Negativitätstheorie

Die Abwärtsspirale ist da. Um ehrlich zu sein, hat sie schon vorher hier gewohnt. Und manchmal, da tut mir ihr Gegenspieler schon etwas leid. Lehnt man sich aus dem Fenster mit der Behauptung, jeder würde ihre Existenz verneinen, viel lieber nach unten, weiter nach unten, immer weiter, erst schauen, dann gucken, Hals verrenken, hinunterstürzen. Natürlich nicht, wer möchte das schon? Wir seien ja nicht lebensmüde.

Sind wir wirklich nicht? Wir tun, was wir nicht wollen. Wir stopfen unsere Sätze mit Füllworten voll, danach reihen wir Konjunktive aneinander, hinter denen es sich dort verstecken lässt, wo man gar nicht erst gefunden werden kann, um am Ende des Tages die Abwärtsspirale in den Arm zu nehmen, um ihr zu lauschen: Ich hab’s dir doch gesagt.

In uns schlummern kleine Krieger, Idealisten, selbst ein paar Gutmenschen sind dabei. Wir haben Vorstellungen und Träume, die selbst nach dreißig Jahren immer noch so grau angemalt sind wie das Novemberfeld, Achtung, wieder einmal frisch gestrichen, man kennt sich, man bleibt sich treu. Wir können uns vorstellen, morgen mit Handgepäck an den Flughafen zu fahren, den letzten Platz nach New York zu ergattern, die Theorie ist einfach und mithilfe von Gin Tonic im Plural schaffen wir es zumindest mal, dass das Augenlid dabei zuckt und wir ratlos vor dem Kleiderschrank stehen. Das war’s dann aber auch, viel zu eifrig haben wir genickt und jetzt tut uns der Nacken weh. Nee, lass’ mal, vielleicht nächstes Jahr oder übernächstes, denn das nächste ist ja schon bald, Planung ist alles!

Es ist so einfach, die Treppe runter zu gehen, da knackt nur manchmal das Knie, und dass es scheiße langweilig ist, fällt zwischen all den flüchtigen Begegnungen gar nicht so oft auf wie befürchtet. Nach oben ist so anstrengend, mannomann. Na ja, kommt drauf an, wer deine Hand hält und wen du nach fünf Stockwerken triffst und ob du dich mal kurz zu ihm setzt. Außerdem gibt’s da noch den Aufzug, der ist zwischendurch erlaubt, den Rest müssen wir schon alleine erledigen und das Schöne ist ja, dass wir nie ankommen werden, also dürfen wir uns Zeit lassen.

Was ich eigentlich damit sagen will, ist, dass die Erfahrungen anderer nicht reichen, um morgens glücklich aufzuwachen, dass Grau prinzipiell eine schöne Farbe ist, aber eben nur manchmal und dass wir alle so privilegiert und faul sind, dass das Glück auf unseren Nasen tanzt und wir es trotz Niesen schaffen, daran vorbeizuschielen. Auch das muss man erst mal können und übrigens können wir alles, was wir können, dafür nutzen, die erste Stufe zu schaffen. Und wenn dann dort jemand sitzt, beispielsweise das Glück (nagelt mich nicht drauf fest), dann könnten wir vielleicht kurz mal tanzen. Weil – was würdest du tun, wenn dir jemand versichern würde, dass Scheitern ausgeschlossen ist?

(Geschrieben in einem grauen Pullover, 15 Zentimeter weniger Haar und Go von Gracie und Rachel im Ohr, Letzteres am meisten zu empfehlen)

Anika schreibt aufgrund einem hauseigenen Überschuss an Gefühlen. Wenn sie nicht ihren Reiseblog pflegt und virtuell streichelt, dann veröffentlicht sie Prosa oder reist um den Globus. Sie wohnt in München, wo sie die Redaktion eines kleinen Online- und Printmagazins leitet. Ihren Debütroman hat sie diesen Sommer fertig geschrieben. 

Headerfoto: Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz!

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