One Two Threesome | #1

Ein Dreier. Das größte Mysterium und die vermutlich häufigste Fantasie in heteronormativen Männerköpfen. Also, er als Protagonist mit zwei Frauen versteht sich. Das Szenario sieht dann immer ungefähr so aus: Zwei heiße Frauen gehen mit dem Typen ins Bett, haben aber am besten nicht nur mit ihm was, sondern auch miteinander, was er sich auch richtig gerne anguckt. Er wird von zwei Weibern gleichzeitig befriedigt und er kann am nächsten Tag seinen Freunden erzählen, dass er zwei Frauen gefickt hat. Jackpot. Herzlichen Glückwunsch.

Ich weiß nicht, wie oft ich schon von Männern, mit denen ich im Bett war, gefragt wurde, ob ich schon mal einen Dreier hatte und fast jeder hat gefragt, ob ich Lust auf einem mit ihm und einer anderen Frau hätte. Auf die Frage, warum nicht mit einem zweiten Mann, gibt es viele Variationen der immer gleichen Antwort: „Hmm, ja nee, mit einem anderen Mann kann ich mir das nicht vorstellen, ich bin ja nicht schwul.“ Oder: „Ich steh nicht auf Schwänze, einer reicht doch.“ Noch besser: „Ich bin nicht so gut im Teilen, ich wäre bestimmt eifersüchtig.“

Also, um das noch mal festzuhalten: Ihr wollt gerne mit zwei Frauen vögeln, die eurer Logik nach vermutlich lesbisch sein müssen, weil sie dann ja auch was miteinander haben sollen. Einen Dreier mit einem andern Mann könnt ihr euch aber nicht vorstellen, weil ihr ja nicht schwul seid, denn wer mit einem Mann ins Bett geht, muss ja schwul sein, und teilen wollt ihr auch nicht, also außer mit einer anderen Frau, die ist ja keine Konkurrenz, weil nur Schwänze echte Konkurrenten sind, richtig?

Das hat mit sexueller Offenheit echt wenig zu tun und wenn du diese Argumente als deine eigenen erkennst, hast du dir entweder noch nie Gedanken darüber gemacht oder bist ein homophober Idiot mit Besitzansprüchen, die dir nicht zustehen. Und nein, ich schließe da Frauen nicht aus.

Mich nervt das, weil ich außerhalb dieses festen Rahmens nie Menschen treffe, die einfach Spaß daran haben, mit mehreren Menschen gleichzeitig Sex zu haben, egal ob mehr Männer oder mehr Frauen im Spiel sind. Bis ich Ian kennenlernte.

Noch eine Station. Nur noch eine. Ich steige aus, wie in Trance laufe ich zu Ian. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so aufgeregt war. Die Mischung aus Vorfreude und Angst ist fast unerträglich. Zum Glück überwiegt die Vorfreude. Ich krame noch schnell einen Kaugummi aus der Tasche, fahre mir noch mal durch die Haare, atme tief ein und klingle. Ob sie auch schon da ist? Irgendwie hoffe ich, dass ich als erste ankomme, fühlt sich besser für mich an. Sicherer. Ian macht mir die Tür auf, umarmt mich kurz. Er merkt sofort, wie nervös ich bin. Komischerweise wirkt er vollkommen ruhig. Wie schafft er das? Er macht mir einen Drink, wir gehen ins Wohnzimmer und setzen uns auf sein Sofa. Wir reden sofort darüber, wie es sein wird, wenn Brody gleich dazu kommt. So richtig können wir es uns trotzdem nicht vorstellen. Vielleicht sollten wir einfach nicht mehr so viel reden, denke ich mir, und küsse Ian. Das beruhigt mich, weil ich dabei mein Gehirn ausschalten kann.

Theoretisch haben wir schon alles besprochen. Ich habe eine Affäre mit Ian, Ian hat eine Affäre mit Brody, Ian hat uns beide gefragt, ob wir Lust auf Sex zu dritt hätten und ich habe ohne weiter nachzudenken ja gesagt. Brody anscheinend auch. Er hat uns beiden Bildern voneinander geschickt. Brody ist heiß. Klein, wunderschöner Mund. Irgendwas zwischen Punk, Gothik und Berghainhipster. So very Berlin. Beide ihre Brustwarzen sind gepierced. Finde ich super, bin selbst allerdings zu feige für. Aber wie macht man das, so einen geplanten Dreier? Ich stell mir das irgendwie schwierig vor. Woher soll man denn wissen, ob man sich wirklich versteht und sich auch wirklich heiß findet? Und ist die Stimmung nicht viel zu steril, wenn man das so verhandelt? Wobei. Genauer betrachtet läuft so ein Zweier-Tinderdate ja auch nicht anders, man steckt seine Grenzen ab und am Ende passt es oder eben nicht. Unangenehm ist es sowieso immer, wenn der Funke nicht überspringt. Trotzdem ist es irgendwie strange. Die eineinhalb Dreier, die ich in meinem Leben bis jetzt hatte, waren immer besoffene fixe Ideen. Leider war die Umsetzung im Bett dann immer nur halb so heiß wie die Fantasie, die im Club noch alle heiß gemacht hat. Und wenn das schon nicht klappt, warum sollte dann ein geplanter Dreier besser funktionieren? Oder vielleicht ist diese Variante auch viel sinnvoller, weil alle wissen, auf was sie sich einlassen? Ich bin mehr als bereit, das herauszufinden.

Ian und Brody sind super entspannt, wir machen direkt mal eine Chatgruppe auf und schreiben eigentlich jeden Tag, bis zu unserem Date. Über alles, über uns, über Musik und Kultur und natürlich über Tinder und Sex in Berlin. Ian kommt aus Schottland, Brody aus Hawaii. Mega guter Mix.

Ich meine, hallo? Ich plane einen Dreier mit einem Schotten und einer Hawaiianerin! Das muss ich mir zumindest selbst immer mal wieder sagen.

Und weil eine Chatgruppe ja nicht reicht, erstellt Brody eine Spotify Playlist und nennt sie „Vorspiel“. Beste Idee. Wir laden alle nach und nach Songs rein, die wir für unser erstes Date gut fänden. Ich höre die Playlist jeden Tag und versuche mir dabei vorzustellen, wie es sein wird, wenn wir uns endlich treffen. Ein Song brennt sich in mein Gehirn und ich werde wahrscheinlich noch in 30 Jahren dabei an die beiden denken. Schön. Und weil wir alle so entspannt und  erwachsen sind, besprechen wir vorher auch schon das Thema Verhütung. Klar, ist ja auch wichtig. Ist zu dritt nämlich gar nicht mal so einfach. Uns ist schon ziemlich klar, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Die gibt es auch zu zweit nicht. Aber natürlich ist das Risiko zu dritt schon höher, wenn keiner auf Oralsex verzichten will. Wir einigen uns darauf, dass wir das am besten besprechen, wenn wir uns sehen, da kann man auch gleich einschätzen, ob die Vertrauensebene funktioniert oder eben nicht.

Und so sitze ich jetzt aufgeregt bei Ian auf dem Sofa und warte gespannt wie ein Flitzebogen auf Brody. Und dann klingelt es und mein Blut sackt kurz Richtung Boden …

Fortsetzung folgt am Sonntag.

Headerfoto: Pauline Thomas via Creative Commons Lizenz!

2 Comments

  • Andreas sagt:

    Liebe Nina

    Ich finde deinen Bericht sehr spannend. Allerdings sehe ich bei eurem geplanten Dreier den Unterschied nicht zur klassischen Männerfantasie, wie du sie Anfangs beschrieben hast: Ian mit zwei Frauen. Erst wenn er sich ausdrücklich nicht gegen einen zweiten Typen mit dir sträubt, wäre er dann deiner Meinung nach wohl kein homophober Idiot. Vorher wissen wir dazu nichts.

    Nun zu mir: ich fühle mich (wie wohl alle) nur wohl bei Sex und auch indirektem Sexualkontakt (so wie beim Dreier) mit Menschen, die ich anziehend finde. Das sind bei aller Offenheit von mir eigentlich ausschliesslich Frauen. Ich habe schwule Kumpels, die ich sehr gerne mag. Ich erlaube mir auch gerne das Gedankenspiel, wie es wäre, Männer toll zu finden. Lust entfacht das aber trotzdem keine bei mir. Dass ich nicht Sex oder wie gesagt indirekten sexuellen Kontakt mit Männern haben möchte, macht mich dann doch nicht gleich zu einem homophoben Idioten. Es darf doch auch Menschen wie mich geben, die liebend gerne Dinge ausprobieren, sich aber ohne wahrnehmbaren Bi-Anteil fühlen und daher sich nicht auf einen gleichgeschlechtlichen Dreier einlassen möchten. Ich erwarte ja auch nicht, dass eine Frau mit einer anderen Frau gleichzeitig Sex mit mir haben will. Schön fänd ichs trotzdem. Das scheint dann einfach meiner Veranlagung zu entsprechen und für die schäm ich mich auch nicht. Mich trotzdem einen hmomophoben Idioten zu nennen ist heterophob. Bitte mehr Toleranz. Setzen wir uns dafür ein am IDAHOT – für alle. Ich wünsch dir viel Spass und alles liebe und schöne bei der Liebe zu dritt 🙂 Andreas

    • Nina Wagner sagt:

      Lieber Andreas,

      nur weil der beschriebene Dreier mit einem Mann und zwei Frauen stattgefunden hat, bedeutet das doch lange noch nicht, dass andere Konstellationen nicht auch stattfinden. Hier ging es vor allem um die Planung und nicht die Kombination. Und ich wage doch zu behaupten, dass vor allem Männer ein Problem mit gleichgeschlechtlichem Sex haben, was ja ganz klar an der heteronormativen Sozialisation liegt. Viele Frauen aber eben genauso, die schließe ich in meiner Kritik daran ja auch im Text nicht aus. Von mir aus kann jeder Sex haben mit wem er will, nur die Tabuisierung dessen sollten sich die meisten einfach mal abgewöhnen.

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