Never ending Stories und gemischte Gefühle: Herzen in der Gerümpelschublade

Wann genau haben wir damit angefangen, einander zu behandeln wie den Kram in der Gerümpelschublade, die jeder von uns zuhause hat? Diese eine Schublade, vollgestopft mit Zeug, von dem wir nicht genau wissen, was wir damit machen sollen. Zu schade zum Wegwerfen, zu langweilig fürs Bewusstsein. Die Lösung: Schublade auf, Gerümpel rein, Schublade zu.

Ohne Abschied, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie viel einem der Gegenstand wirklich wert ist. Kein Trennungsschmerz, keine Nostalgie. Wieso auch – es könnte ja sein, dass man den Gegenstand irgendwann wieder rauskramen will; er soll verfügbar bleiben.

Berge von Gerümpel sammeln sich in der Schublade, wir verlieren den Überblick, wollen ihn gar nicht haben, wir ignorieren die Schublade. Wann haben wir angefangen, so mit unseren Mitmenschen umzugehen?

Wann haben wir angefangen, so mit unseren Mitmenschen umzugehen?

Fakt ist, dass Verdrängtes und Geghostetes sich nicht in Luft auflöst, auch wenn wir das gerne hätten. Im Gegenteil, es wartet geduldig in der Schublade und verdoppelt gefühlt jeden Tag das Gewicht, mit dem es an den zarten Verästelungen unseres Unterbewusstseins hängt. Die Rechnung, die wir in unsere furchtbar stylischen Weekplanner kritzeln, geht ungefähr so gut auf wie die Aufgaben unserer Mathe-Abi-Klausur vor 10 Jahren: gar nicht.

Denn das, was wir uns selbst antun, wenn wir unsere Liebhaber, Boyfriends, Bekannte oder sogar Freunde in die Ignoranz verbannen, wiegt schwerer als easy-peasy-ghostingsqueezy. ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘ ist mittlerweile eine salonfähige Umgangsform. So salonfähig, dass wir uns nicht einmal mehr wundern, wenn es uns selbst passiert. Wir wissen ja wie es läuft, haben selbst genug Gerümpel in der Schublade liegen.

Wir berichten in WhatsApp oder über Kaffee darüber, dann ist das Thema abgehackt. Oder wir nagen etwas länger daran, denn möglicherweise war es uns diesmal nicht so egal. „Das war irgendwie besonders“. Wir leiden kurz und intensiv und beschließen dann, dass wir es nicht nötig haben zu leiden.

Wir leiden kurz und intensiv und beschließen dann, dass wir es nicht nötig haben zu leiden.

Wir zeichnen dieses kurze Erdbeben in der Seismographie unseres Herzens auf und machen weiter; mit einer verdrängten Wut im Bauch und einer tauben Einsamkeit in der Brust – das Sodom und Gomorra des Commitments. Was wir nicht bemerken, ist, dass wir diese Verletzungen mitschleppen wie Blechdosen, die an einem Just-married-Oldtimer hängen.

Mit Karacho stolpern wir mit diesem ganzen Ballast in die nächste Sache und wundern uns, wieso es zieht, juckt und zwickt. Vielleicht passt es nicht. Aber vielleicht sind wir auch so beladen, dass uns jede Kleinigkeit triggert und an Schmerzen erinnert, die wir nie ganz verabschiedet haben.

Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich glaube: Es ist Letzteres. Seid endlich nett zueinander, verdammt nochmal! Oder seid wenigstens nett zu Euch selbst. Denn um mal die Klischeekeule zu schwingen: Das eine basiert wirklich auf dem anderen, kein Scheiß.

Cocolores, befindet sich gerne auf Reisen, in der ein oder anderen Ausstellung oder im Gefühlsgewühl zwischen Küchenpsychologie und Datingphilosophie. Mit einer gesunden Hassliebe für die Befindlichkeiten und Wehwehchen ihrer Generation und ganz viel Love für Herzkasper – been there, done that. Steckt man halt so drin.

Headerfoto: Pärchen im See (Stockfoto) via Dmytro Voinalovych/Shutterstock. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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