Mama, Mutti, Jonte – wenn zwei Frauen ein Kind bekommen

Vor den Treppen des Rathaus Neukölln steht mir Indra plötzlich gegenüber. Sie hat ein Tragetuch um Schulter und Brust gewickelt, in dem ich den Kopf eines schlummernden Babys sehe. Ich bin so vertieft in mein Buch, dass ich sie erst bemerke, als sie direkt vor mir steht und mir einen Schatten ins Gesicht wirft.

„Entschuldige, ich bin etwas spät, Jonte hat noch geschlafen.“ Indra ist 32 Jahre alt und Juristin. Aufgewachsen im nördlichen Schöneberg, zwischen Yorkstraße und Kurfürstenstraße, war sie als Kind jeden Samstag auf dem Winterfeldmarkt unterwegs. Eine echte Berlinerin also. „Es gibt kaum eine Straße, die ich in Kreuzberg nicht kenne.“

Jonte ist Indras Sohn. Sie zieht ihn zusammen mit ihrer Frau groß. Der Weg zur Schwangerschaft war holperig. Wäre alles einfach gewesen, dann wäre Jonte jetzt schon vier Jahre alt und nicht erst vier Monate. Mit 27 hat sie zum ersten Mal versucht schwanger zu werden – mit 31 hat es geklappt.

„Dass ich Frauen ein bisschen mehr mag als Männer, habe ich spät gemerkt.“ Und sowieso sei sie immer eine „Spätzünderin“ gewesen. Indra wiegt Jonte ein bisschen, er ist gerade aufgewacht und gluckst. Ihre erste Beziehung hatte Indra mit sechzehn mit einem Jungen – weil es „einfacher und normaler“ war.

Ich habe mich auch nie unwohl gefühlt mit Männern, aber irgendwie haben sie mich nicht so gepackt.

„Ich habe mich auch nie unwohl gefühlt mit Männern, aber irgendwie haben sie mich nicht so gepackt!“ Die Worte sprudeln klar und deutlich aus ihrem Mund. Das erste Mal „Hals über Kopf verliebt“ hat sich Indra aber in eine Frau, damals war sie 20 Jahre alt. „Es war meine Sprachlehrerin beim Erasmus in Spanien und sie war fünf Jahre älter als ich.“ Damals spielte das Leben aber so, wie es häufig spielt: „Die Bedingungen waren nicht richtig“ oder wie Antje Schomaker es in ihrem Song so schön singt: „Wo die Liebe hinfällt, schlägt sie sich die Knie auf.“

Indra musste irgendwann zurück nach Deutschland und weiter studieren. Trotzdem: Der Funken war gezündet und es blieb das Gefühl, dass Frauen etwas haben, was Männer nicht haben. „Zwischen Frauen gibt eine gewisse Nähe, die schon da ist, ohne dass man sie erarbeiten muss.“ Sie legt den Kopf schief, sucht nach dem richtigen Bild: „Denk mal daran, wie einfach es ist, mit deiner besten Freundin zu reden.“

Schlussendlich verliebt man sich in einen Menschen!

Und Reden ist nicht alles. „Auf einer körperlichen Ebene ist es so, dass man sich gut vorstellen kann, was schöne Berührungen für den anderen sein könnten.“ Sie lächelt verschmitzt, hält inne und überlegt. „Ich würde nicht kategorisch ausschließen, dass ich nicht auch zu einem Mann intensivere Gefühle haben könnte. Aber bisher hatte ich sie eben nur zu Frauen.“ Sie fasst es in eine schöne Formel zusammen: „Schlussendlich verliebt man sich in einen Menschen!“

Dieser Mensch ist in Indras Fall eine Frau: Eike. Mit ihr ist sie seit fast zehn Jahren zusammen und seit vier Jahren verheiratet. Sie haben sich übers Internet kennen gelernt. Vier Monate lang haben sie nur telefoniert und danach angefangen, sich gegenseitig zu besuchen. Und dann scheint es einfach Klick, Zoom, oder wie auch immer gemacht zu haben. „Wir haben uns im Januar kennen gelernt. Im August sind wir zusammengezogen.“

Wenn man Indra reden hört, verwundert es nicht, dass sie, was sie fühlt auch in die Tat umsetzt. Mir gegenüber sitzt eine Frau, die genau weiß, was sie möchte und die trotz akutem Schlafmangel so wirkt, als könnte sie gleich noch ein Rad schlagen und danach auf eine Demonstration fahren.

Indra wollte schon immer ein Kind. Eine Adoption stand für sie nie zur Diskussion, viel zu groß war die Sehnsucht, selber schwanger zu sein.

Indra wollte schon immer ein Kind. Eine Adoption stand für sie nie zur Diskussion, viel zu groß war die Sehnsucht, selber schwanger zu sein, ein Leben im Bauch wachsen zu spüren. „Ich wollte den Prozess des Mutterwerdens erleben.“ Bloß wie, wenn man eine Frau liebt?

Ein Jahr lang versuchten sie mithilfe eines privaten Spenders ein Kind zu bekommen. Das sah dann so aus: „Er kam vorbei, verschwand im Bad, hinterließ sein Sperma und ich habe es mir hinterher mit einer Pipette eingeführt.“ Medizinisch nennt sich das die „Bechermethode“. Indra erzählt es nüchtern und sachlich, so, als würde sie über einen Versuchsaufbau im Chemie-Unterricht Protokoll führen.

In diesem ersten Plan war vorgesehen, dass der Spender so eine Art „Onkel“ ist, den das Kind regelmäßig sieht. Das wäre eine Form von Co-Parenting gewesen, bei dem sich Menschen zusammenfinden und Kinder miteinander bekommen, ohne eine Liebesbeziehung zu führen. Allerdings kam es auch nach zehn bis zwölf Versuchen nicht zu einer Schwangerschaft.

Er kam vorbei, verschwand im Bad, hinterließ sein Sperma und ich habe es mir hinterher mit einer Pipette eingeführt.

Das war nicht nur aufgrund der vergeblichen Mühen frustrierend, sondern nagte auch an der zwischenmenschlichen Beziehung zu dem Spender. „Wer hat Schuld daran, dass es nicht klappt?“ Hinzu kam der emotionale Balanceakt für Indras Frau, das Gefühl, in dem Gespann so etwas wie das dritte Rad am Wagen werden zu können. „Wir wollten es irgendwann ohne einen Dritten im Boot versuchen!“

Sie entschieden sich für eine Samenspende aus Dänemark und das sogenannte Basisprofil, das heißt, über den biologischen Vater des Kindes ist so gut wie nichts bekannt. Im Basisprofil steht lediglich das Ergebnis des Spermiogrammes und Augenfarbe, Haarfarbe und Beruf des Spenders. „Bei Jontes Vater steht MSc Student – das kann von Chemiker bis Psychologe so ziemlich alles sein.“

Als Vater bleibt er anonym, es sei denn, Jonte entscheidet später, mit ihm Kontakt haben zu wollen. Sie lächelt. Wenn sie über den Prozess von Jontes Entstehung redet, dann klingt Indra vor allem wie eine Wissenschaftlerin. Sie erklärt sachlich, ruhig und genau. Im Frühling 2015 begann die Behandlung. Das Sperma wurde in die Kinderwunschklinik geliefert. Die Befruchtung wurde außerhalb des Körpers durchgeführt, dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Schwangerschaft.

Offiziell hat Jonte bisher nur eine Mutter und keinen Vater. Aufgrund der unklaren Gesetzeslage bei homosexuellen Paaren gilt ihre Partnerin nicht automatisch als Mutter.

Invitriobefruchtung heißt das im Fachterminus. Die Behandlung war erst nach fünf Versuchen erfolgreich. Für künstliche Befruchtung ist das spät. Offiziell hat Jonte bisher nur eine Mutter und keinen Vater. Aufgrund der unklaren Gesetzeslage bei homosexuellen Paaren gilt ihre Partnerin nicht automatisch als Mutter und muss Jonte erst noch adoptieren. Ein großer bürokratischer Mehraufwand, bei ähnlicher Tatsachenlage: Zwei sich liebende Menschen entscheiden sich für ein Kind. Die Frage drängt sich förmlich auf: Ist das gerecht?

Zumindest macht Jontes Glucksen viele Unannehmlichkeiten wett. Er liegt vor uns auf der Decke, hat bisher wenig Haar und große Augen, trägt Stoffwindeln, ist ziemlich groß für sein Alter, strampelt in einem hippen Einteiler, sabbert, grinst und kann sich fast schon alleine umdrehen.

In Indras Anwaltskanzlei gab es weder unangenehme Fragen noch komische Blicke. „Alle wussten, wie Jonte entstanden ist.“ Die Skepsis kam bei Indra eher aus der eigenen Familie, seitens ihrer Mutter. „Sie hat den Weg der künstlichen Befruchtung nicht nachvollziehen können.“

Ist dieses ganze Denken, dass Männer so und Frauen so sind, nicht wahnsinnig verstaubt?

Indra klingt empört, als sie ihre Mutter nachahmt: „Das Kind braucht eine männliche Bezugsperson!“ Sie kneift die Augen zusammen: „Kann ich nicht entscheiden, was mein Kind braucht? Kann ich das nicht einschätzen? Ist dieses ganze Denken, dass Männer so und Frauen so sind, nicht wahnsinnig verstaubt?“ Es ist nun mal so: Jonte hat zwei Mamas und einen Samenspender!

Die Fragen ihrer Mutter werden aber ganz schnell zu Lappalien, wenn es um gesellschaftliche Gleichberechtigung geht, die Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen sich auseinandersetzen müssen, wenn sie sich für Kinder entscheiden. „Ich fühle mich viel mehr als Frau und Mutter diskriminiert, als aufgrund meiner Homosexualität.“

Sie bezieht sich auf den Fakt, dass Frauen statistisch gesehen besser ausgebildet sind und trotzdem immer noch mehr Männer wichtige Posten in Politik und Wirtschaft bekleiden. „Das ist ein Widerspruch!“ Und viele Männer in Führungspositionen klassischer Unternehmen treibe das Gefühl nach dem „Altbewährten“, wenn sie andere einstellen. „Wo sind die Frauen?“

Zwei Monate Elternzeit für Väter – lächerlich! Das geht auch anders.

Und tatsächlich scheint die Schere besonders groß zu werden, sobald Frauen Kinder bekommen. Indra gestikuliert mit ihren Händen und schnaubt: „Zwei Monate Elternzeit für Väter – lächerlich!“ Das geht auch anders, meint sie: „In Schweden gibt es Elterngeld nur, wenn beide Elternteile gleich viel Elternzeit nehmen.“ (Anm. d. Red.: paritätisch geteilte Elternschaft heißt dieses Modell.)

„Und ganz ehrlich: Was würden viele Frauen tun, die ihren Job nicht mit ihrer Familie in Einklang bringen können?“ Ehe ich antworten kann, sagt sie schnell: „Sie würden sich einen anderen Job suchen, oder?“ Sie schaut mich an: „Jetzt ist mir eingefallen, was bei meiner Frau und mir wirklich anders ist, als in heterosexuellen Partnerschaften: Es gibt keine „natürlichen“ Rollen, die man annehmen oder gegen die man kämpfen kann. Alles entsteht im Dialog“.

Jonte brabbelt vor sich hin, als würde er sich auch gerne ins Gespräch einbringen. In ein paar Jahren wird er wissen, woher er stammt und welche Kämpfe seine Mütter für ihn kämpften. Jetzt gerade gibt es nur ein Thema für ihn: Milch. Es ist Zeit zum Stillen.

Headerfoto: Mütter mit Baby via Shutterstock. („Kiezgeschichten“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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