Meine Morgenlatte ist kein Arschloch

Teil 1 dieses Textes findest du hier, Teil 2 findest du hier, Teil 3 findest du hier.

Ich wusste, dass diese konjunktive Hündchenstellung mich nicht weiterbringen würde. Andere Frauen kamen nicht infrage – für mich gab es nur die eine und das war die, neben der ich schon seit vielen Jahren regelmäßig aufwachte. Die Aufregung und der Stress, die Heimlichkeit und der ständige Kampf, den sich andere Männer beim Fremdgehen gaben, war mir nichts – ich hatte auch so schon genug Hobbys. Außerdem tat es mir wirklich im Herzen weh, ein Arschloch zu sein, das hatte ich in meiner Jugend schon zu oft ausprobiert.

Ich musste an einer anderen Stelle ansetzen: Die Morgenlatte musste weg. Der Sexsomniac musste erzogen werden. Ich tat also, was bürgerliche Jungs so tun, wenn sie Probleme haben, über die sie mit niemandem sachlich reden können: Ich ging zum Arzt. Der Urologe nahm mich aber nicht so recht ernst. Ich ihn auch nicht, denn er wirkte mit seiner Halbglatze, den weißen Haaren, seinen Wurstfingern und der pedantischen Stimme wie jemand, der gar nicht verstand, was, seitdem er seine Gertrude geheiratet hatte, in den letzten Jahrzehnten sexuell alles passiert war. Er erwog eine medikamentöse Behandlung und klopfte meine Geschlechtsorgane auf mögliche krankhafte Veränderungen ab. Am Ende seufzte er nur und empfahl mir das Ganze einfach weiter zu beobachten, da könne man mit gewöhnlichen Heilmethoden nichts machen.

Einen Monat später, als sich immer noch nichts an meinem Zustand verändert hatte, ging ich noch einmal zum Allgemeinarzt. Dieser Mann nahm mich überraschenderweise so ernst, dass es irgendwie in meinem Gehirn klickte. Er sagte zu mir, ich hätte einfach nur viel Stress und sei ohnehin in einer biologisch und psychologisch anstrengenden Lebensphase, kurz vor dreißig, kurz nach dem Studium. Der Mensch sei keine Maschine, sagte er. Und solange ich im Schlaf nicht gewalttätig würde, empfahl er mir die ganze Sache einfach zu beobachten, ein geregelteres Leben zu führen, auf meinen Körper zu hören – das, was Mutti am Telefon auch gesagt hatte. Wie gesagt, es klickte.

Eine Woche später hörte meine nächtliche Sextivität auf. Noch eine Woche später war ich morgens nicht immer so krampfhaft getrieben durch die vorübergehende Unterleibsverhärtung. Ich dachte, ich müsste verrückt sein, hatte ich mich doch fast ein Jahr mit diesen Problemen rumgeschlagen, mit den schmerzhaften Erektionen sogar noch länger. Und jetzt plötzlich, nachdem ich einmal mit einem Arzt vernünftig darüber geredet hatte, sollte alles besser werden?

So einfach war es natürlich nicht. Besonders in Wodka durchtränkten Nächten wachte ich manchmal noch in voller Ekstase, mit rasendem Herzen und kurz vor dem Orgasmus neben ihr auf. Sie war ebenfalls in Ekstase und wir taten die Dinge, die die Jugendlichen in uns verlangten. Und als die sexsomnische Phase völlig ausblieb, lag ich sogar manchmal vor dem Einschlafen im Bett und hoffte darauf, dass es wieder passieren möge, doch am nächsten Morgen waren da keine besudelten Unterhosen oder andere Anzeichen zu sehen. Es pegelte sich also alles wieder ins Normale, also das Normale, von dem andere Pärchen und Statistiken und Fachzeitschriften und normative Medien behaupteten, dass es das gab.

Die Morgenlatte bekämpfte ich mit einer Kombination aus Sport und Wichsen und mit erfüllendem Sex. Meine Freundin und ich fickten, wenn wir beide den Kopf frei hatten und uns wohl fühlten. Man will das als notgeiler, von Pornos und Werbung geprägter Mann immer gar nicht wahrhaben, aber Ficken ist kein Selbstzweck. Wenn man nicht bereit ist, und das trifft auch für Männer zu, ist der Sex nicht geil, nicht erregend – dann kann man auch genauso gut wichsen. Die Vorstellung, dass man als Pärchen jeden Tag erfüllenden Sex haben könnte, funktionierte noch gut, als man frisch zusammengekommen war, als man die ganzen Tage nichts anderes zu tun hatte, als Sex, Essen, Schlafen, Kuscheln, Sex. Doch diesen Luxus haben nur junge und frisch Verliebte.

Jetzt hatte ich Sex, wenn meine Freundin entspannt war, wenn ich entspannt war. Dann ritt sie mich und wusste genau, was sie wollte, wir kamen auch mal aus dem Bett raus, wir suchten uns schöne Orte. Dann nahm ich sie im Sportgang von hinten oder wir machten mal ganz langsam, damit sie genau erspüren konnte wie ich in sie eindrang und dann versuchten wir neue Winkel und neue Bewegungen. Und dann kamen wir, zumindest recht häufig, gemeinsam oder ganz nah beieinander: Ihre pulsierende, saftige Vagina nach meinem Schwanz greifend, ihre festen Brüste in meiner Hand, die andere an ihrem Hals, ihrem Arsch. Ihre Hand an ihrer Klitoris, an meinen Haaren, an meinem Arsch, meinem Rücken, meinen Wangen. Meine Zähne in ihrem Nacken, zwischen ihren Schulterblättern, meine Lippen an ihren Lippen.

Die Nächte sind ruhig, die Morgen entspannt, der Sex ist gut und ich liebe die Frau.

Es ist nicht schwer, eine Beziehung zu haben, obwohl das immer alle behaupten. Es ist leicht. Leichter als allein zu sein. Denn wenn man allein ist, kann man mit niemandem seine Morgenlatten und Psychowulste teilen. Ich zu sein, und damit meine ich nicht mich, sondern das Ich, ist schwer – denn man selbst leidet unter so vielen Reizen, Einflüssen, Problemen und man hat nur diesen Körper und ein bisschen Kommunikation mit anderen, um sie zu verarbeiten. Das Ich ist überkomplex, zu viel Ich macht uns kaputt. Umso schöner ist es, dieses Ich von Zeit zu Zeit aufzulösen in einem Wir und einem Uns.

Und in einem gescheiten Orgasmus, mit einer Person, die man begehrt.

Ende.

Paul, 28, sieht Langzeitbeziehungen als eine Lebensform und hat (neben kleineren Eskapaden in seiner Jugend) auch kaum andere Beziehungsformen erfahren. Unverbindlicher Sex war für ihn immer reine Qual. Als gebürtiger Provinzgroßstädter aus dem Großraum Berlin verbringt er sein Leben derzeit in der Stadt und versucht sich am Musiker- und Autoren-Dasein.

Headerfoto: Felipe Alonso via Creative Commons Lizenz 2.0! (Sexy-Times-Button hinzugefügt.) Danke dafür.
Paul-Schubert

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