Mein Ex hat mit Falco gekokst

Es geht im Folgenden eigentlich weniger um ihn, als um mich. „Typisch“, würde er jetzt sagen. Er hat mir immer vorgeworfen, dass ich egoistisch sei. Er verpflichtete sich jedes Wochenende dazu, Gäste einzuladen. Die mussten dann aufwendig bekocht werden. Mich hat das genervt. Ich hasse Stress: das Nachdenken, was man kochen könnte, das Einkaufen, Tisch decken, sich schick machen, das Aufräumen, etc. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es gar nichts gegeben. Überhaupt: Ich hätte sowieso niemanden eingeladen. Gäste sitzen rum und essen und reden und trinken und essen und reden. Man darf nicht sagen: „Könnt ihr bitte gehen, ich wollte noch was googeln.“ Sogar dann nicht, wenn es schon nach 23 Uhr ist.

Aber das war alles erst später, als das Kind schon da war und wir zusammen wohnten. Am Anfang lebten wir in verschiedenen Städten und alle paar Wochen habe ich ihn besucht. Ich war dann oft allein in seiner Wohnung und schlief lange in den Tag hinein, er war schon seit dem frühen Vormittag im Büro. Beim Aufwachen war mir schwummerig, weil die Sonne durch die großen Fenster genau auf meinen Kopf geschienen hatte. Also zog ich ins Nebenzimmer um und legte mich aufs Sofa, dort waren die Fenster nicht so groß und es war kühler. Ich wollte nicht rausgehen, ich hatte eigentlich nur Sehnsucht nach ihm und er würde vor dem Abend nicht zurückkommen. Aber ich musste etwas erleben, worüber hätten wir sonst am Abend miteinander sprechen sollen? Und was hätte das für einen Eindruck auf ihn gemacht, wenn ich den ganzen Tag im Bett geblieben wäre? Also stieg ich die fünf Etagen hinunter und streifte in der Mittags- und Nachmittagshitze durch die Stadt.

Wien kann sehr hart zu einer Fremden sein, die allein unterwegs ist. Ich denke so ungern daran zurück, wie ich übers Universitätsgelände ging und sehnsüchtig auf die biertrinkenden Studenten schaute, oder bei Blaumax zu enge Kleider anprobierte, oder im Burggarten mit leichtem Bauchweh auf einer Bank saß. Man darf gar nicht erst versuchen, nett zu Wienern zu sein, man muss streng und zickig mit ihnen umgehen und am besten berlinern, anstatt Hochdeutsch zu sprechen, dann liegen sie einem zu Füßen, aber das habe ich erst viel später herausgefunden.

Damals hat mich jeder angeranzt und böse angesehen, sodass ich vollkommen erschlagen war, wenn ich von meinen Stadtausflügen zurückkam. Wenn ich dann am Abend mit ihm beim Heurigen saß, musste ich aber gute Laune haben, mich damenhaft benehmen, schön gekleidet sein, mit frisch gewaschenem Haar und zusammenhängend und in ganzen Sätzen von meinem Tag berichten.

“Du bist mir so fremd”, sagte er, wenn ich es nicht schaffte. Ich verstand nicht, was er damit meinte, oder warum das ein Problem hätte sein sollen und was man dagegen tun konnte. Wir haben dann nicht miteinander geschlafen, obwohl ich am nächsten Morgen nach Berlin zurück musste.

Irgendwie haben wir diese Phase überstanden und ich lernte Wien anders kennen.

Jahrelang waren wir zum Neujahrsfrühstück bei den Ms eingeladen, in ihrer wahnwitzig großen Erdgeschosswohnung unweit vom Belvedere. Lauter alte Leute stiefelten da herum, schon halb fossilisiert, ich verstand kein Wort von dem, was sie sagten, außer “Grüß Gott” und “Küss die Hand” und er erklärte mir, der sei ein Bundespräsident a.D. und der ein legendärer Pantomime und da war die Hauptdarstellerin von SoKo Kitz, und dort die Urgroßneffin von Caspar Neher und dies sei der Bruder des Besitzers von Österreichs größter Feinkost-Kette und soeben hätte sich der ehemalige Großkardinal der Steiermark verabschiedet und die Dame in Weiß da drüben sei irgendwas von irgendwem von Heimito von Doderer.

Es gab literweise rabenschwarzes siedendheißes sieben Tage lang gekochtes ungarisches Gulasch aus einem silbernen Topf, serviert von extra angemieteten Lakaien und dazu warmes weiches Weißbrot. Ich bekleckerte mich regelmäßig mit dem Gulasch und drapierte ein Seidentuch auf den Fleck über meinen Brüsten. Das Tuch gehörte einer der Exen von meinem Ex und es gab eine ganze Sammlung von solchen Tüchern in seinem Kleiderschrank, ebenso wie Haarspangen und Schmuck, Schminke und Parfüm und 80er Jahre Wollpullover.

Nach ein bis zwei Stunden gingen wir dann wieder nach Hause und ich nahm mir noch ein, zwei, drei der superfettigen, mit warmer Marmelade gefüllten Krapfen mit, die zu Tausenden auf dem Kamin im Vorzimmer aufgestapelt waren. Die Pfannkuchen ergänzten die Kunst, es gab zum Beispiel einen zwei Meter hohen Kerzenständer aus buntem Kristall in Tropfkerzenform, einen Riesenpudel aus schwarzem Marmor, ein zweimal drei Meter Ölbild aus megapastosem Gelbgelb, das in handbreiten Stücken in den Raum hineinragte.

Wir haben uns eigentlich gut verstanden, mein Ex und ich, aber man versteht sich ja immer nur so lange gut, bis man sich mit jemand anderem besser versteht.

Headerfoto: Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz!

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