Paris ist der Lover, den man nie haben konnte

Mehrmals zurückzukehren ist der größte Liebesbeweis, den man einem Ort erbringen kann. In New York war ich zweimal. In Rom auch. Doch Paris ist bisher die einzige Stadt, die mich regelmäßig anzieht. Als könnte ich es nicht ohne sie aushalten. Als wäre ein Jahr ohne Paris ein verlorenes. Paris und ich, wir funktionieren, vielleicht vor allem, weil wir nicht nur glückliche Tage miteinander hatten. Die Sehnsucht und das Verlangen nach einem Wiedersehen sind einfach immer da, vor allem wenn ich versuche, in anderen Städten das zu finden, wonach ich in Paris nicht einmal suchen muss.

Die Stadt ist ein launisches Ding, aber ein verdammt schönes, und man muss einfach auf manches vorbereitet sein. Oder dem eigenen Selbstbewusstsein den roten Teppich ausrollen. Wann, wenn nicht hier, sollte man mit erhobener Nase durch die Straßen flanieren? Wo, wenn nicht hier, in hohen Hacken den Espresso am Tresen hinunterkippen, für ein paar Tage Kette rauchen und das Leben auf sich regnen lassen, während die Fassade von Sacré-Coeur im Sonnenlicht leuchtet?

Über Paris wird man nie hinwegkommen, wenn man einmal verliebt war.

Paris darf alles und du darfst alles in Paris. Eins sollte man jedoch wissen: Über Paris wird man nie hinwegkommen, wenn man einmal verliebt war. Die Stadt ist der Lover, den man immer wollte, der manchmal ganz nah war, und den man doch nie haben konnte. Weil alle Paris lieben, aber Paris ein wählerischer Franzose mit Dreitagebart und zerschlissener Lederjacke, mit dunklen Wuschelhaaren und seltsam attraktiven Augenringen ist, dessen Hang zur Dramatik man nicht unterschätzen sollte.

Ich kenne kaum jemanden, der so stolz auf seine Stadt ist wie die Pariser selbst. Und sie haben wenig Verständnis für jemanden, der sich nicht in sie verliebt – denn wo sollte man sich verlieben, wenn nicht hier?

Ich stand an einer der vielen Kreuzungen am Place de la Bastille und wartete darauf, dass die Ampel auf Grün schaltete, als er mich anlächelte. Ich sah mich um, denn wir kannten uns nicht und ich ging davon aus, dass er irgendeine hochgewachsene, brünette Französin meinte, die vermutlich hinter mir stand. Doch da war niemand und er, er lächelte immer noch.

Die Ampel wurde grün und ich ging los, auf ihn zu, und als ich merkte, dass er auf der anderen Seite stehenblieb, wurde ich nervös. Er sprach mich auf Französisch an. Ich blieb stehen, winkte jedoch gleichzeitig ab, ich konnte die Sprache nicht. Er wechselte ins Englische und ich fragte mich, ob er wirklich geglaubt hatte, dass ich Französin war, oder ob das nur Teil einer Masche war, so ein charmantes und engmaschiges Netz, in dem man festhing, bevor man überhaupt merkte, dass man dabei war, sich ziemlich zu verheddern.

»Das ist ein toller Pullover, den du da trägst«, sagte er in lupenreinem Englisch mit französischem Akzent. Ich lachte, natürlich aus Verlegenheit. Ohne sich vorzustellen oder nach meinem Namen zu fragen, lud er mich zu einer Halloweenparty am Abend ein und gab mir seine Nummer. Es war der 31. Oktober, das hatte ich angesichts der zwanzig Grad und den warmen Sonnenstrahlen, die durch die längst verfärbten Blätter schienen, komplett vergessen. Ich nahm den Zettel, antwortete sure, lief weiter und dachte mir: So was mache ich normalerweise nicht.

Nachdem sie mir eine Schnittverletzung quer über die linke Wange gemalt hatte, setzte ich mich an das offene Fenster mit Blick auf den erleuchteten Eiffelturm.

Gemeinsam mit seinem Freund liefen wir durch die kühlen Gassen, wir waren schnell und unsere Schuhe klackerten auf dem Steinpflaster. Wir stiegen eine steile Treppe hinauf in den sechsten Stock eines Altbaus und wurden von einem Mädchen empfangen, das schrecklich aussah. Schrecklich gut geschminkt. Sie war Visagistin, und weil sie täuschend echte Wunden in ihr Gesicht gezaubert hatte, erschrak ich bei ihrem Anblick.

Nachdem sie ihm eine Schusswunde auf die Stirn und mir eine Schnittverletzung quer über die linke Wange gemalt hatte, setzte ich mich an das offene Fenster mit Blick auf den erleuchteten Eiffelturm. Hoch oben über den Dächern von Paris redeten wir, tranken und lachten und die Frage, was ich hier eigentlich tat, hing über mir, als bräuchte sie dringend eine Antwort.

Er war arrogant. Zwar nicht mir gegenüber, doch es steckte in seinem Gang, in der Art, wie er rauchte, in dem Wissen, dass er nicht größer war als ich und es ihn überhaupt nicht störte. Immer, wenn ich ihn musterte, hatte ich das Gefühl, ganz Paris steckte in ihm. Ihn und seine Freunde beim Feiern zu beobachten, das war für mich eine Art Sozialstudie, das Eintauchen in intime Blicke und Gesten, die ich plötzlich sehen durfte.

Ich war wie selbstverständlich aufgenommen worden und doch fühlte ich mich nicht als eine von ihnen, aber das machte nichts, ich stand gerne abseits und beobachtete, und wenn er mich ansprach und fragte, ob alles in Ordnung sei, dann lächelte ich und fasste an meine Wange, als wäre sie kein Teil von mir.

Die Getränke wurden nie warm und meine Zunge lockerer. Ich sagte, ich wolle alles wissen und er antwortete: »In Ordnung, du hast fünf Fragen, ich beantworte jede.«

Ich spielte mit, denn obwohl ich Spiele eigentlich nicht besonders mag, fand ich das hier aufregend.

Inder. Das überraschte mich, er sah für mich überhaupt nicht indisch aus. Ingenieur, Raumfahrttechnik. Spannend. Eine Schwester, jünger, die ich ohne ersichtliche Gründe kennenlernen wollte. In Paris geboren. Daran bestand kein Zweifel. Den Rest vergaß ich sofort wieder. Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt eine fünfte Frage gestellt habe.

Um halb drei verabschiedeten wir uns auf der Straße, er winkte mir ein Taxi heran und ich stieg ein.

Paris bei Tag war lebensfroh, elegant und bunt. Paris bei Nacht war erhaben.

»Ich würde dich gerne wiedersehen«, sagte er und schloss die Tür, bevor ich eine Antwort geben konnte. Der Taxifahrer fragte mich, ob ich etwas über die Sehenswürdigkeiten wissen wolle, an denen wir nun vorbeifuhren, und ich taumelte innerlich, oui, oui!, und ließ die Lichter an mir vorbeiziehen. Paris bei Tag war lebensfroh, elegant und bunt. Paris bei Nacht war erhaben, ein bisschen so, als flüsterte die Stadt: Ich weiß, dass ich schön bin, und du, du bist mir rettungslos verfallen.

Am nächsten Tag saß ich am Flughafen und wartete auf das Boarding, als mein Handy klingelte.

»Ich muss nächste Woche nach Bangalore fliegen und kann übers Wochenende einen Stopp in München einlegen. Soll ich?«

Fünf Tage später stand er vor mir, und ich habe mich selten so lebendig gefühlt wie in diesem Moment …

Anika Landsteiner nimmt uns in ihrem aktuellen Buch Gehen, um zu bleiben (erschienen im Goldmann-Verlag) in 15 Geschichten einmal um die Welt – vom Freiheitsgefühl in Kalifornien über heilige Festivals in Indien bis nach Malawi, wo sie bei einer Hilfsorganisation gearbeitet hat. Von dem „Höher-Schneller-Weiter“-Prinzip, hält unsere Autorin gar nichts, vielmehr schreibt sie über das Innehalten auf Reisen, Empfindungen wie Scheitern, Mut und Sehnsucht und widmet sich aktuellen Themen wie Angst vor dem Fremden sowie Rassismus. Zwischen Fernweh und Heimweh wird ihr immer wieder klar: Wer nicht wegfährt, kann auch nicht heimkommen. Und nur, wer bewusst reist, kann das Erlebte zuhause in einen neuen Kontext setzen.

Headerfoto: Frau in Paris via Shutterstock.com! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke!

Autorenfoto: Deniz Ispaylar.

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