Nein! Niemals! Aber …

Ich sitze am Küchentisch, trinke einen Kaffee und lache. Er sitzt mit mir am Tisch und lacht auch. Ich mag sein Lachen, es ist so unkompliziert, herzlich und laut. Seine Augen strahlen, wenn ich einen dreckigen Witz mache und ich strahle, wenn er laut auflacht. Unsere Begegnungen sind sehr intensiv. „Wir haben einen Flow“, sagte er neulich und dachte wahrscheinlich auch an die Momente, in denen wir uns verlieren. Wir reden viel. Er redet übrigens mehr als ich, vor allem morgens. Ich höre ihm gern zu, weil er nicht zu Denjenigen gehört, die nur Müll von sich geben. Und nach einem Monolog sagt er immer: „Oder? Was sagst du eigentlich dazu?“
Und dann rede ich – viel, aber eben nicht ganz so viel. Wir fassen uns auch viel an. Sehr viel sogar. Ich mag seine Nase und seine Hände, er mag meinen Mund und mein linkes Schlüsselbein. Gestern haben sich zuerst unsere Finger-, dann die Nasenspitzen und dann die Lippen berührt. Vorsichtig, als wäre es nicht das Jetzt, als könnte es gleich vergehen.

Warum ich genau lache, weiß ich allerdings nicht. Bevor wir uns schlafen gelegt haben, erzählte er mir, er hätte ein Mädel kennengelernt und sie sei jetzt irgendwie ‚ein Thema‘ geworden. Wer will eigentlich ‚ein Mädel‘, wenn vor ihm eine Frau sitzt? Ich habe den Geruch des Abschiedes nicht zulassen wollen. An diesem besagten Morgen war ich ausgesprochen gut gelaunt.

„Was ist denn das für eine, dein Mädel? Ist sie cool?“
„Sie ist anders als du, aber … das kam so aus dem Nichts! Ich muss erst mal klarkommen.“ Er wirkte geknickt, traurig.
„Ist es wegen des Rollstuhls?“, fragte ich ihn.
„Nein! Niemals! Aber …“
„Das klingt jetzt wie ‚Ich bin kein Nazi, aber …‘, ist doch albern, bringt doch nichts.“ Mir ist nach Wodka, obwohl wir gerade frühstücken. „Bitte geh. Ich weiß nicht, was wir hier tun.“

Und er ging. Leise, unsicher, aber er ging. Was nützt mir die Liebe in Gedanken? Ich grinse und weiß: Spätestens Weihnachten ist sie weg.

Kumpels und fremde Männer erzählen mir oft, sie wollen endlich eine starke Frau. Eine Frau, die weiß, was und wen sie will. Die keine Angst vor Herausforderungen hat und Dinge anpacken kann, aber auch viel Wert auf die Meinung und Hilfe der anderen legt, mal schwach sein kann. „Eine selbstbewusste, ironische, intelligente Frau – ist es denn so schwer?“ Soweit die Theorie. Wenn aber eine solche Frau vor ihnen sitzt, dann sieht es schon ganz anders aus. Schweißausbrüche sind nichts dagegen.

„Ich will reisen. Ich will Kinder“, ist die meistverwendete Erklärung, die ich von Männern hören, wenn sie gehen.
„Hey, wie passend! Ich liebe Kinder und möchte unbedingt ganz bald einen kleinen süßen Jungen haben. Ach, hast du übrigens gewusst, dass ich neulich in Asien war? Wie kommst du überhaupt drauf, ich wäre dafür nicht zu haben?“
Oops … Die Erklärung wird zur Ausrede.

Seit 27 Jahren habe ich eine Muskelerkrankung, die inzwischen zu mir gehört wie zu anderen der Bart oder die Sommersprossen. Noch vor einigen Jahren habe ich unbewusst damit angefangen, mich für meine Behinderung und den dazugehörigen Rollstuhl zu entschuldigen.
„Ja, ich kann zwar nicht alles auf dem üblichen Weg, aber ich kann trotzdem alles … Ja, ich habe eine Behinderung, aber … nein, nein, das ist nicht so schlimm.“

Hey, weißt du was? Ich finde meinen Körper gut! Und es gibt nicht einmal ansatzweise einen Grund, sich dafür zu schämen.

Im Gegenteil: Mein Hintern ist perfekt, meine eher Füße nicht so. Aber man kann ja auch nicht alles haben!

Anastasia nimmt sich jeden Morgen vor, an diesem Tag mal früher ins Bett zu gehen, und ärgert sich jeden Abend darüber, dass es schon wieder so spät geworden ist. In Hamburg lebend, von der Ferne träumend, ist sie immer auf der Suche nach den kleinen Herausforderungen und verachtet Stufen jeglicher Art. Beruflich hat sie vieles ausprobiert: Klassisch im Büro, gestresste Studentin, und schließlich … Ihren Job sieht sie nicht wirklich als Job, und widmet deshalb sehr viel Liebe und Zeit anderStark und ihrem Designlabel inkluWAS. Sie glaubt, jeder hat das eigene Glück selbst in der Hand, ist aber zu oft mit dem Smartphone beschäftigt. Ihr Lieblingshashtag ist #werkannderkann. Mehr gibt es auf ihrer Webseite.

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Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz! Autorenfoto: Anna-Lena Ehlers

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