#MeToo: Auch mir sind Dinge passiert, die nicht okay waren

Es gibt Momente im Leben eines Menschen, in denen einem etwas fundamental klar wird. Man könnte sie „Wasserglas-Momente“ nennen, weil einem jemand ein Glas Wasser ins Gesicht schüttet und man mal aufwacht und merkt, dass hier grade was falsch läuft. Oder man nennt sie „Weihnachtsmann-Momente“, denn einem wird gnadenlos klar, dass es den Weihnachtsmann offenbar überhaupt gar nicht gibt, sondern nur Eltern, die den Wunschzettel lesen und die Geschenke bringen. Von diesen Momenten hat man auf wirklich existenzieller Ebene im ganzen Leben nur wenige. Ich hatte in diesen Tagen einen. Mir wurde klar: #MeToo.

Man könnte sie „Wasserglas-Momente“ nennen, weil einem jemand ein Glas Wasser ins Gesicht schüttet und man mal aufwacht und merkt, dass hier grade was falsch läuft.

Seit nunmehr ungefähr acht Jahren, die ich auf dieser Erde verbringe, beschäftige ich mich aktiv mit Männern. Oder weniger gestochen ausgedrückt: Ich date, habe Beziehungen, habe undefinierbare Dinge, die keine Beziehungen sind, habe Sex, wundere mich, ärgere mich, bin verletzt oder freue mich – alles in Bezug auf und in direkter Verbindung zu Männern. Ich mag Männer, ungefähr die Hälfte meines engen platonischen Freundeskreises besteht aus ihnen. Ich denke nicht, dass Männer Arschlöcher sind.

Die gerade stattfindende Diskussion und Bewegung zum Thema Sexismus und sexuelle Übergriffe hat mich durch mehrere Phasen des anfänglich wenigen Interesses, dann des Ärgers über meine eigene Ignoranz, der differenzierten Auseinandersetzung und schließlich des Jetzt, der Identifikation mit einigen dieser Frauen geführt. Mir ist das nämlich auch passiert.

Konkret geht es um Situationen, in denen ich Sex mit Männern hatte, mit denen ich eigentlich keinen Sex haben wollte. Situationen, in denen ich „Nein“ gesagt habe, aber vielleicht nicht laut genug oder nicht oft genug oder nicht körperlich wehrhaft genug. Situationen, in denen ich dachte: „Lass‘ es halt über Dich ergehen.“ Oder: „Er wird dich schon nicht umbringen.“ Oder: „Du willst jetzt nicht die Spielverderberin sein, also lass‘ ihn halt.“ Oder einfach: „Ich will das gerade nicht und Du tust mir weh.“

Man verstehe mich nicht falsch: Ich glaube nicht, dass das unter Vergewaltigung fällt. Aber bisher dachte ich, das sei halt manchmal so, dass Männer mehr wollen als Frauen, dass man sich eben als Frau manchmal fügen muss, dass das „normal“ sei. Wenn ich mir jetzt gerade beim Tippen zusehe und die Worte in meinem Kopf mitdenke, wird mir schlecht. Mir wird schlecht vor mir selbst, weil ich die letzten Jahre nicht begriffen habe, dass das alles aber nicht „normal“ und nicht „okay“ war.

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dem Mann etwas schuldig zu sein, beispielsweise, wenn er Drinks und Taxi bezahlt hat.

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dem Mann etwas schuldig zu sein, beispielsweise, wenn er Drinks und Taxi bezahlt hat. Oder wenn man sich schon zum dritten Mal trifft. Oder wenn ich mit ihm geflirtet und getanzt habe. Ich hatte das Gefühl „bis zum Schluss“ gehen zu müssen – auch wenn in mir drin alles geschrien hat, dass ich das nicht will.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich klar gesagt habe: „Ich will nicht mit Dir schlafen, ich will jetzt lieber alleine nach Hause.“ In der ich zur Antwort bekam, ich solle mich mal nicht so anstellen – und es dann über mich ergehen ließ.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mich zu einem Wochenend-Trip mit einem Bekannten in einer Stadt verabredet hatte. Für ihn war die Stadt völlig nebensächlich, ich kam an und es gab entgegen der Vereinbarung nur ein Hotelzimmer mit nur einem Bett. Das Ende der Geschichte: Ich hatte Sex mit einem doch deutlich älteren, körperlich viel stärkeren Mann, der mich dazu gedrängt hat, obwohl ich es nicht wollte. Er hat mich nicht angesehen, ich habe geweint, das hat er nicht mal gemerkt. Ich habe mich ekelhaft und benutzt gefühlt.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich bei Freunden auf einer Party war und viele der Gäste zusammen in einem Raum auf Matratzen und Betten übernachteten. In der mich einer der anwesenden Jungs so lang begrapschte und versuchte, einfach auf mich drauf zu klettern, dass ich um halb fünf morgens meine Sachen zusammenraffte und panikartig die Wohnung verließ. Ich saß drei Stunden im Winter in Heidelberg am Bahnhof und habe geheult und mich geschämt. An diesem Tag habe ich mir geschworen, dass ich beim nächsten Mal die Polizei hole und denjenigen anzeige.

Man achtet beim Sex immer sehr bedacht auf die körperliche Gesundheit, aber die psychische wird oft vernachlässigt.

Man achtet beim Sex immer sehr bedacht auf die körperliche Gesundheit, aber die psychische wird oft vernachlässigt. Man mutet sich Dinge zu, ich habe mir Dinge zugemutet, die man nicht mehr vergisst, die der Körper nicht mehr vergisst und einem auch nicht verzeiht. Mich haben diese Erlebnisse sehr verunsichert und ich habe viel Respekt mir gegenüber verloren.

So sehr mir erst jetzt, in diesen Tagen, in denen andere Frauen ihre Erlebnisse teilen, klar wird, dass einige dieser meist Jahre zurückliegenden Erlebnisse wirklich schlimm waren und vor allem nicht „okay“ oder „normal“, versuche ich mich daran zu stärken, dass sie nicht in einem Vakuum meiner Lebenserfahrungen schweben. Uns macht nicht nur das aus, was scheiße gelaufen ist, sondern alles, was uns widerfährt, mit dem wir umgehen.

Heute ärgere ich mich nicht über mich selbst. Ich dachte, ich war zu den Zeitpunkten alt genug, meinen Standpunkt zu vertreten, war ich aber nicht. Ich dachte, ich hätte mich durchsetzen können, konnte ich aber nicht. Das habe ich mir selbst oft vorgeworfen, manchmal habe ich gesagt, ich hätte mir den Sex in seiner Gesamtheit selbst „kaputt gemacht“. Das habe ich aber nicht.

Sex ist keine Verhandlungssache, darüber sollte man nicht diskutieren müssen. Entweder man will oder man will nicht.

Sex ist keine Verhandlungssache, darüber sollte man nicht diskutieren müssen. Entweder man will oder man will nicht. Ich habe das Gefühl, Männer denken, sie müssten uns Frauen verführen. Und dass Frauen ein bisschen kokettieren, aber insgeheim mehr wollen. Dass sie, wenn sie „Nein“ sagen, eigentlich „Ja“ meinen. Aber wir meinen nicht „Ja“ und auch nicht „Ja, aber nur, wenn Du mich noch länger bequatschst“ oder „Ja, aber ich sage nur Nein, weil ich denke, Du hältst mich sonst für eine Schlampe“.

Wenn ich „Nein“ sage, meine ich „Nein“ und ich hoffe, ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem ich mich zukünftig immer dagegen wehre, wenn ich etwas nicht möchte – gestärkt in der Erkenntnis, dass ich die absolut Einzige bin, die entscheiden darf, ob sie mit einem Mann schlafen will oder nicht.

Nina wurde vor fast 26 Jahren in Mainz geboren, lebt aber mittlerweile in München. Dort macht sie hauptberuflich was mit Pharma und ist nebenberuflich latent genervt von Kindergeschrei. Unter den Sachen, die sie gerne kann und mag sind alle Arten Fremdwörter und Klugscheißertum, Sarkasmus und Blumenkränze im Haar. Leider verliebt sie sich immer viel zu schnell in meistens bindungsphobische Typen. Analysiert und verarbeitet wird das Ganze dann entweder bei Baileys auf Eis oder auf ihrem Blog.

Headerfoto: Mädchen im Gras via Shutterstock.com! („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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1 Comment

  • Ähm okay…

    Ich finde es etwas seltsam, dass du keinen Sex haben wolltest und es trotzdem über dich ergehen ließ. Ich meine, wenn man das nicht möchte, dann soll man das auch sagen und auch daran halten, und wenn es nicht klappt dann hättest du einfach gehen können!
    Warum bist du denn geblieben? Weil du dich schuldig gefühlst hast, dass der Typ dir Getränke und Taxi gezahlt hat???

    Klar sind die Männer, die du getroffen hast, nicht die besten aber ich sehe hier auch ein Teilschuld bei dir. Es kommt mir vor als ob du nicht nein sagen kannst… und dann noch ein #metoo raushauen.
    Es tut mir leid aber der Schuld liegt nicht ganz bei den Männern. (Vor allem, die Männer klingen auch nicht sympatisch, eher so macho Männer… Es gibt auch andere Sorten)

    BTW: Wenn man einen Mann fragt, ob er mit dir das Wochenende verbringen möchte, dann ist das meistens quasi eine Einladung für den Mann, dass er dann denkt du hättest „Interesse“. Klar gibt es andere Arten von Männern, die die Situation nicht ausnutzen würden, aber ein typischer Machomann würde das! Männergeschmack ändern vielleicht?

    Gruß

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