Nachtfalter

Es sind diese kurzen Tage voller Schnee und Tränen und die langen Nächte ertränkt in billigem Alkohol. Im blauen Dunst selbstgedrehter Zigaretten verfliegen die Erinnerungen und die verbrannte Asche deiner alten Liebesbriefe tropft in roter Glut auf den vereisten Boden. Kaum hörbares Zischen besiegelt das unrühmliche Ende alter Zeiten.

Ich steh auf meinem Balkon und rauche. In dicke Klamotten gehüllt, um überhaupt noch etwas wie Wärme zu spüren. Die zentimeterhohe Schneeschicht kühlt mein Glas, halbvoll mit billigem Fusel (oder heißt es halbleer?). Gegenüber brennen hell erleuchtete Fenster, hinter denen sich irgendwelches Leben abspielt, während hinter mir die Schwärze unzufriedenen Lebens klafft. Eine Mischung verzweifelter Sinnsuche, innerer Aufgabe und Opferung für Job, Familie und Freunde. Und dann tanzt man weiter hinab in die Spirale, in den Teufelskreis all der kleinen Alltagslügen, die man sich immer wieder erzählt. Hier ein freundliches „Guten Morgen“, dort ein gelogenes „Mir geht’s gut“.

Dazu das beschissene Gefühl, innerlich in seiner eigenen grauen Suppe aus Tränen, Selbsthass und Sehnsucht zu ertrinken.

Masken retten uns durch die Tage und abends, in der Einsamkeit kleiner Träume, nimmt man sie ab und sieht all die Tränenflecken auf der Innenseite und spürt all die feinen Narben, die einen zu einem zusammengeflickten Menschenpuzzle machen, dessen Nähte im Dämmerlicht verschwimmen.

Ich werfe die Reste einer Zigarette über die Brüstung, nehme mein Glas und gehe wieder in mein schwarzes Loch. Die Nächte dieser Jahreszeit sind lang und man muss sie länger ertragen. Diese Stille zwischen den letzten Gedanken des Tages und dem Moment des Einschlafens, der in letzter Zeit immer später kommt, oder gar ewig auf sich warten lässt.

Wenig später stampfe ich durch den frisch gefallenen Schnee. Kalte Winterluft zerrt an meinem Gesicht und mit rissigen, trockenen, Lippen rauche ich eine Zigarette nach der anderen. Den Blick gesenkt und die klamm-kalten Gedanken tragend. Irgendwie bin ich zu dem Fluss dieser Stadt gekommen. Im Mond- und Laternenschein windet er sich wie eine glitzernde Schlange durch die Nacht, durch die Stadt.

Auf einer Brücke bleibe ich stehen und schaue auf das Wasser. Eine spiegelnde Unendlichkeit tiefschwarzen Rauschens. Wie viele Träume und Tränen liegen hier wohl begraben? Die Dunkelheit, aufgebrochen durch Laternen und vereinzelte Autoscheinwerfer, gesellt sich wie ein alter Freund zu mir. Schweigsam blicken wir über das Wasser, jeder in Gedanken. Und obwohl Sie alles umspannt, spüre ich Sie neben mir stehen, fast freundschaftlich die Hand auf die Schulter legend.

Ein Nachtfalter landet zwischen meinen Händen, die auf dem Brückengeländer ruhen. Er krabbelt suchend umher, nur um es sich dann zwischen meinen Händen bequem zu machen und mich fragend anzusehen. Ich lächle kurz über das Bild und schaue zurück.

„Gibt es irgendein Licht, an das du glaubst?“, schießt mir der Gedanke durch den Kopf.

Fragend blicke ich den Nachtfalter an, der immer noch in gleicher Position sitzt. Ich versuche zu sprechen und der Nachtfalter zerfällt zu Asche, die vom Wind über den Fluss getragen wird. Das Verglühen eines Lebens für eine wertvolle Frage. Ich zünde mir eine weitere Zigarette an und gehe wieder nach Haus.

Florian Albrecht, *01.01.1990 in Halle an der Saale, begann bereits mit 17 Jahren Gedichte zu schreiben. Er lebt heute in Berlin und arbeitet als Cutter und Technischer Assistent beim Fernsehen. Seine Inspiration zieht er viel aus seiner Lieblingsmusik, die von Johnny Cash und Bob Dylan über Hard Rock bis hin zu vielen Genres des Heavy Metal reichen. Seine Werke veröffentlicht er im Internet und in Anthologien. Als junger Lyriker zog es ihn auch in die Poetry-Slam-Szene. Seine Lyrik ist feingezeichnet und gefühlsbetont, ohne überladen zu wirken. Er selber sagt: „Schreiben ist mein Ventil, um all die trüben und dunklen Gedanken auszudrücken, die mir inne wohnen.“

Headerfoto: Joshua Porter via Creative Commons Lizenz 2.0!

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