Noch einmal zurück auf Los

Mit Ende zwanzig noch einmal zurück auf Los. Alte Lebensmuster ablegen und Zukunftspläne verwerfen. Wieder ganz bei Null anfangen. „So einen wie Ihn findest du nie wieder“, sagen die einen. „Die große Liebe begegnet einem im Leben nur einmal“, die anderen. Und dennoch bin ich gegangen. Habe nach vielen wunderschönen, gemeinsamen Jahren an der Kreuzung des Lebens kurzerhand eine andere Abzweigung genommen. Richtung: ungewiss. Nur eines war klar: diesen Weg muss ich alleine gehen.

Und das alles nur, weil es sich einfach „nicht mehr richtig angefühlt hat“?

Es folgten: viele, viele Tränen. Er weinte, weil er wusste, dass meine Entscheidung bereits gefallen war. Ihm nichts anderes übrig blieb, als sie schlichtweg hinzunehmen. Ich weinte, weil ich einem geliebten Menschen das Herz gebrochen hatte. Wir weinten, weil wir wussten, dass unsere gemeinsame Zeit hiermit ihr Ende gefunden hatte.

Plötzlich saßen wir in der Wohnung, die wir vor kurzem noch unser beider Zuhause nannten, und sprachen darüber, wer welche Möbelstücke behalten möchte. Möbel, die wir vor nicht allzu langer Zeit zusammen ausgesucht hatten. Das Gespräch? Nüchtern, beinahe geschäftlich.

Zwei Fremde, die sich dennoch besser kennen, als jeden anderen Menschen auf dieser Welt. 

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, so sagt man. Was einem niemand sagt? Neuanfänge erfordern viel Mut, kosten Kraft und machen Angst. Erschreckend viel Angst! Ich versuche, meine Angst in Gin und Wodka zu ertränken. Beginne wieder mit dem Rauchen, weil es mich an den Abenden beschäftigt, die wir vorher zu zweit verbracht haben. Alleine einschlafen fällt mir schwer, also schlafe ich so gut wie gar nicht. Oder suche mir jemanden, der mit mir einschläft. Belanglose Bekanntschaften, die mir und meinen Gefühlen nicht gefährlich werden können.

Wie es Dir ergeht? Ich weiß es nicht.

Zu gerne wüsste ich, ob und wie Du ohne mich klarkommst. Doch ich respektiere Deinen Wunsch nach Abstand, auch wenn es mich verletzt. Vielleicht, so mein Wunsch, können wir eines Tages zusammensitzen und wie alte Freunde miteinander umgehen. Bei einem Espresso, den Du, wie ich nur zu gut weiß, am liebsten stark und ohne Zucker trinkst.

Ich liebe Dich noch immer. Doch eben nicht genug. Die Leute haben Recht, wenn sie behaupten, einen Mann wie Dich fände ich nie wieder. Du und Ich – das wird es kein zweites Mal geben. Doch ein Wir, so hart es klingen mag, eben auch nicht.

Monate später schlafe ich noch immer auf „meiner“ Seite des Bettes. 

Doch ich schlafe wieder, sogar ausreichend und ganz ohne die Hilfe von Gin und Wodka. Der Zauber eines jeden Anfangs? Ich durfte ihn inzwischen kennen lernen. Und mich selbst gleich neu mit. Unsere ehemals gemeinsamen Routinen gibt es nicht mehr, also habe ich kurzerhand neue gefunden. Die Erinnerungen bleiben bestehen – doch es kommen neue hinzu. Erinnerungen, die jetzt nur noch mir gehören.

Und wenn mir mal wieder jemand sagt, dass man die große Liebe nur einmal im Leben findet, kann ich inzwischen lächeln. Weil ich mir sicher bin, dass Du meine große Liebe warst. Eine große Liebe. Denn ich bin mir ebenso sicher, dass Du nicht die einzige große Liebe meines Lebens bleiben wirst. Und während ich das entgegne, freue ich mich schon auf den Zauber, der, wie man sich sagt, einer jeden frischen Liebe innewohnt.

Nadine studiert als leidenschaftliche Wortjongleurin Kommunikationswissenschaften und stürzt sich neben Universität, einem Job als Visual Merchandiserin und dem Schreiben am liebsten Hals über Kopf ins bunte Chaos, das sich Leben nennt.

Headerfoto: Els Fattah via Unsplash.com. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Foto gespiegelt.) Danke dafür!

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