Manchmal hasse ich alles und jeden – aber auch das geht vorbei

Notiz an mich. Ich gehe langsam und angstvoll auf die 30 zu und kann mit meiner 27-jährigen Lebenserfahrung sagen: Ich finde ziemlich alle und ziemlich viel ziemlich scheiße. Impfgegner, Trump, AfD, alte und neue Feinde, Spießer-Nachbarn, Ex-Freunde, Ex-Tindermatches, Ex-Mitbewohner, Vermieter, schlechtes Wlan in der Uni, sexistische Dummbratzen, Nazis in Yakuza-Montur – alle und alles sowas von unten durch und sowas von verachtet und verhasst.

Stay positive, life is simple, Carpe Diem? Nicht mit mir, sorry – danke, grad nicht so. I stay negative, at least for some more minutes. I still hate you.

Stay positive, life is simple, Carpe Diem? Nicht mit mir, sorry – danke, grad nicht so. I stay negative, at least for some more minutes. I still hate you.

Oder liegt es an mir?

Nach einem „eher“ unproduktiven Tag in der Bibliothek sitze ich noch kurz draußen. Meine Freundin Julia fragt mich: „Willst Du jetzt eigentlich auch nach Berlin? Lena hat sowas erzählt…“ – und ja, um ehrlich zu sein, wäre ich gerade lieber auf sechs qm in Berlin statt auf 60 qm in Leipzig. Ich würde mich so gerne anonym wegtreiben lassen, niemanden kennen, niemanden grüßen, niemandem auf die Füße treten, es niemandem beweisen wollen, nirgendwo dazugehören wollen, müssen, sollen.

Ich würde mich so gerne anonym wegtreiben lassen, niemanden kennen, niemanden grüßen, niemandem auf die Füße treten, es niemandem beweisen wollen, nirgendwo dazugehören wollen, müssen, sollen.

Diesen ganzen social Abfuck hinter mir lassen und auf  sechs Quadratmetern in Berlin neu anfangen. Hach. Das würde sicher so 20 bis 30 Minuten lang gutgehen. Traumhaft, diese Vorstellung.

Wir verabschieden uns, so wirklich beantwortet habe ich ihre Frage nicht. Ich steige in die Tram. Der innere Kampf zwischen ›Dieses Arschloch hat dies und jenes getan‹ und ›Oder liegt es an mir?‹ will besänftigt werden, daher: Kompensationsprogramm. IPhone raus, Kopfhörer rein, Internet. Instagram, Facebook – geil. Das supigute Leben der anderen wird mir sicher das ein oder andere sicherlich vollkommen neidlose Lächeln ins Gesichtchen zaubern, oder?

Oh Mann. Nein, natürlich nicht. Aber es hilft ja nichts, ich gucke eh. Ach und schau her. Gleich ein Volltreffer.

Puderzucker

Eine Fitnessmutti will mich bei Facebook adden. Auf ihrem Profil lese ich: „So, die Entscheidung, was es heute zum Frühstück geben wird, ist dann endlich gefallen. Wir haben uns für ein Schoki-Amaranth Porridge entschieden. Jetzt machen wir uns daran, unsere Träume weiter zu verfolgen.“ OH MEIN GOTT, KOTZ. Leben und leben lassen, ist klar, aber come on.

Sollte ich womöglich einfach auch ohne Umzug den Weg der Einsamkeit einschlagen? In der Bahn sitze ich schon auf einem Einzelplatz – der steht mir gut.

Bin weiter in Rage. Sollte ich womöglich einfach auch ohne Umzug den Weg der Einsamkeit einschlagen? In der Bahn sitze ich schon auf einem Einzelplatz – der steht mir gut. Denn ich muss zugeben, wenn ich schlafe, alleine, das ist schon irgendwie eine der geilsten Sachen. Richtig gut schlafen, an nichts und niemanden denken und auch sowieso nichts verpassen und es niemandem beweisen müssen – denn – ich schlafe!

Ok, Schneeflocke, Du bist ein echter Sonderling, sage ich mir. Ein klein wenig freudig über meine eigene Creepiness werde ich da schon mal und meine Stimmung steigt.

Ach und so richtig alles und jeden finde ich ja doch nicht beschissen. Dicke, fluffige Pfannkuchen mit Nutella und Puderzucker zum Beispiel sind richtig geil und Harry Potter finde ich gut.

Ach und so richtig alles und jeden finde ich ja doch nicht beschissen. Dicke, fluffige Pfannkuchen mit Nutella und Puderzucker zum Beispiel sind richtig geil und Harry Potter finde ich gut. Und auch so fünf bis sechs Menschen. Apropos Puderzucker … da braucht man so ein Sieb. Ich habe so ein Sieb nicht, aber ich kenne jemanden, der so ein Sieb hat.

Da klingelt mein iPhone, da ich eh draufstarre, tippe ich auf Annehmen, bevor ich die Kopfhörer aus meinen Ohren verbanne. „Echt jetzt? Das ist ja wie Telepathie. Mit Kirschen, really? Wie cool! Ja, bis später“, höre ich mich sagen. Notiere mir noch, dass ich „really“ weniger oft sagen möchte. Und dass ich weniger hassen möchte. Dafür mehr Milchreis-mit-Kirschen-Essens-Einladungen bekommen sollte.

Goes hand in hand, maybe.

Headerfoto: Timothy Paul Smith via Unsplash.com. (Wahrheit-oder-Licht-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

NASTI lebt und arbeitet in Leipzig. Als Medienwissenschaftlerin ist sie notorisch smartphonesüchtig und lässt euch bei Instagram alles miterleben, was sie so macht. Sie schreibt noch den ein oder anderen Text über Erlebnispornographie, Sex und Beziehung unter dem Pseudonym Antoinette Blume bei Mimi & Käthe.

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