommen muss wenn man mit halbwegs offenen Augen durchs Leben geht? Kennst du das? Und wenn das irgendwie wunderschön anstatt todtraurig ist, weil zur Abwechslung mal ehrlich und echt ist?

Knutschen?

Wenn die Leute sagen, man müsse loslassen wenn‘s nicht mehr passt, voll wichtig seien diese sauberen Schnitte zwischen gestern und heute und gut und böse und Yoga und Fitnessstudio, jaja, aber was, wenn das kein Loslassen ist, sondern ein Wegwerfen? Und was, wenn das kein eleganter Prozess ist, in dem man sich bedächtig die Haare hinter die Ohren streift, die Lippen aufeinanderpresst und die Augenlider, kurz Luft holt und dann sagt, was man sagen muss, um nicht zu explodieren, sicher nicht ohne Stottern, Ääähhh, sorry, ich komme gleich zum Punkt, vielleicht kullert nach dem Punkt eine kurze Träne runter, aber dann 1, 2, 3. Tschau, ich bin weg! Was, wenn dieses blöde Loslassen ein Wegstoßen ist, das sich manchmal eher wie ein Gewaltakt anfühlt und wenn nichts davon gefasst oder mascaraverschmiert, sondern ein ständiges Zweifeln ist?

Hast du was geträumt? Und wovon träumst du, wenn du wach bist?

Kommt das eigentlich mit dem Alter, dass oft eben morgen nicht alles anders ist, im Gegenteil, dass einem „morgen“ immer erst das Ausmaß so richtig bewusst wird? Und wenn das so bleibt, egal wie oft man es dreht oder drüber schläft?

Wieso werden die verbeulten Knie eigentlich immer seltener anstatt öfter, je länger man auf diesem Planeten herumhüpft, und wieso machen die wenigen blauen Flecken immer weniger Spaß? Fühlst du dich manchmal wie ein blauer Fleck?

Ist Döner ok?

Wenn ein schokoverschmierter Kindermund deinen Namen schreit und sich dir um den Hals wirft sobald du den Raum betrittst, wenn dieser Flummi aus Schokolade und Lachen die Welt glücklicher macht als alles, was dir die letzte Woche so vor die Füße fiel, um den Kopf flog und auf den Magen schlug, setzt du dann die falschen Prioritäten?

Kommt das Kribbeln jetzt von dir, kribbeln meine Knie und mein Bauch und mein alles, kribbelt das einzig wegen dir oder ist das Kribbelkoffein?

Fühlt sich dein Kopf auch selten an wie ein Kopf, also, zumindest nicht so rund und formvollendet und schlüssig, sondern eher wie ein mal schillerndes, mal kaputtes Kaleidoskop voll widersprüchlicher Gedanken?

Darf ich dich Baby nennen, obwohl das bisschen peinlich ist? Baby, fahren wir ins Grüne? Und können wir die Dinge einfach mal alle schief gehen lassen und auf all die Fehler, die wir unbedingt machen müssen, mit Sterni anstoßen?

Diese tiefe Ruhe und Gelassenheit, weißt du, gibt es die eigentlich nur in den Bergen oder ab dem Renteneintrittsalter? Kannst du mir ein paar Berge ans Bett stellen?

Musst du dir gerade Mühe geben, um das zu verstehen?

Wusstest du, dass es in unseren Köpfen im wahrsten Sinne des Wortes rauscht? Bei jedem Augenschließen und bei jedem Blinzeln verarbeitet das arme Gehirn nämlich die ganzen Farben und das viele Grau, das es den ganzen Tag so sieht. Tanzen wir unser Rauschen heute Nacht weg?

Wenn in sieben Tagen so viel schief geht wie sonst in einem Jahr nicht, und die Augen sich weigern einfach weiter zu funktionieren als wäre nichts gewesen und um drei Uhr nachts mitten auf der Osloer Straße einfach zuklappen, und dann gibt‘s da oben noch nicht mal Sterne, wenn das wieder passiert, kann ich dich dann anrufen?

Das kann unmöglich funktionieren, oder? Das wissen wir doch?

Kann ein Mensch leergetextet sein? Ich meine ja nur, weil je länger man auf Wörter starrt, desto schwammiger und nichtssagender werden sie, und so ziehen Tage voller Wörter und Texte vorbei und abends ist dann der Wörtertank leer, obwohl man nicht einmal „Ich bin ganz schlimm verknallt in dich“ gesagt hat, oder „Lass uns nie wieder alleine Pizza essen“, oder „Wir schaffen das, keine Ahnung wie, aber irgendwie geht das“. Gibt es überhaupt genug Wörter für die wirklich wichtigen Dinge? Die Dinge, die man eigentlich durch Wörter nicht versauen will, weil sie irgendwie zu vielschichtig sind? Und ist es ok, dass ich manche Dinge einfach nicht erklären kann?

Haben wir ein Ablaufdatum? Und wie bald ist bald?

Wenn ein Gedanke gar nicht weggehen will, wenn er immerzu durch die Lüfte des Gehirns tobt, kann man ihn dann wegtrinken oder überpinseln oder wie läuft das?

Was ist das Gegenteil von Wachstumsschmerz? Also, wenn das Herz erwachsen geworden ist, vielleicht ein bisschen zu schnell, und danach wieder zusammenzuckt und schmilzt oder gefriert oder halt einfach kleiner wird, weil es sich mit einem großen Herz gar nicht mal so gut leben lässt?

Gibt‘s eine universelle Müllhalde für all die Gedanken und Bilder und all das Flackern, das dir kurz vorm Einschlafen die Synapsen und Adern verpesten und am Morgen danach schon vergessen sind? Oder ist es vielleicht sogar ganz gut, wenn nur ein Bruchteil hängen bleibt? Bleiben wir aneinander hängen? Und wäre das so schlimm?

Die Leute sagen immer, man müsste Geist, Seele, und Körper bei wichtigen Entscheidungen, oder halt immer, in Einklang bringen, aber was passiert, wenn die drei immer, also wirklich immer – außer vielleicht vor dem Shampooregal – in unterschiedliche Richtungen zerren?

Erleichtert?

Von null auf hundert auf minus 30 und minus 30 gleich mein Bauchweh und deine Fragezeichen, und minus 30 mal durch 30 Whiskeys, stoßen wir uns dann plötzlich wieder ab wie zwei völlig verschiedene Planeten, die nie umeinander hätten kreisen sollen? Oder stürzen wir ab?

Und ist ein Schlussstrich länger als ein Gedankenstrich?

In Caros Küche hängt seit ​Anfang des Jahr​es ein pinkes Plakat mit der allseits bekannten und​ dramatischen Aufschrift „Bring Wein mit, wir müssen über Gefühle reden“. Voll wichtig, das mit der Kommunikation. Fast so wichtig wie ab und an mit Wassermelonen zu telefonieren. Caro ist 23, freie Journalistin und öfter mal auf dem Sprung, manchmal ​um die Welt und manchmal​​ durch den Wedding. ​Ihr Kiez ​sollte wegen Weltklassedöner übrigens ganz dringend zum Weltkulturerbe​ ernannt werden​. Caro findet ihr auf ihrer tollen WebseiteTwitter und Insta. Guten Appetit.

Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz!

caroline_schmitt

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