Pause

Neither ever, nor never
Goodbye
— Apparat
Noch sind es dreiundvierzig Minuten, bis das Jahr rum ist. Am Helmholtzplatz begrüßen sich zwei Freunde, ein Deutscher mit Glatze und volltätowierten Armen und ein Deutsch-Asiate mit Wuschelfrisur und charmantem Grinsen. Sie umarmen sich, wie man sich umarmt, wenn man sich lange nicht gesehen hat. Während der Glatzkopf sein Fahrrad abschließt, erzählt er, dass er gerade in der S-Bahn kontrolliert wurde, ohne ein Fahrradticket zu haben. Sein grinsender Kumpel scheint dasselbe zu denken wie ich: Wieso fährt er S-Bahn, wo er doch ein Fahrrad hat?

An unserem ersten gemeinsamen Wochenende fuhren wir in meine Heimat, ins Haus meiner Eltern, die gerade im Urlaub waren. Wir stellten unsere Sachen ab und machten eine Radtour an die Elbe. Sie trug ein leichtes Sommerkleid, das schöner vom Wind bewegt wurde als Grace Kellys Kopftuch bei runtergelassenem Verdeck. Wir setzten uns unter eine alte, verrostete Eisenbahnbrücke ins von der Sonne ausgetrocknete Gras, tranken Bier und aßen geschmierte Brote. Dann vögelten wir, während uns das Gras die Haut zerkratzte und Zecken es sich in unseren Hautfalten gemütlich machten.

Ich habe mich gerade an den einzigen noch freien Tisch im Al Hamra gesetzt, als die beiden Helmholtzplatzkumpels fragen, ob sie sich dazusetzen dürfen. Ich schüttle den Kopf und sage, dass ich auf jemanden warte. Noch achtunddreißig Minuten.

Zurück im Haus meiner Eltern gingen wir unter die Dusche, suchten uns gegenseitig nach Zecken ab und nahmen das zum Anlass, den Körper des anderen überall zu küssen, zu lecken und zu beißen. So kamen nach den Kratzern vom trockenen Gras noch Bissspuren und blaue Flecken dazu. Wie sie das ihrem Freund erklären würde, fragte ich, als wir uns abtrockneten.

Besagten Freund gab es bereits, als wir uns Jahre zuvor auf dem Hurricane kennenlernten. Es schiffte, als wolle Gott ein Zeichen setzen gegen Rockmusik, die ja, glaubt man gewissen Kreisen, eine Erfindung von Satan höchstpersönlich ist. Ich saß mit Jäger unter unserem Pavillon, wir tranken Bier und freestylerappten, während er Gitarre und Nasenflöte spielte. Sie wäre vom ersten Moment an in mich verliebt gewesen, erzählte sie mir später, als unsere Affäre schon über ein Jahr ging. Ob es mir auch so ging, weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass ich ihre erste Bemerkung sehr charmant fand.

»Was seid ihr denn für Möchtegern-Caspers?«
»Die Art, die auf einen weiblichen Featuregast warten«, sagte Jäger unerwartet schlagfertig.
»Na, dann gib ma nen Beat«, sagte sie, zog ihr durchsichtiges Regencape aus, schüttelte es aus, nahm sich ungefragt ein Bier und setzte sich auf einen freien Stuhl. Sie hatte lange, blauschwarze Haare mit einem schrägen Pony, tiefe, braune Augen mit einem leichten grünen Schimmer und Lippen, die so voll waren und so weich aussahen, dass ich sie sofort küssen wollte. Ihre schlanken Beine steckten in dunkelgrünen Gummistiefeln, sie trug eine abgeschnittene Jeans und ein ausgewaschenes Bandshirt von Caliban. Ich zog mein iPhone aus der Tasche und begann zu filmen, während Jäger eine neue Akkordfolge spielte. Dann freestylte sie.

»Sayonara, du Möchtegern-Casper
meine Ohren bluten, wo ist die Schwester?
Ich brauche Ohropax, besser noch Panzertape
Keine Sorge, hier kommt die Rettung angeschwebt
Und sofort verstummt die Nasenflöte
Euch ist hoffentlich klar, dass ich euch zwei Nasen töte
Und weil das einen echt schönen Anblick böte
reit ich wie Lucky Luke in die Abendröte«

Sie schickte noch ein lässiges »Peace« hinterher, dann setzte sie das Bier an und nahm einen Triumph-Schluck. Auf dem Festival selbst lief nichts, aber als ich nach Hause kam, hatte ich eine Facebook-Nachricht von ihr im Postfach. Von da ging es zu WhatsApp und schließlich telefonierten wir. Erst am Telefon erzählte sie mir von ihrem Freund. Ob ich sie trotzdem treffen wolle, fragte sie.

Als mir jemand auf die Schulter klopft, erschrecke ich mich so sehr, dass ich unwillkürlich zusammenzucke und einen hohen spitzen Schrei ausstoße, so wie Frauen in Horrorfilmen der 50er Jahre. Es ist aber nicht sie, es ist die Kellnerin.
»Darf ich dir schon was bringen? Baldrian vielleicht?«, fragt sie und grinst.
»Ein Bier«, sage ich.
»Immerhin etwas zur Beruhigung«, scherzt sie und geht weiter zum nächsten Tisch.

Ich wollte sie treffen, natürlich wollte ich – und fragte mich dennoch, was das bringen sollte, wenn sie einen Freund hat. Wir gingen am Neuköllner Schifffahrtskanal spazieren und kamen über oberflächlichen Smalltalk nicht hinaus. Sie schien wie ausgewechselt. Nichts mehr war zu spüren von der schlagfertigen Freestylerin, die sich selbstbewusst an fremdem Bier bedient hatte. Wie als sei sie wegen irgendetwas verschüchtert. Vielleicht hatte sie ihrem Freund gegenüber ein schlechtes Gewissen, und diese Vermutung fand ich naheliegend. Wenn ich mich schon schlecht fühlte, weil wir uns trafen – wie musste es ihr da erst gehen?

Das hinderte uns aber nicht daran, zu vögeln. Als der Smalltalk nicht mehr auszuhalten war, packte sie mich, schob mich auf eine Parkbank und steckte mir ihre Zunge in den Mund. Wie weit es bis zu meiner Wohnung sei, fragte sie. Ich hatte mich immer für einen moralisch handelnden Menschen gehalten. Aber bei ihr war es mir plötzlich egal. Ich nahm sie bei der Hand und zog sie die zwei Blocks bis zu meiner Wohnung.

Ihre Ausreden – ihre Versionen des männlichen »ich arbeite länger« – wurden immer variantenreicher. Es wirkte zeitweise wie ein Agentenfilm, nicht wie eine Affäre. Oft genug sehen aber konnten wir uns nicht. Und wir konnten nicht ausgehen, weil immer die Gefahr bestand, dass man uns zusammen sehen würde: kein Essen, kein Café, kein Kino, kein Flohmarkt. Und ständig für gemeinsame Wochenenden Berlin zu verlassen, ging auch trotz allen Einfallsreichtums nur begrenzt. Und so lernte keiner die Freunde des anderen kennen, es entwickelte sich – wie auch? – kein normaler Alltag.

Wir stritten uns immer öfter darüber, dass sie sich endlich trennen sollte. Ich brach immer wieder den Kontakt ab, sagte, ich könne das nicht mehr. Sagte, ich hielt die Unmöglichkeit, richtig mit ihr zusammen zu sein, nicht aus. Ich ertrüge das schlechte Gewissen ihrem Freund gegenüber nicht, fand es unmoralisch, Fremdgeh-Erfüllungsgehilfe zu sein. Es sei mir nicht genug, nur der Pausenzwieback zu sein, das Sex Toy, das sie benutze, wenn ihr gerade danach sei, aber auch nur dann.

Der Abstand hielt nie lange an. Einer von uns meldete sich immer beim anderen, dann kam sie zu mir, wir küssten, fickten, hielten uns aneinander fest, turtelten, sahen The Mentalist oder White CollarMasters of None und Unbreakable Kimmy Schmidt. Wir verpassten ganze Episoden, weil aus dem Kuscheln irgendwann Rummachen und schließlich Sex wurde. Wir duschten, küssten, grinsten bescheuert, bestellten Sushi, tranken Weißwein und Bier und ich spulte zum Anfang der Folge zurück. Und in der all der Zeit war mir nicht bewusst, dass ich sie längst liebte – und sie mich. Dass wir zusammen gehörten, dass es nicht ging ohne den anderen. Wenn ich fragte, warum es nicht ohne ihren Freund ging, fing der Streit von vorne an.

Die Kellnerin bringt mir mein Bier und lächelt noch einmal schelmisch. Sie ist Osteuropäerin, ihre Kollegin Deutsche, der Betreiber Ägypter. Als ich das letzte Mal mit Jäger hier saß, meinte er, dass sich am Al Hamra das entspannte Verhältnis der Berliner Muslime zu ihrem Glauben veranschaulichen lasse: Solange sie selbst keinen Alkohol trinken, sei es dem Propheten herzlich wurscht, was die Gäste machen. So gut ich diese Theorie finde, so wenig weiß ich, ob der Besitzer des Al Hamra überhaupt Moslem ist. Ich trinke einen Schluck und schaue auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde.

Irgendwann lagen wir nach dem Sex ineinander verschnörkelt da, ich küsste ihren Hals, streichelte ihre Brüste, sog ihren Duft ein.
»Was machst du da?«, fragte sie, weil ich so laut geschnüffelt hatte.
»Ich nehme deinen Duft auf Vorrat mit«, sagte ich.
»Wieso?«
»Um die Zeit bis zum Turkey hinauszuschieben.« Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie sie lächelte. Dann sagte ich:
»Ich liebe dich.«
Und wie in einer schlechten Romantic Comedy entgegnete sie ohne zu zögern:
»Und ich liebe dich.«

Nachdem das einmal gesagt war, dachte ich, jetzt würde alles anders werden. Aber die nächste Auseinandersetzung ließ nicht lange auf sich warten.

Das könne nicht so weitergehen, sagte sie schließlich.
»Ach?«, ätzte ich, was wohl wieder zu Streit geführt hätte, hätte sie das nicht ignoriert. Sie sagte stattdessen:
»Ich bin mit einem Ehepaar befreundet, das sich kennen gelernt hat, während beide noch mit anderen Partnern verheiratet waren und mit diesen Partnern auch Kinder hatten. Ihnen war schnell klar, dass sie ineinander verliebt waren, sie trafen sich regelmäßig, aber das schlechte Gewissen wurde irgendwann zu groß.«
Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause.

»Also beschlossen sie, sich für ein Jahr zu trennen. Keinen Kontakt, keine Treffen. Dann wollten sie sich wiedersehen – und wenn sie immer noch Gefühle füreinander hätten, zusammen sein.«
»Das haben sie durchgezogen?«, fragte ich und ahnte, worauf sie hinauswollte.
»Ja. Und heute sind sie verheiratet und haben noch ein gemeinsames Kind.«
»Du bist also schwanger?«, versuchte ich zu scherzen, aber sie ignorierte auch das.
»Du weißt, dass so eine Pause eine gute Idee ist.«
»Warum trennst du dich nicht einfach?«, fragte ich mit dünner Stimme.
»Weil ich Angst habe«, sagte sie, und ihre Stimme klang dabei noch dünner, und zerbrechlicher.

Ich sah sie an, sie wirkte wie ein Kind, das einen bösen Traum gehabt hatte. Was immer diese Angst verursachte: Ich hatte nicht das Herz, sie weiter mit der Trennung unter Druck zu setzen. Und ich widerstand auch dem Drang, zu feilschen, zu sagen, dass es doch einen anderen Weg geben müsse. Ich hatte eine Scheißangst davor, sie zu verlieren. Aber ich konnte ihrem Wunsch nach diesem Jahr nicht widersprechen. Ich schluckte einen golfballgroßen Kloß herunter und fragte, wann es losgehen solle.

Es sind noch dreizehn Minuten, als die Kellnerin mir das zweite Bier hinstellt.
»Möchtest du eigentlich auch was essen?«
»Ja, aber ich warte noch auf jemanden«, sage ich und frage mich plötzlich, ob es überhaupt Warten ist, wenn gar nicht klar ist, ob das Treffen zustande kommt.

Wir schliefen noch ein letztes Mal miteinander, dann trennten wir uns. Für ein Jahr. Sie hatte vorgeschlagen, dass wir uns im Al Hamra treffen sollten. Aber nur, wenn wir beide nach Ablauf des Jahres noch Gefühle hätten, sollten wir auch kommen.

Ich rief keine Exfreundinnen an, ging nicht in Bars oder auf Partys. Ich widerstand dem Verlangen, die Sehnsucht nach ihr mit bedeutungslosem Sex zu betäuben. Ich kiffte nicht, trank nicht übermäßig, ging nicht auf Selbstsuche. Ich machte kein Yoga und keine Lichttherapie. Ich achtete nicht auf meine Ernährung, ich trieb keinen Sport, kündigte nicht meinen Job, um auf Weltreise zu gehen. Ich lebte mein Leben weiter, so normal, wie es mir möglich war. Ich wollte mich nicht ablenken. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlte ohne sie. Ob meine Gefühle für sie blieben oder nicht.

Und jetzt bin ich hier.

Ich nippe an meinem Bier und schaue zu den beiden Freunden vom Helmholtzplatz hinüber, die noch einen anderen Platz gefunden haben.
»Zusammenfassend war das letzte Jahr das beste seit langer Zeit«, sagt der Glatzkopf.
»Bis du eben ohne Fahrschein kontrolliert wurdest«, lacht der Wuschelkopf.
»Amen!«, ruft der Glatzkopf aus.
»Ich finde es krass, dass wir uns jetzt ein Jahr nicht gesehen haben«, seufzt der Wuschelkopf nach einer Weile Stille, und sein Freund nickt.
»Das klingt zwar wie ein Satz, den meine Großeltern sagen würden, aber: Die Zeit rast.«

Das sehe ich dann doch etwas anders, denke ich nicht ohne zu schmunzeln, und greife nach meiner Bierflasche. Ich habe sie gerade abgesetzt, als jemand sanft meine linke Schulter berührt. Wieder die Kellnerin, denke ich, und erschrecke deshalb auch nicht.

Dann drehe ich mich um.

Martin Spieß schreibt belletristische Bücher, macht unter dem Namen VORBAND deutschsprachigen Indierock und arbeitet an seinem ersten Rap-Album. Sein Geld trägt er vorzugsweise zu seinem Stammtätowierer nach Berlin-Neukölln, obwohl er mittlerweile im Wendland lebt, der Heimat des Atommüllzwischenlagers Gorleben. Im September 2015 erschien das zweite Vorband-Album „Haschemitenfürst“, am 21. November 2016 erschien sein viertes Buch, der Kurzgeschichtenband „Ich dreh mich lieber noch mal um und bin weit, weit weg“, aus dem diese Geschichte stammt. Mehr zu Martin Spieß unter martinspiess.com und vorbandmusik.de.

Headerfoto: Pärchen im Bett via Shutterstock. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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