Nina Wagner | Fucking Good

Nina Wagner | Fucking good – Von Tinder, Online-Dates und wilden Nächten

Wir reden über jeden Scheiß und haben keine Grenzen, solange es um andere Menschen geht, aber sobald es uns und unsere Körper, unsere Sexualität betrifft, schrumpfen wir zusammen.

Auf den Punkt gebracht:

Versaut, dreckig und provokant, aber irgendwie auch radikal, mutig und bewundernswert. Wenn es um Sex im digitalen Zeitalter geht, hat eine der beliebtesten im gegenteil-Kolumnistinnen ihre Klickzahlen sicher: Nina Wagner! Endlich ist ihr Buch Fucking good erschienen. Eine Rebellion gegen die letzten Tabus unserer Gegenwart.

Wer soll es lesen:

Tinder-Kinder, Frauen mit einer besten Freundin, Männer mit Müttern, Alice Schwarzer, aufgeklärte Trotzdem-nicht-Verhüter, Singles, Hypersexuelle und die ganz Verklemmten

Ist geil, weil:

Das Internet hat unser aller Leben um so einiges leichter gemacht. Seit neustem auch den Sex. Also, wie man ihn bekommt. Also, ich meine Tinder. Nina Wagner hat sich nämlich auf einige interessante Sex-Dates eingelassen und berichtet schamlos über ihre Erfahrungen vom großen Orgasmus-Glück und Momenten, in denen man Stopp sagt. Ihr Vokabular ist dabei weit drastischer als meins— Zwei Kapitel Fucking good und ich fühle mich so prüde wie damals meine Kindergärtnerin, die uns Mädchen erklärt hat: „Nein, da dürft ihr euch niiiiemals selbst anfassen!“ Liebe Biene (Name voll nicht geändert), ätsch, hab‘ ich doch gemacht!

Und darum geht es auch in Nina Wagners Buch. Hier schreibt eine Frau, die sich der gängigen Tabus entledigt und bewusst der eigenen weiblichen Sexualität eine neue Richtung gibt. „Ich habe wirklich oft einfach Lust auf Sex.“ Ein Satz, wie man ihn eigentlich öfter lesen sollte. Ach, es ist so schön simpel, gleich noch mal: „Ich habe wirklich oft einfach Lust auf Sex.“ So zeigt sich dann auch, wie sie zum ersten Mal einen Sex-Shop betritt und sich die Palette der Dildos und Vibratoren erklären lässt. Wie es sich anfühlt, von einem Mann geohrfeigt zu werden und warum Menstruation und Sex eigentlich doch gar kein Problem sein sollten. Fassen wir mal kurz zusammen: Nina Wagner kann 1. richtig unterhaltsam schreiben, 2. richtig gut mit Männern und Frauen, 3. dir noch so manches beibringen. Selbstverständlich haben wir die 28-jährige Autorin und ehemalige Chemie-Studentin (ja, ja die Chemiker also) auf eine Flasche Wein getroffen, um mit ihr über Sex und ihre Erfahrungen als Bloggerin zu quatschen.

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Du hattest mit vielen Menschen Sex. Das Etikett „Schlampe“ scheint aber trotzdem abgeschafft. Darf man eigentlich wirklich so viel Sex haben, wie man möchte?

Selbstverständlich! Ich wehre mich generell gegen das Wort „Schlampe“. Selbst wenn ich jede Woche mit 50 Männern schlafen würde, hat kein Mensch darüber zu urteilen. Mir persönlich geht es aber nicht um die Quantität, sondern um die Qualität. Ob nun Sex mit zwei Männern an einem Tag oder monatelang mal gar keinen zu haben, ist mir ziemlich egal. Ich finde, man darf sich da selbst nicht so unter Druck setzen. Das sind gesellschaftliche Doktrinen, die wir uns im Laufe der Zeit auferlegt haben und die viele Frauen davon abhalten, ihrem Bedürfnis nach Sex nachzugehen, weil sie nicht als Schlampe abgestempelt werden möchten. Mir war es wichtig, in dem Buch zu beschreiben, dass das Dinge sind, die man eigentlich ganz gut ablegen kann.

Glaubst du, dass man als Single besseren Sex hat als in der Partnerschaft?

Nee, nicht unbedingt. Mich nervt aber an den meisten Sex-Ratgebern auf dem Markt, dass davon ausgegangen wird, dass man nur in „wahrer und echter“ Liebe sexuell seine Erfüllung findet. Definitiv glaube ich, dass man – sowohl als Single, als auch in einer Beziehung – ganz wunderbaren Sex haben kann, weil es immer an einem selbst liegt zu entscheiden, was für einen gut ist. Wenn Menschen damit glücklich sind, nur einen Partner zu haben, ist das vollkommen okay. Begreifen muss man aber trotzdem, dass es heutzutage nicht mehr nur darum geht, den perfekten Menschen zur Reproduktion zu finden. Es ist schon erstaunlich, dass wir so vehement an dieser monogamen Beziehungsvorstellung festhalten und manche Menschen eben dafür auch schlechten Sex in Kauf nehmen.

Was genau ist denn eigentlich schlechter Sex?

Für mich ist schlechter Sex, wenn man nicht aufeinander achtet. Sex durchziehen, auch wenn man sich dabei nicht wohlfühlt, ist auch so ein Beispiel dafür. Sich gegenseitig etwas vorspielen ist ja immer noch und überall großes Thema. Vor allem, dass Frauen oft und viele Orgasmen vortäuschen, ist kein Zeichen von gutem Sex. Ich habe das auch gemacht, würde es aber heute nicht mehr tun. Ich denke nicht, dass das Non-plus-ultra beim Sex der Orgasmus ist. Diese Vorstellung, dass beide schreiend in Ektase zusammen kommen, sollte nicht das Ziel sein. Wie in vielen anderen Bereichen auch, ist die Kommunikation das Wichtigste.

Ist nicht auch das eigene Wohlbefinden wichtig für guten Sex?

Absolut! Nur wenn man mit sich selbstzufrieden ist oder sich zumindest akzeptiert und mag, kann man sich auch beim Sex total entspannen. Wenn man die ganze Zeit nur darüber nachdenkt, wie man aussieht, ob man jetzt eine Speckrolle sieht oder ein komisches Gesicht zieht, wenn man gerade kommt, dann fühlt man nicht mehr, dann denkt man nur noch. Ich weiß, dass es leicht klingt und mitunter sehr schwer ist, sich von Unsicherheiten zu befreien, aber wer gewillt ist, bestimmte Zweifel abzulegen, der kann auch davon ausgehen, besseren Sex zu haben.

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In deinem Buch beschreibst du verschiedene Phasen, in denen du mit Männern auf unterschiedliche Weise Sex hast. Besonders Sex-Dates, die du über Tinder verabredet hast, haben Popcorn-Qualität. Was macht den Sex mit Fremden so reizvoll?

Wie du schon sagst, ging es da um eine bestimmte Phase in meinem Leben. Als ich mit Tinder anfing, kam ich gerade aus einer langen Beziehung. Sex mit einer mir vertrauten Person kannte ich also zur Genüge und in mir kam irgendwann die Neugier auf, wie es wohl wäre, mit einem absolut fremden Typen von jetzt auf gleich Sex zu haben. Das Internet gab mir durch Social Media oder Apps wie Tinder dann eben die Möglichkeit, mal etwas anderes auszuprobieren fernab der Clubs und Bars. Im echten Leben muss man diesen ersten Schritt wagen, wohingegen die Hemmschwelle in einem Chat erst mal leichter überwunden wird. Vorteil ist eben auch, dass du zu jedem Zeitpunkt aussteigen kannst.

Und man muss sagen, so wie es sich liest, dass du schon oft richtig Angst hattest, wenn du die Treppen da zu einer Wohnung hochgelaufen bist.

Ja, natürlich. Dieser Nervenkitzel gehört irgendwie auch mit dazu. Dass es gefährlich sein könnte, ist dann eben Teil des Spiels. Dieser Kick macht den besonderen Reiz darin aus.

Es geht tatsächlich so weit, dass du deinen Freundinnen dann auch immer vorsichtshalber die Adresse vorher schickst – im Falle, dass da jetzt doch der Psychopath lauert. Haben die sich stellenweise Sorgen gemacht und ihre Bedenken geäußert?

Ohh ja! Ziemlich häufig sogar. Ich habe da aber auch ganz unterschiedliche Reaktionen von Freundinnen bekommen. Da manche von ihnen eben nicht tindern oder niemals Sex mit einem Fremden haben wollen würden, waren diese natürlich besorgter. Wieder andere haben mich darin total bestärkt und waren super heiß auf die Geschichten danach.

Hat so dann das Schreiben darüber für dich angefangen?

Ja, tatsächlich. Ich habe irgendwann mal bei einem Sleepover bei einer Freundin darüber geredet und dachte, dass ich das alles irgendwie mal festhalten muss. Eigentlich witzig, dass meine Mädels alle so brennend interessiert an den Geschichten waren und ich wissen wollte, ob das auch noch für andere gilt. Im März 2014 kam dann der erste Blog-Text bei im gegenteil und bestätigte mein Gefühl, dass da ein enormes Interesse besteht. Auch wenn es schwer zu glauben ist, aber es gibt nur wenige Blogs, die solche Themen so offen behandeln ohne dass jemand nur die beratende Funktion einnimmt. Es geht primär darum: Wie ist das denn nun, ein Tinder-Date zu haben und dann auch wirklich zu vögeln?

Erst anonym, dann unter Pseudonym und  jetzt zeigst du dein Gesicht doch. Was hat dich dazu bewegt?

Das war ein Prozess. Die Entscheidung, das Buch zu schreiben, fiel relativ schnell und mein Pseudonym ist vor allem dem Thema geschuldet. Natürlich ist es eine Art Persönlichkeitsschutz, von dem ich Gebrauch mache. Ich weiß nicht, was in 10 Jahren beruflich bei mir passiert. Hater kriegst du natürlich auch immer ab und ich kenne sogar Leute in meinem Umfeld, die damit Probleme haben, über was ich schreibe. Mittlerweile ist das für mich aber irgendwie nebensächlich geworden. Ich konnte am Anfang nicht einschätzen, was es mit mir macht und war eher vorsichtiger. Ich musste erst noch rausfinden, wie ich mich damit fühle. Der Schreibprozess war nötig und durch den bin ich ganz alleine gegangen. Ich musste mir also die Frage stellen: Kann ich mich voll und ganz damit identifizieren, komme, was wolle?

Und?

JA!

Nur mal so:

Das Buch enthält auch eine Reihe entzückender Zeichnungen der Künstlerin Apollonia Saintclair. Ihr Motto: Ink is my blood. Unbedingt mal auschecken!

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Wir verlosen 3 von Nina Wagner signierte Exemplare des Buches. Lasst uns (bis einschließlich Donnerstag, dem 3.9.) unter dem entsprechenden Facebook-Post wissen, bei welchem Menschen ihr total rallig werdet. (Bitte jugendfrei.)

Nina Wagner „Fucking good. Von Tinder, Online Dates und wilden Nächten“, erschienen im Knaur Verlag für 9,99 Euro (auch erhältlich als E-Book für 9,99 Euro)

2 Comments

  • Tina sagt:

    Durch solche Bücher wird die Sicht auf die Frau auf jeden Fall aufgelockert. Auch mutig von dir so offen mit deiner Sexualität umzugehen. Nicht viele geben offen zu, dass sie Tinder als eine reine sex app verwenden. Das Buch habe ich nicht gelesen, aber klingt auf jeden Fall nach einem Vorschritt. Genauso wie auch Tinder dazu beiträgt, dass die Menschen beim Sexleben offener werden.

  • Fränky sagt:

    Ja,warum sollten Mädchen nicht über ihre Gefühle sich zum Ausdruck bringen. Männer Berufe sind schon längst erobert und ein alter Hut.Was kann an einer Sexgeschichte nicht interessant sein,wenn es aus der Sicht einer Frau erzählt wird.Ich denke auch das du mit der Bezeichnung „Schlampe“, mal locker weiter leben kannst. Diese Erfahrungen kann dir keiner nehmen,aber teilen.

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