Men in bloom – von Männlichkeit, nackter Haut und Mutter Natur

Der Abenteurer, der allen Elementen zum Trotz seine Umgebung bezwingt, der toughe Holzfällertyp, der unerschrockene Sportler, der hotte Surfer am Strand – das alles sind veraltete Lifestylebilder, die wir schon (zu) oft gesehen haben. Fotografin Annika Weertz macht es anders. In ihrer Strecke Men in Bloom hinterfragt sie das stereotype Bild von Männlichkeit und zeigt den Mann im Einklang mit der Natur, sanft und verletzlich. Dabei geht es ihr nicht nur um die Entwicklung eines vielschichtigeren Männlichkeitsbegriffs, sondern auch um einen realistischeren Blick auf beide Geschlechter.

Männer stets stark und maskulin zu porträtieren, ist mindestens genauso realitätsfern, wie ausschließlich makellose Frauen abzulichten.

Annika, was sind für dich Stereotype, denen du in deiner Arbeit etwas entgegensetzen möchtest?

Am meisten nervt es mich, dass der Körper der Frau so überpräsent ist. Seit Jahrhunderten ist er das Objekt der Begierde, und Feminismus hin oder her, ich bin der Meinung dass sich viele Menschen lieber nackte Frauen anschauen und man sie dadurch unterbewusst viel mehr objektiviert als man meint. Und wenn man sich dann Männer anschaut, sind es mehrheitlich muskelbepackte Archetypen.

Ich habe mich gefragt, mit welchen Rollenklischees wir aufwachsen. Was macht einen Mann zu einem Mann? In der breiten Öffentlichkeit gilt es als männlich, stark und entschlossen zu sein. Man geht seinen Weg, lässt sich emotional nicht aus der Fassung bringen. Weinen ist untypisch und eher reserviert für „Pussies“ oder homosexuelle Männer – oftmals leider der Inbegriff des „Anti-Mannes“.

Was möchtest du jungen Männern – und auch Frauen – mit auf den Weg geben?

Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass wir – ob Mann oder Frau – alle Unsicherheiten und Ängste haben, aber für Männer ist es noch eher verpönt, diese auch zum Ausdruck zu bringen. Männer neigen im Vergleich vermehrt zu Depressionen, reden weniger über ihnen zugefügte sexuelle Gewalt. Daher möchte ich in meiner Arbeit den jungen Mann in den Fokus setzen und dabei auch Verletzlichkeit und ihre verträumte und zarte Seiten zeigen.

Jeder sollte in der Lage sein, ohne Schamgefühl zu seinen Gefühlen und Ängsten zu stehen. Damit meine ich nicht unbedingt im öffentlichen Raum, aber in seinem engeren Umfeld, zumindest dann, wenn man das Gefühl hat, dass man Unterstützung braucht. Zudem muss kein Mann verzweifeln, nicht seinem Archetyp zu entsprechen – dieses Bild ist ein Auslaufmodell, unsere Perspektive auf Ästhetik ist individueller geworden. Es gibt heute vermehrt Varianten von Männlichkeit, die alle ihre eigene Form von Anziehung ausüben.

Annika Weertz wohnt momentan in Gießen, hat einen Bachelor in Geschichte und studiert „Technische Redaktion und Multimediale Dokumentation“ im Master. Die Fotografie begleitet sie seitdem sie 16 ist. Seither nutzt sie diese als persönliches Ausdrucksmittel, um ihre eigene Welt zu kreieren, in der Intimität, Liebe und Ruhe eine große Rolle spielen.

Darüber hinaus möchte sie die alltägliche Nähe in ihrem persönlichen Leben dokumentieren. Dabei ist es ihr wichtig, die Menschen abzulichten, ohne sie dabei zu objektivieren, sexualisieren oder in Klischees zu verfallen.

Wenn sie nicht einem ihrer zwei Jobs, dem Masterstudiengang oder der Fotografie nachgeht, hat sie gerne ihre Ruhe, trinkt Tee oder Wein, schläft viel und hört The Mamas and the Papas.

Annikas fotografische Arbeiten gibt es auf annikaweertz.com und auf Instagram.

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