Nach sechs Stunden Schluss

„Ich lass es mir durch den Kopf gehen.“ „Ja, lass es dir mal durch den Kopf gehen!“

 

Ich wende mich halb ab, beobachte aber ganz genau wie sie Stufe für Stufe die Treppe zur U-Bahn am Kleistpark hinunterläuft. Zeit verlangsamt sich in jenem Moment und breiig löse ich mich vom Fleck mit emporsteigend amorphen immer konkreter werdenden Gefühlen. Ihr Satz ist ein Satz, der mich noch auf den Rückweg hin begleiten wird. Ein Unsatz!

Ich murmel ihn ungläubig vor mir hin. Er enerviert mich. Und je öfter ich ihn mir durch den Kopf gehen lasse, desto mehr bin ich fast froh über die leidenschaftliche Enttäuschung, die diese kurze, wohl mit jenem Satz abrupt beendete Begegnung in mir auslöst. Nur bleibt natürlich auch die Enttäuschung und sie windet sich in die Luftbläschen und die Herzkammern hinein. Nicht tief, aber ein Gefühl der Kränkung ist auch dabei. Ich kauf mir beim ersten Späti – und dafür muss ich nochmals die Straßenseite zurück wechseln – ein Bier. Ich laufe die mir bekannte, aber nicht in einem solchen Moment vertraute Hauptstraße weiter ins Schöneberg hinein.

Mit der gedrehten, angezündeten Zigarette, dem geöffneten Bier und dem Smartphone in der Linken, versuche ich mich in die OkCupid-App zu koordinieren und zu schauen, inwieweit sich Gesagtes nicht doch noch mit einer Nachricht von Juliane zu relativieren vermag. Da sich dies als zu umständlich erweist, und erhoffte Nachricht bei mir noch nicht eingetroffen ist, beschließe ich erst wieder laufend mit dem Handy zu hantieren, wenn ich zumindest mit meiner Zigarette einen Abschluss gefunden habe. So verstreicht auch die Zeit zwischen dem Jetzt, dem Moment wo sie mir noch nicht geschrieben hat und dem Künftigen, dem Moment wo sie mir dann nun doch noch ein Zeichen des sicheren Bauchgefühls vermittelt haben wird. Ein „Hey, der Abend war sehr schön und natürlich freue ich mich darauf, dich noch einmal zu sehen. Wie wäre es Morgen zum Flohmarkt?“ hätte in mir aufkommende Fragezeichen in hoffnungsfrohe Schmetterlinge verwandelt.

Das Date war ein wenig so, wie ich es erwartete. Fast. Sie: etwas strukturierter, steifer, sattelfester im Leben als ich. Die 40 Minuten Verspätung ihrerseits: geschenkt und dabei die Hand gedanklich andeutungsweise über die Schulter werfend. Etwas langweilig, dachte ich, würde es werden und tendenziell mag dies auch der Fall gewesen sein. Doch etwas sah ich auch in ihr, bei dem ich dacht‘, dass genau das es wär‘, was ich nun bräucht‘. Und in der Tat könnt‘ ich auch nun schon jetzt, nach einem mehrstündigen Date, aufzählen, was an ihr mir so gefiel.

Nicht die Kontraste nur, die Ruhe und Klarheit, die aus meiner Perspektive mehr Sein als Schein zu sein scheinen, die Hingabe im Gespräch, die Seriosität und Aufmerksamkeit, die in ihrem Maß etwas Affektiertes an sich haben – dieser Gedanke entspringt vor allem retrospektiv aus dem Unsatz heraus –, die imaginierte Verbundenheit, die sich entwickelt aus der geteilten kindlichen Leidenschaft für Mila Superstar, dem ersten Konzertbesuch (beiderfalls Kelly Family) und der anekdotenhaften Erzählung gemeinsamer Erlebnisse ihrer Freundin Linda gegenüber, die uns irgendwann begleitete. Letzteres versprühte gar so was wie ein Beziehungsgefühl, spüre ich die Hand mein Knie lakonisch und vertraut berührend, darum wissend, die Erfahrung für sich zu schätzen im Augenblick als sie zu erzählen versucht wird. Und schön war sie und schöner sie wurde, je länger der Abend, umso mehr vertiefte ich mich in ihre Linien, die langen braunen Haare unter denen sich zwei, drei graue sympathisch drunter mischten, ihr breites Lachen und die blauen, sinnlichen Augen, die ich mir schon in vertrauteren Momente vorzustellen begann.

Ich stelle mein Astra Pils in eine für Blicke ungreifbare Ecke und hole mir, fast zu Hause angekommen, ein weiteres im Gange meiner nächstfolgenden Schritte. Zumindest dies Bier soll mir mein Begleiter sein in diesem Abend. Das Licht, so erkenne ich vom Gehweg, ist aus, also schlafende Körper in den Zimmern meiner Mitbewohner. Und murmelnd störe ich mich an der Tatsache, nicht mal Nummern ausgetauscht zu haben. Also wozu denn nur die Zeit zusammen, um sich dann doch nur alles „durch den Kopf gehen“ zu lassen? Etwas lacht mich aus. Albern fühl‘ ich mich. Getäuscht. Nicht so sehr von ihr, als vom Lauf der Dinge. Nur gesehen hätt‘ ich sie gern noch einmal, zumindest lief für mich alles darauf hinaus, wenn es ein langsames und schönes Näherkommen hätte geben sollen. Und so trennten sich die Körper, so wie sich schon ungewusst die Geister trennten. Die Signale, die ich zu deuten dachte, sind gehäutet vom Wunschgebaren und darunter verbirgt sich nichts. Nur Missverständnis bäumt sich in mir auf.

Martin wurde in den 80ern geboren in einem Land, das es nicht mehr gibt, dafür lebend in Berlin. Er ist passionierter Dérivist durch städtische Landschaften, eigene Alltage und fremde Gefühle. Den Studentenstatus überwand er mit seiner Abschlussarbeit zum Thema Online-Dating.

 

Headerfoto: Alexander Oramas via Creative Commons Lizenz!

Autorenbild_ImGegenteil

1 Comment

  • Nadin sagt:

    Was für ein schöner Text, wahrlich poetisch! Und was für ein schöner Mann dazu, dem Profilfoto zu urteilen.

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