Mit AfD-Wähler*Innen schlafen – darf man das?

Es gibt immer mal wieder Momente, in denen ich begreife, dass ich in einer Blase lebe. Einer behüteten Blase, aus der ich das Leben mit einer gewissen Naivität betrachte, die voraussetzt, dass die meisten Menschen denen ähneln, mit denen ich mich umgebe. Mit ihren Ansichten, Haltungen und Wertvorstellungen. Es ist ein naiver Gedanke, ich weiß, und es kann sehr ernüchternd sein, wenn diese Naivität gebrochen wird. Am ernüchterndsten ist es allerdings, wenn es in sehr menschlichen Augenblicken geschieht, den ganz sensiblen Momenten – zum Beispiel bei einem Date. Mein Bekannter Andreas hat diese tragische Erfahrung selbst machen müssen.

Es gibt ja diese Regeln, welche Themen man bei einem ersten Date lieber aussparen sollte. Krankheiten oder die letzte unglückliche Liebe gehören dazu. Und natürlich Politik. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen sich ein Riss durch die Gesellschaft zieht, in denen unterschiedliche politische Auffassungen Bekannte, Freunde und selbst Familien entzweien können.

Wir wissen natürlich, dass Attraktivität nur der erste oberflächliche Auslöser ist, der unser Interesse an einer Person weckt. Aber ein festes Fundament für eine anhaltende Beziehung bildet sich aus den Gemeinsamkeiten. Aus der richtigen Chemie, gemeinsamen Themen und – das ist wohl am wichtigsten – einem geteilten Trauma, denn nichts schweißt so sehr zusammen wie ähnliche negative Erfahrungen im Leben. Andreas‘ Problem war nur, dass die Frau, mit der er sich traf, sich eher selbst zu einem Trauma entwickelte. Sagen wir so, der Abend begann wie ein klassisches Date unserer Zeit, bevor er in ein drastisches Horror-Date-Szenario kippte.

Es war ein Abend Anfang Januar und die Frau, die Andreas gegenübersaß, war wunderschön. Aber ihre Schönheit half nicht.

Es war ein Abend Anfang Januar und die Frau, die Andreas gegenübersaß, war wunderschön. Aber ihre Schönheit half nicht. Es war ihr erstes und Andreas’ drittes Date in dem noch jungen Jahr. Die Treffen mit den Frauen der vergangenen Wochen waren Dates gewesen, bei denen schon in den ersten zehn Minuten klar gewesen war, dass es zu keinem zweiten kommen würde. Und auch das Date mit dieser Frau, die ihm gerade gegenübersaß, fügte sich nahtlos in das Muster.

Sie hieß Louise, und die zehn Minuten, die über eine mögliche Perspektive mit ihr entschieden, waren seit einer halben Stunde vorbei. Andreas’ Blick ruhte auf ihrem Handy, das auf dem Tisch lag, seitdem sie sich gesetzt hatten. Seit einer Dreiviertelstunde leuchtete das Display in unregelmäßigen Abständen auf und unterbrach ihr Gespräch, weil es Louise offenbar sehr wichtig war, umgehend zu erfahren, wer ihr geschrieben, wer ihre Fotos kommentiert oder etwas in einer ihrer WhatsApp-Gruppen gepostet hatte.

Offenbar hatte sie die Push-Mitteilungen für jede Eventualität aller Apps freigegeben. Es war penetrant, auch weil jedes Aufleuchten des Geräts von den unterschiedlichsten Geräuschen begleitet wurde. Louise schien sich nicht bewusst zu sein, dass ihr Handy auch die Lautlos-Funktion besaß. Oder sie war darüber hinaus. Das waren die ersten fehlenden Gemeinsamkeiten.

Andreas musste an einen Artikel denken, den er vor einiger Zeit gelesen hatte, in dem es um ein Experiment ging, das in einer amerikanischen Universität durchgeführt worden war. Personen wurden in einen leeren Raum gesetzt, in dem sich ein Stuhl vor einem Tisch befand, auf dem ein Gerät installiert war, mit dem man sich selbst Elektroschocks geben konnte. Die Probanden hatten die eigentlich ziemlich einfache Aufgabe, fünfzehn Minuten lang ruhig in diesem Raum zu sitzen, eine Viertelstunde lang mit sich allein zu sein. Aber sie hielten die Stille nicht aus. Sie hielten es nicht aus, mit ihren eigenen Gedanken allein zu sein. Um sich abzulenken, begannen sie tatsächlich, sich Stromstöße zu verabreichen. Wie Louise schienen sie darüber hinaus zu sein, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu können – oder zu wollen.

Andreas stellte sich Louise in dieser Versuchsanordnung vor, die wahrscheinlich nach fünf Minuten ernstzunehmende Suizidgedanken entwickelt hätte. Ihr Zustand war schließlich schon fortgeschrittener, denn jetzt war sie ja nicht einmal allein. Sie hatte ein Date mit ihm. Trotzdem fielen ihre Seitenblicke pausenlos auf ihr Handy. Seine Gesellschaft reichte offensichtlich nicht aus, um ihr das Gefühl von Lebendigkeit zu geben, dachte er. Er war sich nur nicht sicher, ob das gegen ihn oder sie sprach.

Dann erzählte Louise, dass ihr Vater Abgeordneter der AfD war.

Dann erzählte Louise, dass ihr Vater Abgeordneter der AfD war.

„Wie bitte?“, dachte er und sah sie direkt an.
„Du muss dir unbedingt mal das Programm durchlesen“, sagte sie. „Da stehen echt vernünftige Sachen drin.“

Er sah sie wortlos an. Er wusste gar nicht, wie er darauf reagieren sollte, die Information überforderte ihn. Er nahm an, es wäre Ironie, eine Art schimmliger Humor, wenn man so wollte. Aber es war ihre Realität. „Na ja“, sagte er skeptisch.

Er hatte ja schon Probleme mit Frauen, die ihm erzählten, dass sie CDU wählten, aber das hier war schlimmer. Er hatte sich noch nie mit einer AfD-Sympathisantin getroffen. Menschen wie sie kannte er nur aus dem Fernsehen, sie kamen in seinem Leben nicht vor. Die Floskel „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ hatte inzwischen einen bitteren, unangenehmen Beigeschmack. Es war wie eine Epidemie, die sich außerhalb der Blase, in der er lebte, ausbreitete und jetzt begann, ihn zu erreichen.

„Man darf nicht mehr zwischen rechts und links unterscheiden“, sagte Louise. „Darüber sind wir doch inzwischen hinaus.“

Sie sprach von „hemmungslosester Geschichtsverfälschung“ und von der „Lügenpresse“, ein Begriff, den schon die Nazis verwendet hatten, und der von der NPD bereits in den Neunzigern aufgegriffen wurde. Zwei Tatsachen, die viele vergessen zu haben schienen. Er war kurz davor, sich mit diesem Gedanken in die Unterhaltung einzubringen, allerdings würde er noch einige Gläser Rotwein trinken müssen, um von dieser Klippe zu springen.

In ihrer Gegenwart würde er nie eine Erektion bekommen.

Louise reden zu hören war, als würde man mit dem Finger durch eine mit Staub bedeckte Fettschicht gleiten, die sich in einer unsauberen Küche gebildet hatte, dachte er. In ihrer Gegenwart würde er nie eine Erektion bekommen. So gesehen war der einzige Antrieb, den Abend weiterhin zu ertragen, ausgehebelt.

Während sie sprach, versuchte er einige Male, etwas einzuwenden. Er setzte immer wieder an, ohne einen Punkt zu finden, an dem er einhaken konnte, was daran lag, dass ihre Argumentation innerhalb ihrer verzerrten Logik so schlüssig war, dass man keinen Anhaltspunkt fand, um sie aufzubrechen. Ein geschlossenes System, das sich gewissermaßen selbst schützte, indem man an ihm abglitt. Es hatte keinen Sinn, sich auf ihre Gedankenwelt einzulassen.

Die Menschen wurden immer dümmer, dachte er, während Louise immer weiter redete. Er sah sie mit dem Gefühl an, ihr Aussehen, ihr Name und ihre Ansichten wären falsch zusammengesetzt worden. Er sollte sich nicht mehr mit Models treffen, dachte er hilflos. Sie hatten oft Anschauungen, die ihre Attraktivität aufhoben, und waren meistens scheiße im Bett. Es hatte genau zwei Frauen gegeben, die ihm beim Sex eindringlich ins Ohr geflüstert hatten, dass er nun endlich kommen sollte. Eine Aufforderung, an der seine Erregung zerbrach. Beide waren Models gewesen. Genauso wie Louise.

Sein Blick fiel auf die Halbliter-Karaffe Rotwein, die zwischen ihnen stand. Sie war noch fast voll. Wenn er sich beeilte, wäre sie in zehn, spätestens fünfzehn Minuten geleert.

Als er zwölf Minuten später die Rechnung bestellte, fragte die Kellnerin: „Zusammen oder getrennt?“

„Getrennt“, sagte er schnell, obwohl die Frage rhetorisch klang. Beide Frauen sahen ihn irritiert an.

„Ich komm gleich noch mal wieder, ja“, sagte die Kellnerin mit bedeutungsschwangerem Blick und sah ihn an, als wäre er hier der Arsch.

„Ich hab gar kein Geld dabei“, sagte Louise, als die Kellnerin verschwunden war.

„Wie bitte?“

„Ich finde, bei einem Date sollte immer der Mann zahlen“, sagte Louise entschieden. „Da bin ich konservativ.“

„Ja, bei einem Date“, sagte er entschieden. „Aber das hier war kein Date.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, warf er verächtlich einen Fünfzig-Euro-Schein auf den Tisch und verließ das Restaurant, ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Regen hatte nachgelassen, als die Tür des Restaurants, das den schlichten Namen Lokal trug, hinter Andreas ins Schloss fiel. Die Linienstraße lag im Licht der dem Stil der Jahrhundertwende nachempfundenen Straßenlaternen. Das Straßenstück sah aus, wie die Stadt früher einmal ausgesehen haben musste, wie ein Berlin, das man nur von alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen kannte.

Vielleicht hätte er Louise sagen sollen, dass die Nazis und der schreckliche Krieg, den sie letztlich über das Land gebracht hatten, der Grund dafür waren, dass Berlin inzwischen so entstellt war, dachte er. Dass sie es zu einer Stadt gemacht hatten, in der es nicht mehr möglich war, zehn Minuten eine Straße entlangzugehen, in der man nur Altbauten sah. Vielleicht hätten ästhetische Argumente bei ihr gegriffen, sie war schließlich Model, aber er war sich ziemlich sicher, dass es keinen Sinn gehabt hätte.

Vielleicht hätten ästhetische Argumente bei ihr gegriffen, sie war schließlich Model.

„Gott“, sagte ich unangenehm berührt, als Andreas seine Erzählung beendet hatte.

„Und Louise sieht sich natürlich auch nicht als Nazi“, erwiderte Andreas mit einer besonderen Betonung. „Sie hat sich als ‚rechts-liberal‘ bezeichnet, was immer sie damit auch sagen wollte.“

„Stimmt“, sagte ich. „Die Begriffe ‚rechts‘ und ‚liberal‘ schließen sich ja genaugenommen gegenseitig aus.“

„Ich find das alles so unangenehm, und seitdem die AfD im Bundestag sitzt, sitzen die auch ständig in irgendwelchen Talk-Shows. Die sind gerade dabei, salonfähig zu werden. Und das ist die größte Gefahr. Man darf sich gar nicht mit solchen Leuten auseinandersetzen. Man muss sie ignorieren, oder bekämpfen. Wenn man versucht sie zu verstehen, öffnet man schon eine Tür, die sich schwer wieder verschließen lässt.“

„So sind die Nazi damals ja auch an die Macht gekommen“, sagte ich. „Das hat doch Goebbels mal irgendwann gesagt. Der Fehler der Demokraten war es doch, dass sie versucht haben, mit ihnen umzugehen. Hätten sie sie bekämpft, wäre es nie so weit gekommen.“

„Das hat Goebbels gesagt?“, lachte Andreas. „Na, der musste es ja wissen.“ Er schüttelte sich. „Da spür ich gleich wieder den Ekel, den ich bei dem Date hatte. Obwohl, ganz ehrlich: Einen kurzen Moment lang hab ich dann doch noch überlegt, ob es mich erregen würde, eine Faschistenschlampe zu ficken, die Faszination des Bösen zu spüren, oder des Dummen. Beides könnte sogar reizvoll sein.“

Er machte eine Kunstpause, bevor er bitter hinzufügte: „Ich hätte nur ein Kondom benutzen müssen.“

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Headerfoto: Blonde Frau auf Sofa via Shutterstock.com! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

Michael Nast, geboren 1975, landete mit "Generation Beziehungsunfähig" den Bestseller des Jahres 2016. Mit seiner außergewöhnlichen Beobachtungsgabe ergründet er Situationen und Tatsachen wie kein anderer. Nach einer abgebrochenen Buchhandelslehre gründete er zwei Plattenlabels und arbeitete für verschiedene Werbeagenturen. Heute lebt und arbeitet er in Berlin als freier Autor und Kolumnist.