Momente der Klarheit

Bock auf Lesen | Jackie Thomae „Momente der Klarheit“

Nach eurem letzten großen Streit– ihr seid mittlerweile so laut, dass die Nachbarn die Polizei rufen, ihr werdet nicht handgreiflich, ihr brüllt nur und werft mit Dingen, was sich gefährlicher anhört, als es ist– legt sie ihre Füße in deinen Schoß und fragte: Sollen wir es lassen?

Auf den Punkt gebracht:

Ein paar liebestraurige, aber auch urkomische Großstadtgeschichten über den schlimmsten aller Augenblicke: Es ist aus, Ende, finito, basta! Jackie Thomae macht Schluss und seziert den modernen Menschen von heute mit all seinen Verwirrungen rund um die Liebe.

Wer soll es lesen:

Die ewigen Verlassenen, talentierte Schlussmacher, Großstädter, Pauschalreiser, On-Off-Beziehungsexperten, Lottogewinner, die, die leider verheiratet sind, Single-Mütter, Ghosting-Opfer und Leute mit beschissenem Liebeskummer.

Ist geil, weil:

„Bitte verlass mich nicht!“ Wer diesen Satz schon mal über die Lippen bekommen hat, ist hier genau an der richtigen Lesestelle. Wer den Satz schon mal gehört hat, eigentlich auch. In Jackie Thomaes Erzählband „Momente der Klarheit“ folgt eine Trennungsgeschichte auf die nächste. Es gibt da den Bender, der nach 10 Jahren Beziehung auf einer Party erkennt, dass die Zeit seine Freundin Doro eingeholt hat und er eigentlich nur noch weg will. „Bender sieht jemanden, dem er einst nahe war und nun nicht mehr“, heißt es in seinem Moment der Klarheit, welcher selbst für ihn so schwer zu ertragen ist, dass „er sich am liebsten Augen und Ohren gleichzeitig zuhalten möchte.“ Und es gibt Doro, die dann später von Benders Anwalt erfahren wird, dass sie wieder für den Single-Markt freigegeben ist. Mit viel Stil, Gefühl und jeder Menge Humor blickt Thomae auf ein paar gebeutelte Großstadtgestalten, die es zwar zu etwas gebracht haben, doch hinter den kultiviert-wohlsituierten Kulissen ordentlich die Dämonen fauchen lassen. Wir haben uns mit der Autorin getroffen und über ihr Buch, Trennungen und angekratzte Egos gesprochen.

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Dein Roman „Momente der Klarheit“ hat mir oft ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert – vor allem an den tieftraurigen Stellen. Ist das nicht irgendwie eigenartig?

Ich freue mich sehr, wenn es so ist, denn das ist es, was ich wollte. Für mich geht das Komödiantische immer einher mit einer Tragödie. Bei den Leuten in meinem Buch ist es ein bisschen so, dass sie sich in diesen absurden Situationen befinden, sie dir mitunter wahnsinnig leidtun, dass, wenn du sie aber später betrachtest, dir auffällt, wie bescheuert eigentlich das eine oder andere Leiden ist. Ich wollte etwas Groteskes schreiben, das weder auf das Komische noch auf das Tragische verzichten sollte.

Alle Figuren in deinem Buch haben diesen Moment, in dem sie realisieren, dass es mit der Liebe vorbei ist. Den Moment der Klarheit. Wie hast du diese Geschichten entwickelt?

Nachdem ich zwei Sachbücher geschrieben hatte, wollte ich mal etwas Neues probieren und mich an Prosa versuchen. Ich hatte eine Vorstellung und habe mich sozusagen für ein Grundthema entschieden. Ich habe am Anfang ganz viele Ideen gesammelt und mir eine Art Leitfaden gebastelt, damit ich mich nicht zwangsläufig dem Risiko aussetze, mich zu verrennen. Trennungen kennt jeder. Es ist emotional und menschlich. Klar spiegeln die Geschichten unseren Zeitgeist wider, aber an sich ist das Thema ganz unabhängig von seiner Zeit. Verlassenwerden spricht in uns so eine absolute Ur-Angst an.

Besteht nicht das Glück in seiner Wirksamkeit darin, dass wir uns geliebt fühlen?

Absolut. Und diese Zurückweisung trifft mitunter das Ego ganz schön hart. Ganz egal, was der andere zu dir sagt. Ob das Phrasen sind wie, „es hat nichts mit dir zu tun“ oder auch umgekehrt sich gut zu reden „dann suche ich eben jemanden, der auf mich steht“ ist dabei eigentlich egal. Das hat zwar alles einen pragmatischen Ansatz, aber das Gefühl „ich bin nicht gut genug für jemanden, ich reiche hier an dieser Stelle nicht aus“, das bleibt und das ist schrecklich.

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Der Klassiker „ich bin mal schnell Kippen holen“, kommt auch darin vor. Es gibt jetzt so eine Art Fachbegriff dafür. Ghosting. Wie praktikabel ist das für eine Trennung?

Interessant, dass dieser Begriff gerade so durch die Medien geht.

Klar, Sean Penn wurde von Charlize Theron so abserviert. 

Alleingelassenwerden ohne Abschiede ist etwas, womit sich viele Menschen schwer tun und das teilweise etwas sehr Traumatisches in sich birgt. Es ist wirklich die Härte, wenn der eine geht, ohne etwas zu sagen und der andere sich das alles nur zusammenreimen muss. Im Fall von Bender und Doro habe ich mir aber beide Perspektiven angeschaut. Und obwohl Doro darunter leidet, ist Bender an einer Stelle, wo nichts mehr zu sagen ist, weil er schon vorher gelitten hat. Wir haben natürlich auch eine unglaubliche Angst davor, jemandem zu sagen, dass dieser unerträglich für einen geworden ist. So oder so wird dieser Mensch verletzt.

Ist es schwierig, zwei Perspektiven zu beleuchten, zumal es hier um einen Mann und eine Frau geht?

Nein, ich muss sagen, es war sehr wohltuend, weil ich nicht als moralische Instanz urteilen wollte. Wenn man sich Bender genauer anschaut, ist er eigentlich ein Mann, dem Dinge einfach passieren. Solange da niemand ist, der wirklich mit böser Absicht jemandem wehtun möchte, sind das alles ganz gewöhnliche zwischenmenschliche Konflikte, die sich da zutragen, fernab jedes Daily Soap-Gedankens. Gehandelt wird nicht wegen einer Intrige, sondern aus einer gewissen Hilflosigkeit heraus. Jeder Mensch agiert nun mal so, wie es für ihn am besten ist. Das ist ein sehr natürliches Bedürfnis. Wir wollen, dass es uns gut geht und dafür tun wir auch die unterschiedlichsten Dinge. Und manchmal eben zu Ungunsten eines anderen.

Warum ist unsere Gesellschaft so stark auf Paarbeziehungen fokussiert?

Es gibt immer mal wieder das Aufblitzen einer Idee, man könnte es auch anders machen. Seit den 70er Jahren versuchen Leute dieses Paarmodell als konservativ abzulegen, man kriegt es nicht so gut hin, weil irgendetwas da eben doch dran sein muss. Heutzutage müssen sich Leute ständig rechtfertigen, wenn sie Single sind, warum sie Single sind. Es gibt nur sehr wenige Paare, die ein gutes Vorbild für eine offene Beziehung liefern. Interessant, dass sich gerade jetzt wieder mehr und mehr Menschen zu diesem klassischen Bild von der Liebe hingezogen fühlen. Nichts ist gefragter als eine funktionierende Beziehung. Und alle stellen sich die Frage, wie mache ich das?

Hast du da eine Antwort darauf?

Überhaupt nicht! Und die Leute in meinem Buch erst recht nicht. Die sind auf vielen Ebenen erfolgreich, aber nicht in der Liebe. Das ist eben nichts, was du mit Intelligenz oder viel Leistung meistern kannst. Um es mal so auszudrücken: Die Liebe ist etwas Magisches. Deshalb wird dieses Thema niemals überholt sein und noch viele andere Generationen beschäftigen. Manche kriegen es hin und andere wirken nur nach außen perfekt, scheitern in ihrem Glück aber genau daran.

Glaubst du, man kann sich von einer Trennung trotzdem gut erholen ohne langfristige Schäden davonzutragen?

(Lacht.) Absolut! Nichts trifft dich so hart wie ein Nein von jemandem, dem du dein Interesse bekundet hast, aber ich glaube ganz fest daran, dass man sich auch wieder erholen kann. Besonders schlimm ist es ja für Menschen, denen der Liebeskummer zum ersten Mal widerfährt und sie nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn der Schmerz vorbeigeht. Später im Leben hat man eben diese Erkenntnis, dass man, wenn man das eine überlebt, das andere auch schafft. Manchmal ist die Erfahrung, wenn du jemanden nach langer Zeit wiedersiehst und dich fragst, was hat mich da eigentlich geritten, die beste aller Erkenntnisse. Und ganz ehrlich, auch wenn das viele nicht gerne hören, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die beste Heilung der oder die Nächste ist!

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Nur mal so:

Wer so gut schreibt, der darf natürlich auch lesen. Die aktuellen Termine für Jackies Lesetour findet ihr hier.

Jackie Thomae „Momente der Klarheit“, erschienen bei Hanser Berlin für 19,90 Euro (auch erhältlich als E-Book für 15,99 Euro). 

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