Ich, Arschloch

Manchmal hat man Angst. Nicht um sich selbst, sondern um einen anderen Menschen. Da ist plötzlich jemand in deinem Leben, der da vorher nicht war. Und auch nicht gleich wieder verschwindet.

Man verbringt Zeit. Zuerst Stunden, dann Nächte und irgendwann sogar Tage. Geht gemeinsam spazieren, in den Club oder Essen. Weil es unausweichlich ist. Und will wissen, neben wem man da eigentlich aufwacht. Spricht über morgen, aber dann eben auch über gestern.

Was damals passiert ist, als Tage noch ewig schienen. Wie weh es noch immer tut. Warum das nicht aufhört. Und genau in diesem Augenblick taucht sie plötzlich auf. Diese beschissene Angst. Die Erkenntnis, da sitzt auch ein Mensch. Mit einer Vergangenheit, der geweint, geschrien und gelitten hat.

Und anstatt jetzt, genau in diesem wichtigen Moment, stark sein zu können, sich selbst kurz zu vergessen – genau jetzt willst du nur noch davonlaufen. Siehst alle Probleme, die dieser neue Mensch in dein Leben bringt. Dass er irgendwann vielleicht verschwinden wird. Wahrscheinlich muss. Nicht weil er dich nicht genug liebt, sondern weil das Sterben, Verschwinden, Wegziehen einfach dazu gehört.

Zuerst bleibst du noch sitzen. Zeigst Anteilnahme, aber beim nächsten Mal, sitzt nur noch eine Hälfte von dir im Zimmer. Du löst dich langsam auf. Vergisst, zurückzuschreiben. Bis auch du nur ein weiteres Kapitel geworden bist, über das man lieber nicht spricht.

Wenn der Mensch sichtbar wird, wo heute nur noch ein Lächeln erwartet wird, stehen wir alle vor der Entscheidung: Wollen wir auf ewig, die selbst gewählte Sicherheit der Einsamkeit genießen oder doch lieber riskieren, von Tränen durchnässt ins Bett zu fallen, nachdem man zusammen im Regen getanzt hat?

Eigentlich kommt Julian aus Wien, ist aber irgendwie in Berlin gelandet. Hier schreibt er, manchmal auch für uns, oder macht “Irgendwas mit Brettspielen”. Früher hat er für die Liebe gearbeitet und sucht noch immer den richtigen Ersatz dafür. Außerdem liebt er Butter, Pudding und Thomas Bernhard. Mehr von ihm gibt es auf Twitter und Instagram.

Headerfoto: it was what it was (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

imgegenteil_Julian
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1 Comment

  • Cooler Text und vor allem: Cooles Auto mein lieber Autor. Wie Du Dir die letzte, entscheidende Frage selbst beantworten wirst, wirst Du in einiger Zeit, seien es Monate, Jahre oder Jahrzehnte, wissen. Ich habe mich vor Jahrzehnten für die Sicherheit entschieden. Manchmal bereut man, manchmal ist man froh drüber. Ich möchte Dir jedoch eine (warnende) Gegenfrage stellen: Willst Du sicher aber einsam sterben?

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