Nachtschatten

Ich sehe dich an jeder Straßenecke. Wieder und wieder streifst du an mir vorbei. Schatten werfen mit deinen Bildern.
Nun rauscht es weiß. Wir standen oft an meinem Fenster, schauten uns nicht an. Ließen unsere Blicke sicher in die Stille hinaus.
Im dritten Stock halte ich inne. Lausche der fremden Melodie. Hier verloren wir den Atem, hier sagtest du immer irgendwas.
Ich sitze auf der Bettkante, lege mein Gesicht in deinen Schal. Dein Bild schaut mich an, ziert das Cover unserer Geschichte.
Draußen ruft der Verrückte: „Wer bist du, der du mich verlassen?“ Ich verstehe ihn nicht, seine Worte zerren an meinen Gedanken.
Dann lege ich mich hin, schließe die Augen, doch sehe dich nicht. Blicke aus dem Fenster, versuche, das Gestrige zu erhaschen.
Stück für Stück ertaste ich mein Zimmer. Hast du nicht mal die E-Saite gezupft? War es die dicke oder vielleicht doch die dünne?
Auf diesem Stuhl hast du gewippt. Mit meiner Lieblingsgabel rumgestochert. Warst in meinem Spiegel. Aber auch dort steckst du nicht mehr.
Ich öffne deinen Nagellack und befreie den roten Duft. Atme tief ein, lasse dich in mich, lasse dich in mir, schlinge deine zarten Finger fest um die meinen.
Dann wache ich auf und sehe dich wieder, an jeder Straßenecke. Ein Windhauch flüstert deine letzten Worte; hier werde ich auf dich warten.

Damian lebt von den Fehlern anderer, er ist Lektor, #Kiezlektor; streift nachts durch die Kieze und legt Rechtschreibsündern das Handwerk. Wenn er es nicht mehr besser weiß, schreibt er, u.a. für das DailyBreadMag und leitet die Übersetzeragentur Native Speaker. Nach 15,5 Jahren Studium „lebenslänglich“ wurde es auch Zeit, endlich auszubüxen.

Headerfoto: Simon Lefebvre (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

Damian 1

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