Mein Weg vom Veganismus zum Minimalismus

Seit die Initialzündung eingesetzt hat, die unseren Haushalt von einer von Sammelleidenschaft geprägten, kunterbunten, semi-chaotischen Bude in eine irgendwie immer ordentliche und sich stetig weiter verändernde Ruheoase verwandelt hat, ist einiges passiert. Vor allem mit uns selbst.

Wie jetzt? Minimalisten? Wir?

Wir haben uns lange nichts Abwegigeres vorstellen können, als Minimalisten zu werden. Wirklich nicht. Nicht, dass wir der Strömung eine ablehnende Haltung entgegengebracht oder sie in irgendeiner Art und Weise verteufelt hätten – wir haben uns schlicht nicht damit befasst, weil sie nicht auf unserem gewohnsheitsgeprägten und -bestimmenden Radar auftauchte.

Viel zu beschäftigt damit, den ganz gewöhnlichen Otto-Normalverbraucher-Haushalt aufrecht zu erhalten, schwammen wir – aus heutiger Perspektive: durchaus ferngesteuert – durch unsere Tage, Wochen und Monate. Konvention war unsere Maxime, Materialismus unsere Normalität, Supermarkt, Billigschwede und Tierprodukte unser Alltag. Wir waren normal, um es in einem Wort – das durchaus neutral gemeint ist – zu formulieren.

Heute sind wir sicherlich keine besseren Menschen, wir haben uns einfach hingesetzt – und nachgedacht.

Heute sind wir sicherlich keine besseren Menschen in dem Sinne, dass wir auf einmal moralische Erleuchtung erlangt hätten und uns nun berechtigterweise über den eben skizzierten „Durchschnittsmenschen“ erheben könnten, in welcher Beziehung auch immer. Wir sind nicht fortgeschrittener, über unseren Köpfen wurden keine Glühbirnen comichaft entzündet, wir haben nicht vom Quell der unendlichen Weisheit getrunken. Wir haben uns einfach hingesetzt – und nachgedacht. Ein bisschen zumindest.

Wie eins zum anderen führte

Den Anfang machte der sich doch sehr abrupt vom Vegetarismus zum Veganismus wandelnde Sinn meiner Wenigkeit. Ich hatte ein Buch gelesen (dieses hier), das im Prinzip die längst überfällige Attacke auf mein lädiertes Gewissen, der lang ersehnte Schlag ins Gesicht war und mich über Nacht meine eigentlich schon längst im Innern gefassten Vorsätze in die Tat umsetzen ließ.

Nach einiger Eingewöhnungszeit, die durchaus nicht reibungslos verlief, reduzierten sich die Tierprodukte, die sich in unserem Haushalt finden ließen, immer weiter, bis sie irgendwann bei Null angekommen waren. Und unser Bedürfnis danach ebenfalls.

Greenhorns: Hallo Lifestyle-Veganismus!

Nun stürzten wir uns – wie das so ist bei allen Dingen, die neu und spannend und aufregend sind, mit aller Wucht in den Veganismus hinein. Weniger auf halsstarrig-unentspannt-dogmatischer als vielmehr auf konsumorientierter Ebene: Die heilsversprechende Welt der unendlichen Ersatzprodukte tat sich vor uns auf – und wir badeten im Fluss des Nicht-Verzichten-Müssens.

Wir hatten eigentlich nur, stellten wir langsam aber sicher fest, unseren Konsum verlagert. War das besser?

Das führte dazu, dass zwar kein Tier faktisch mehr den Weg in unseren Kühlschrank fand, dieser aber irgendwie nach wie vor ziemlich bunt, schrill und vollgestopft mit allen möglichen und unmöglichen verarbeiteten Lebensmitteln war. Wir hatten eigentlich nur, stellten wir langsam aber sicher fest, unseren Konsum verlagert. War das besser? So, wie wir „besser“ nun – nach immer fortwährendem Nachdenken – verstanden?

Konsum vs. nachhaltiger Konsum

Denn schleichend hatten sich immer mehr Kriterien in unser Leben geschlichen, die zur Richtlinien desselben wurden: Wir erkannten (bzw. richtiger: ließen den Gedanken zu und diesem Taten folgen), dass fair besser ist als konventionell, dass tropische Früchte mitten im Winter nicht unbedingt sein müssen und dass natürliche Lebensmittel doch irgendwie viel spannender sind als fertig Abgepacktes, das gewissermaßen schon auf den Löffel schielt, sobald die Verpackung entfernt ist.

Wie furchtbar das Gefühl war, nach jedem Einkauf Berge von Plastikverpackungen zu produzieren und die erstandenen Lebensmittel scheinheilig in fancy Gläser abzufüllen.

Und weil sich in der Küche – wie wahrscheinlich in vielen Haushalten – das Angelpunktzentrum unseres Lebens befand (um ein Wortmonster zu schaffen, das die Superlativität der Bedeutung dieses Raumes passend greifen kann), waren unsere Antennen für Neukalibrierung dort besonders empfindlich. Wie furchtbar das Gefühl war, nach jedem Einkauf Berge von Plastikverpackungen zu produzieren und die erstandenen Lebensmittel scheinheilig in fancy Gläser abzufüllen, habe ich euch hier ja schon erzählt.

Als wir dann begriffen hatten, dass es so nicht weitergehen konnte, war unser erster Ansatz, in der Küche umzudenken. Konkret: Unverpackt einzukaufen, uns mit Jutebeuteln einzudecken, eine Biobox zu bestellen. Und ganz wichtig: Nur noch das zu kaufen, was wir auch wirklich brauchen würden. Wir erkannten, dass es nicht das Richtige war (zumindest für uns), eine Form des Konsums einfach durch eine andere zu ersetzen.

Diese letzte Idee sollte ihre Schlagkraft erweisen und sich im Laufe der Zeit auf sämtliche unserer Lebensbereiche erstrecken. Denn einmal angeschubst, kennt die Maschine im Kopf kein Halten mehr und rattert und knattert und quietscht fröhlich vor sich hin.

Minimalisieren: Raus mit dem Krempel!

Von da war es zur genauen Inspizierung der über Jahre gemeinsamen Wohnens angesammelten Gegenstände nicht mehr weit – und von dort aus nur noch ein Katzensprung zur Generalüberholung des gesamten Hausstandes.

Ich weiß nicht, wie viele Kartons voller Kleidung, Bücher und Krimskrams aller Art wir an die Tafel, das Rote Kreuz und den Bücherschrank gespendet oder verschenkt haben.

Ich weiß nicht, wie viele Kartons voller Kleidung, wie viele Säcke Bücher und wie viele Kisten voller Krimskrams aller Art wir an die Tafel, das Rote Kreuz und den Bücherschrank gespendet oder einfach an die Straße zum Mitnehmen gestellt haben. Vielleicht hätte ich zählen sollen – das wäre für einen drastischen optischen Vergleich sicherlich schön gewesen.

Doch ich war viel zu beschäftigt damit, die materielle Schlacke, die die Luft zum Atmen und die Unbeschwertheit in unserer Wohnung so sehr reduzierte, abzuwerfen, dass ich daran gar keinen Gedanken verschwendete.

Ausmisten – jedenfalls in dieser Radikalität – ist janusköpfig. Es ist auf der einen Seite unglaublich belastend, weil körperlich anstrengend – und auf der anderen Seite habe ich selten etwas Befreienderes erlebt. Wie unser Weg weiterging und was Minimalismus für uns heute bedeutet, erfahrt ihr im nächsten Teil.

More from Mehr als Grünzeug

Konsumstille – von Masse, Billigkeit und Produkte-Dschungel

Manchmal, wenn ich wirklich sehenden – nicht nur offenen – Auges durch...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.