Permanent

Als das Flugzeug den Kontakt zum Boden verliert, kribbelt es angenehm in meinem Bauch. Ich mag das Gefühl der Schwerelosigkeit. Die Welt bleibt unter einem zurück und vor einem nichts als die unendliche Weite. Weiß, weich und flauschig. Wie ein handgeschöpftes Blatt Papier  –  bereit, mit den kühnsten und wagemutigsten Gedanken beschrieben zu werden. Bereit die Tinte des Füllers in sich aufzusaugen. Weil mit einem Mal alles, was mir in den vergangenen Monaten den Kopf zermartert hat, so unendlich klein erscheint. Mit jedem Höhenmeter wird mein Puls ruhiger, die Gedanken im Kopf reduzieren ihre Drehzahl. Hier oben scheint die Zeit stillzustehen.

Alles hat seine Zeit, hast du immer gesagt. Aber Zeit ist doch das, was uns wie Sand durch die Finger rinnt. Dust in the wind, ich weiß noch genau, wie der Song aus den Lautsprechern tönte und du mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht strichst. Damals, in dieser Hütte mitten im Nirgendwo. Da hast du sie auch verflucht, die Zeit. Weil sie gegen uns spielte. „Wir hätten uns später kennenlernen sollen“, sagtest du. Ich hätte dir so gerne geglaubt, als eine einzige Träne aus deinen braunen Augen kullerte, die du selbstredend aus deinem Gesicht wischtest. Aber vielleicht war es tatsächlich nur der Staub. Staub, wie er sich auch auf den Fotos von uns in immer dickeren Schichten niederlegt.

Fast lautlos sind die Jahre vergangen. Und das macht mir manchmal Angst. Weil ich die Fotos zwar auf den Dachboden verbannen kann, aber dich nicht aus meinem Herzen. Obwohl ich es möchte, und wie ich das möchte, aber es scheint wohl Dinge zugeben, gegen die der Mensch machtlos ist. Früher habe ich dagegen angekämpft, heute akzeptiere ich das einfach. Das ist so unglaublich befreiend. Weil es jedes Jahr einen weiteren Ring im Stamm gibt und du mich zu dem Baum machst, der ich heute bin. Die Maserung im Inneren ist so ungleichmäßig, aber gerade das macht sie so wunderschön. Du bist die Ebbe und die Flut, eine Laune der Natur, und das war mir nirgends so klar, wie hier oben über den Wolken. Du kommst und du gehst, bist hier oder dort, weil das deine Wurzeln sind und weil das so sein muss. Du kannst nicht aus deiner Haut. Aber würdest du, wenn du könntest?

Es ist ja immer so leicht dahergesagt, aber wenn dann einer kommt und etwas an der Oberfläche kratzt und ein bisschen von dem Lack absplittert, dann wird das Ganze kompliziert. Warum tauchst du eigentlich immer dann auf, wenn es gut ist? Wenn ich den roten Lack perfekt aufgetragen habe – patzerfrei und ultraschnelltrocknend. Wenn mein Leben in geordneten Bahnen verläuft, meine Wäsche immer frisch gewaschen ist und meine Probleme sich auf die Wahl zwischen Kaffee oder Tee zum Frühstück beschränken? Ja, warum eigentlich? Das kann ja wohl kein Zufall sein. Hast du einen Radar, wie der Pilot vor mir im Cockpit? Bekommst du eine Push-Benachrichtigung, wenn die Herzchen über meinem Kopf aufpoppen? Ist das so? Ja? Ich würde dir manchmal so gerne glauben, wenn Worte deine Lippen verlassen, die ich dich noch nie habe sagen hören. Worte, die dich in ein warmes, fast goldenes Licht tauchen. Weil auch dein Stamm deutlich mehr Ringe bekommen hat. Ich glaube, würde ich dich jetzt kosten, würde ich das Barrique-Fass schmecken. Den Rauch, das Holz und ein bisschen was von der salzigen Meerluft. Die Spuren im Sand sind vergänglich, aber was wirklich wichtig ist, habe ich in Stein gemeißelt – in dein Herz, mein Lieber, damit du es nicht vergisst, wenn du in den nächsten Sturm ziehst.

Gerade als ich mich im freien Fall befinde und das Kribbeln in meinem Bauch schier unerträglich wird, hat der Pilot das Flugzeug wieder unter Kontrolle. Ich öffne meine Augen und sehe die Lichter unten in der Stadt glitzern. Der Regen prasselt lautlos vom Himmel und läuft schräg über die winzigen Fenster. Vielleicht sind das auch nur meine Tränen. Wer weiß das schon so genau.

Es ist der kurze Moment, wenn aus der Nacht Tag wird, wenn die Sonne den Horizont küsst und es trotz Nebel so unfassbar hell ist. Wenn aus dir und mir „uns“ wird. Verstehst du? Es ist nur für diesen einen kurzen Moment. Und hell yeah, ich würde um die ganze Welt reisen, für diesen einen kurzen Moment.

Themagnoliablossom ist studierte Volkswirtin und lebt seit 2 Jahren in München. Aus dem Wirtschaftskarussell ist sie ausgestiegen und veranstaltet stattdessen nun lieber ihren eigenen Zirkus. Im Großstadtdschungel bloggt sie mal witzig, mal nachdenklich – auf jeden Fall immer gewürzt mit einer ordentlichen Prise Ironie – über all die Dinge, die ihr passieren bzw. nicht passieren. Oh, und sie liebt Kaffee! Mit ganz viel Milchschaum. Deshalb trifft man sie auch des Öftern mit (Milch)bart an – ist ja gerade voll im Trend. Mehr gibt’s bei Instagram.

Headerfoto: Ksenia Hovalt via Creative Commons Lizenz! (Gedankenspiel imprint added)!

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