Mein Liebeskummer und ich

Mein Liebeskummer schreit durch die Bar: “Mein Herz tut weh”, und bevor ich ihm dafür links und rechts eine klatschen kann, ist er über die Bar gehüpft und hat sich den nächsten Drink bestellt, einen Sex on the Beach. Aber zackig jetzt, er habe Durst. Mein Liebeskummer ist nicht eloquent, er hat keine sorgfältig geschminkten Augen und zieht sich nie den Lippenstift nach. Mein Liebeskummer ist süchtig nach Drama. Er ist aggressiv, aufdringlich und kein bisschen lässig, obwohl er das gern von sich behauptet.

Mein Liebeskummer klaut der Stadt die wenigen Farben, die der Winter übrig gelassen hat. Am Anfang half ich ihm beim Pflücken und reichte sie ihm dankend: “Nett von dir, ist ja eh nur zusätzlicher Ballast, hier hast du das Pink und hier das Türkis.” Irgendwann ist die Welt in Sepia aber so öde, dass man seine Ohren lang zieht und auf ihn einprügelt bis er die Farben wieder rausrückt. Tut er aber nie, die hat er wie kleine bunte Pillen längst verschluckt.

Der Liebeskummer ist ein selbstverliebter Alleinunterhalter, mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Er würde am liebsten immer bleiben, deshalb protestiert er lautstark, wenn auf dem Sofa neue Gesichter sitzen, er zerrt meine Mundwinkel wieder zurück nach unten, wenn in der U-Bahn ein Fremder lächelt, wenn Handynummern ausgetauscht oder die dazu passenden Augen angeschmachtet werden. “Die Mundwinkel gehören gefälligst nach unten,” das ist sein Lieblingssatz.

Der Liebeskummer bezieht jeden noch so beschissenen Song auf sich, so als wäre er die Muse des gesamten Universums. Er schreit zwischen jeden Film, jedes Buch, jedes Gespräch und jede Erinnerung: “Ich, Ich, Ich! Endlich hat jemand die unendliche Schwere des Seins angemessen verarbeitet! Magst du nicht auch mal ein Buch über mich schreiben?” Ich kippe dann immer meine Bücherschränke über ihn, ein paar Sekunden liegt er dann begraben unter schlauen Wörtern von schlauen Menschen, er brabbelt unbeeindruckt weiter.

Mein Liebeskummer ist nicht innovativ, er hat keine zündenden Ideen unter der Dusche, er lässt sich nicht durch rhetorische Feuerwerke charakterisieren, er ist vorhersehbar und langweilig. Mit dem Liebeskummer im Gepäck kann man seine kreative Ader gleich gen Mond schicken weil er auf alles einen Graufilter legt. Art never comes from happiness, sagen als Klischee verkleidete Kunstlehrer, aber der Liebeskummer inspiriert allenfalls zu Möchtegernkunst, die die Abfahrt verpasst hat und jetzt Richtung Narzissmus prescht.

Mein Liebeskummer zerrt mich zum Meer, um, so sagt er, “mal wieder klarzukommen”, in Wahrheit will er sich aber an Wein und Wellen berauschen, sich hochschaukeln, traurig Richtung Horizont starren als wäre davon schon mal irgendwer glücklich geworden, und dann Postkarten mit pathetischen Sätzen wie “deine Arme fehlen mir” schreiben. Er will pro Körperteil eine Postkarte schreiben und alle sorgfältig nummerieren, der Reihe nach, von oben nach unten, ganz schön viele Körperteile kommen da zusammen. Als wäre Vermissen eine Tugend wie höfliches Grüßen im Hausflur oder Senioren im Bus das Händchen zu halten und kein Laster. Als ginge es ihm wirklich um die Person, die er zu vermissen behauptet und nicht um das hemmungslose und selbstbeweihräuchernde im Kreis drehen.

Mein Liebeskummer nervt meine Freunde durch das penetrante Wiederholen eines einzigen, eigentlich gar nicht mal so schönen Namens. Ich kündige meinem Liebeskummer die Freundschaft, aber das ist er gewohnt, mein Liebeskummer hat einen Selbsterhaltungstrieb und kommt fast ohne Nahrung aus.

Mein Liebeskummer hat keine Lust auf gesunde Ernährung, auf Sport, Vitamine oder Bananen. Hihi. Bananen. Der Liebeskummer heult manchmal zu Yellow von Coldplay. Ich lache dann, weil er die Töne nicht trifft. For you I bleed myself dry. Jaja, geh schlafen jetzt, im Hinterhof neben den Fahrrädern ist noch Platz.

Aber mein Liebeskummer schläft nicht, er schläft nie, manchmal hüpft er nachts auf meinem Bauchnabel rum und kitzelt, manchmal gräbt er wahllose Erinnerungen aus und präsentiert sie gekonnt mit einem Schuss Konfetti und Knutschmündern. Das war gar nicht mal so scheiße, stimmt man ihm im Halbschlaf bei und springt dann wie von der Gegenwartstarantel gestochen auf, knipst das Licht an und wirft alle auffindbaren Kissen durchs Zimmer. “Hau ab, du Arschloch. Hau endlich ab!” Als würde das den Liebeskummer interessieren.

Mein Liebeskummer versaut Texte, er versaut Entscheidungen, er versaut Ratschläge an Freunde mit echten Problemen, er verpasst Pointen und den richtigen Moment zu gehen. Nicht nur den richtigen Moment, er verpasst es zu gehen. Manchmal macht man etwas voreilig den Schampus auf und flüstert: “Juchu, er ist gegangen”, in die leere Küche, eröffnet eine WhatsApp-Gruppe mit dem Titel “Der Arsch ist weg, wann feiern wir?” und dann schaut er genau an dem Abend kurz vorbei, schreit was von Herz und Sex on the Beach und stürmt euphorisch zur nächsten Party. Die Nacht ist noch lang und die Welt liegt ihm zu Füßen.

In Caros Küche hängt seit ​Anfang des Jahr​es ein pinkes Plakat mit der allseits bekannten und​ dramatischen Aufschrift „Bring Wein mit, wir müssen über Gefühle reden“. Voll wichtig, das mit der Kommunikation. Fast so wichtig wie ab und an mit Wassermelonen zu telefonieren. Caro ist 23, freie Journalistin und öfter mal auf dem Sprung, manchmal ​um die Welt und manchmal​​ durch den Wedding. ​Ihr Kiez ​sollte wegen Weltklassedöner übrigens ganz dringend zum Weltkulturerbe​ ernannt werden​. Caro findet ihr auf ihrer tollen WebseiteTwitter und Insta. Guten Appetit.

Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz!

caroline_schmitt

1 Comment

  • Thorsten sagt:

    Es gibt Studien, die hehaupten, dass Frauen stärker (intensiver) und Männer länger an Liebeskummer leiden. Wir Männer würden es natürlich nicht zugeben, und uns sinnlos betrinken um die Ex zu vergessen. Trotzdem musst ich gestehen, dass es doch einiges Zeit gebraucht hat um wieder in eine neue Beziehung zu denken.
    Übrigens: Ein sehr schöner Artikel!

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