Muscle Beach – Ich trainiere, also bin ich

Die Geschichte vom Muscle Beach, dem legendärsten Open-Air-Fitnessstudio der Welt, beginnt in den 1930er Jahren in Santa Monica, Los Angeles. Der Strandabschnitt, an dem Arnold Schwarzenegger in den 70er Jahren einen regelrechten Fitnessboom auslöste, ist nach wie vor legendär. Fotograf Florian Büttner fängt den Mythos des Muscle Beach in atemberaubenden Bildern ein und begleitet Jerry, ein Urgestein dieses Kult-Ortes, in seinem Alltag.

Who is Jerry? Jerry Gerling ist ein 73-jähriger Bodybuilder mit langem weißblondem Haar, der seit seinem 14ten Lebensjahr mit Gewichten trainiert und den ursprünglichen Geist des Muscle Beach bewahren möchte. Von seiner Wohnung ist es nicht weit zum Trainingsplatz und er kommt noch immer jeden Tag hierher. Normaler Arbeit ist Jerry in seinem Leben kaum nachgegangen. Mal war er Kellner, mal Nachtwächter oder Hausmeister. Kurze Zeit leitete er auch sein eigenes Fitnessstudio. Das war allerdings nicht das Richtige für ihn – er wollte lieber selber Muckis aufbauen, als Andere beim Training zu begleiten. Jerrys Lifestyle bringt nur eine kleine Rente mit sich, er lebt aber ganz gut von seinem familiären Erbe. Puh. Er braucht nicht viel zum Glücklichsein.

Das Einzige, was ich je wollte, war in der Sonne zu trainieren.

Aufgewachsen ist Jerry in Dayton, Ohio. Vor seiner Zeit als Bodybuilder versuchte er sich kurz als Boxer, merkte aber schnell, dass er dafür, genau wie fürs College, nicht gut genug war. Also ging es weiter mit den Gewichten. Das Posen schaute er sich aus Zeitschriften ab. Er liebte seinen Körper und was er daraus machen konnte.

Bodybuilder, die sagen, sie seien nicht eitel, sind schamlose Lügner. Natürlich will ich angeschaut und bewundert werden. Dafür lebt ein Mensch doch.

Jerry und all die anderen Bodybuilder am Muscle Beach betreiben einen Sport, bei dem es nicht um Rekorde geht, sondern darum, sich der Welt zu zeigen. Hier geht es um Menschen mit perfekt geformten Körpern im Wettbewerb. Einer makelloser als der Andere – im Sinne des Bodybuildings. Wenig Fett und möglichst viel Muskelmasse. Motto: Ich trainiere und pose, also bin ich. Das geht nirgends so gut wie in Los Angeles, der Hauptstadt des Sehens und Gesehen-Werdens. Und des Bodybuildings. Von den hunderttausenden Besuchern der Strandpromenade bekommen die Trainierenden die Aufmerksamkeit, die sie brauchen, um weiterzumachen. Interessierte Faszination, Abscheu und Bewunderung liegen dabei unter den Schaulustigen nah beieinander.

Jerry steht übrigens für sauberes Training. Er beteuert, dass sein Körper immer natürlich gewesen sei. Natürlich heißt: er hat nie Anabolika gespritzt.

Ein Körper muss ehrlich sein. Die Muskeln musst du dir verdienen, erarbeiten. Spritzen ist unmännlich.

Spätestens in den 80er Jahren hatte Jerry fast nur noch Mitstreiter, die aufgespritzt waren wie Donuts. Er wurde zum Auslaufmodell. Doch er bleibt dabei – denn in seinen Augen darf Bodybuilding nicht nur für Doping und Angeberei stehen. Der 62-Jährige O. Turner und die 78-Jährige Jackie Lee sind seine Mitstreiter am Muscle Beach – von der Sonne gegerbte Lederhaut, zähe Muskeln, ungedopt – Urgesteine des Bodybuildings.

Es mag sein, dass ich als Vater eine Fehlbesetzung war. Und als Partner auch. Und als Unternehmer. Aber ich habe mein Ding gemacht. Mein Ding ist es, meinen Körper zu formen, mit allen Mitteln, die mir die Natur eröffnet. Ihr könnt über mich spotten. Ihr könnt mir den Respekt versagen. Trotzdem stecke ich euch alle in die Tasche. Immer noch.

Florian, warum war dieses fotografische Thema besonders reizvoll für dich? Was hat dich speziell an Jerry besonders fasziniert?

Fakt ist, es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, die sich lieber fotografieren lassen als Bodybuilder – sehr dankbare Aufgabe. Auch Jerry hatte von Anfang an Bock. Er hat schon damals mit Arnold Schwarzenegger zusammen am Muscle Beach trainiert – und ist bis heute geblieben. Komischerweise ist er stark genug dort zu trainieren, kriegt aber vom Sozialamt eine Haushälterin gestellt, die für ihn kocht. Das ist schon paradox.

Wie stehst du zu Bodybuilding und dem damit verbundenen Lebensstil?

Ach, ich habe dazu keine besondere Einstellung  – es ist eher interessierte Faszination. Menschen die ihren Körper gleichzeitig quälen, dopen und gesund halten, ihn unglaublich pflegen, um ihm dann vor einem Wettbewerb Wasser und Nahrung zu entziehen, um auch noch die letzten Muskeln sichtbar zu machen. Sie sehen sich selbst als herumlaufende Skulptur, die sie nach Belieben formen können. Hat eine kranke Seite definitiv und auch eine, die auf eine weirde Art Bewunderung hervorruft. Die Posen, das Einschmieren und die Outfits sind teilweise schon etwas lächerlich. Aber die Disziplin, mit der sie das betreiben – krass! Das ringt jemandem wie mir, der sich viermal die Woche zwanzig Liegestützen und mal ne Runde Fussball abringt, schon Respekt ab.

Florian Büttner wurde 1980 in Bielefeld geboren. Nach dem Abi fing er an durch Asien zu reisen und wollte unbedingt einen Job, der es ihm erlaubte, die Welt zu sehen. Also beschloss er Fotograf zu werden. Sein Diplomthema war ein Fotobuch über die Ausbeutung der Gastarbeiter in Dubai. Seit 2008 arbeitet Florian als freier Fotograf von Berlin aus.

Er hat für diverse nationale und internationale Magazine gearbeitet. Seine Arbeit wurde u.a. in GEO, Stern, Spiegel, Süddeutsche Zeitung Magazin, Zeit-Magazin und der Washington Post veröffentlicht. Florian Büttner wurde zweimal für die World Press Photo – Joop Swart Masterclass nominiert und hat jeweils den zweiten Preis bei „prix de la photographie de Paris“, den „focus awards“ und den „social doucmentary awards“ gewonnen. Auch wenn inzwischen leider klar geworden ist, dass er als Fotograf ca. 70% seiner Zeit vor dem Bildschirm verbringt, hat Florian es dennoch geschafft jeden Kontinent zu besuchen und würde an seiner Berufswahl nichts ändern. Die außergewöhnlichen fotografischen Arbeiten findet ihr auf seiner Website und Facebook.

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